Markenlexikon

Ryanair

Irland

Die Idee, nicht nur Nahrungsmittel oder Waren des täglichen Bedarfs den Konsumenten billig zu verkaufen, sondern auch Flugreisen, ist nicht so neu, wie es scheint. Bereits 1949 bot die US-Fluggesellschaft Pacific Southwest Airlines (PSA) Flüge von San Diego nach Oakland bei San Francisco für sechzehn Dollar an. Die Tickets wurden in umgebaute Latrine aus dem 2. Weltkrieg verkauft. Noch erfolgreicher im Billigflugsegment wurde die 1967 gegründete Southwest Airlines aus Dallas/Texas, die zunächst Flüge zwischen den texanischen Städten Dallas, Houston und San Antonio durchführte. Southwest Airlines ist noch heute die größte Billigfluggesellschaft der Welt.

Nach dem Southwest-Vorbild gründeten Thomas Anthony (Tony) Ryan, ein früherer Angestellter der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus und Mitgründer der Flugzeug-Leasing Gesellschaft Guinness Peat Aviation (GPA), Christy Ryan (ebenfalls ein Ex-Aer-Lingus-Angestellter) und Liam Lonergan (Besitzer des Reiseunternehmens Club Travel) im Mai 1985 in Dublin die erste europäische Low Cost Airline. Gründungsaktionäre waren Tony Ryans Söhne Cathal, Declan und Shane Ryan. Zur gleichen Zeit unterzeichneten Großbritannien und Irland ein neues Luftverkehrsabkommen, das den kommerziellen Luftverkehr zwischen beiden Ländern deregulierte (zuvor durften nur British Airways und Aer Lingus Flüge zwischen beiden Ländern durchführen). Mit einer fünfzehnsitzigen brasilianischen Turboprop-Maschine vom Typ Embraer 110 Bandeirante, die Ryanair von GPA ausgeliehen hatte, flog Ryanair von der südirischen Stadt Waterford (Irland) nach Gatwick, dem zweitgrößten Londonder Flughafen. Im Mai 1986 kam eine zweite Strecke von Dublin zum Luton International Airport (Luton/Bedfordshire) dazu. Bis zu diesem Zeitpunkt gehörte die Strecke zwischen Dublin und London mit einem Hin-/Rückflugpreis von 209 Pfund zu den teuersten in Europa; Ryanair unterbot den reguären Preis um mehr als die Hälfte (94,99 Pfund). Anfangs wurden Turboprop-Flugzeuge des Typs BAe/HS 748 eingesetzt, ab Dezember 1986 auch strahlgetriebene BAC One-Eleven 50.

Durch die niedrigen Flugpreise erzielte Ryanair zwar hohe Passagierzahlen (600.000 Fluggäste pro Jahr), erwirtschafte aber auch Verluste in Höhe von 20 Millionen Pfund (1989). Zudem passte die staatliche Aer Lingus ihre Preise stets denen von Ryanair an. Mit Hilfe des damaligen irischen Verkehrsminister Séamus Brennan gelang es Tony Ryan 1989, dass die Flüge zwischen auf der Route zwischen Dublin und London erneut reguliert wurden; Aer Lingus erhielt die Rechte für die Flughäfen Heathrow und Gatwick, Ryanair für die wenig ausgelasteten und kostengünstigeren Flughäfen Luton und Stansted. 1991 machte Ryanair mit sechs BAC 1-11, 350 Mitarbeitern, fünf Strecken und 700.000 Passagieren erstmals Gewinn.

1993 wurde Michael O'Leary, ein Schulfreund von Tony Ryans Sohn Declan, der zuvor schon leitende Funktionen im Unternehmen innegehabt hatte, neuer Chef von Ryanair; Tony Ryan beschränkte sich fortan auf beratende Funktionen. O'Leary, der sich 1992 mit Southwest-Gründer Herbert Kelleher getroffen hatte, um das Modell der führendem US-Billigfluggesellschaft kennenzulernen, übertrug dieses System anschließend auf Ryanair und ergänzte es durch eigene Konzepte. Die Annahme, die billigen Preise, gehen zu Lasten der Sicherheit, erwies sich zumindest bei den führenden europäischen Low-Cost-Airlnes bis jetzt als Trugschluss. Es gibt genügend andere Möglichkeiten, die Kosten niedrig zu halten (u.a. einheitliche Flotte, Treibstoffersparnis durch neue Flugzeuge, kurze Bodenzeiten, nur Punkt-zu-Punkt-Flüge, Vermeidung von Nachtzuschlägen, Vermeidung von Übernachtungen der Crew an Fremdflughäfen, mehrere Strecken täglich pro Maschine und Besatzung, Reiseziele mit günstigen Flughafengebühren und/oder regionalen Subventionen, nur kostenpflichtige Getränke und Snacks während des Fluges, kein Entertainmentsystem oder TV, hohe Passagierkapazität durch enge Bestuhlung, Nutzung der in die Maschinen integrierten Fluggasttreppen, um kostenflichtige flughafeneigene Fluggastbrücken zu vermeiden, freie Sitzplatzwahl im Flugzeug, Buchungen fast ausschließlich online, telefonischer Service nur über kostenpflichtige Hotline). Southwest-Gründer Herb Kelleher äußerte sich über das Ryanair-Modell später anerkennend »Ryanair is the best imitation of Southwest Airlines that I have seen«.

O'Leary, der sich selten im Anzug sehen lässt, sondern in Jeans und Freizeithemden, und wie sein britischer Konkurrent Richard Branson (Virgin Atlantic) publikumswirksame Auftritte liebt, machte auch durch originelle und agressive Werbung auf Ryanair aufmerksam (»Auf Wiedersehen Lufthansa«, »Arrividerci Alitalia«, Plakate mit dem Brüsseler Wahrzeichen Männeken Pis und dem Slogan »Pissed off with SABENA's high fares?«, eine Kampagne mit dem Foto des für seine falschen Behauptungen bekannten früheren irakischen Informationsministers Mohammed al-Sahaf mit der Aussage »EasyJet hat die niedrigsten Preise«). Im Mai 2003 fuhren O'Leary und einige Ryanair-Mitarbeiter mit einem alten Sherman-Panzer aus dem 2. Weltkrieg zum Flughafen London-Luton, dem EasyJet-Hauptsitz, und reichten den verwunderten EasyJet-Angestellten Papiertaschentücher, mit dem ironischen Hinweis »Es täte ihm so leid, dass sie bald arbeitslos wären« (eine Anspielung auf den bevorsteherden Preiskrieg zwischen den beiden Konkurrenten).

1994 begann Ryanair damit, die Flugzeugflotte von BAC 1-11 auf Boeing 737 umzustellen. 1997 konnte das Unernehmen infolge der vollständigen Deregulierung des Flugverkehrs durch die EU die ersten Strecken nach Kontinentaleuropa eröffnen (Stockholm, Oslo, Paris, Brüssel). Im gleichen Jahr ging Ryanair an die Dubliner Börse und die US-Technologiebörse NASDAQ (seit 1999 ist Ryanair auch an der London Börse gelistet). 1999 wurde der frühere Militärflughafen Frankfurt-Hahn die erste deutsche Basis von Ryanair. 2003 übernahm Ryanair den verlustreichen Niedrigpreis-Ableger Buzz, den die KLM-Tochter KLM UK im Jahr 2000 gegründet hatte. Inzwischen ist Ryanair Europas größte Low-Cost-Airline und die drittgrößte europäischen Fluggesellschaft (Ende 2007: 563 Routen zwischen 25 europäischen Staaten und Marokko, 136 Zielflughäfen, fünfzig Mio. Passagiere, 151 Flugzeuge). Ryanair ist der weltweit größte Betreiber der Boeing 737 und besitzt die modernste Flugzeugflotte Europas. Tony Ryan starb im Oktober 2007 im Alter von 71 Jahren, wenige Wochen später starb auch sein Sohn Cathal im Alter von 48 Jahren.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:53