Markenlexikon

Junghans

Deutschland

Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden im Schwarzwald die ersten Uhren. Weil es in dieser Gegend viel Holz aber wenig Metalle gab, waren die Standuhren fast vollständig aus Holz gefertigt. Bald bekamen sie eine weitere Besonderheit: die Uhrwerke trieben über ein Hebelsystem zwei Blasebälge an, die unterschiedliche Töne erzeugen konnte. Als »Schwarzwälder Kukucksuhren« wurden sie weltbekannt. Mitte des 19. Jahrhunderts emigrierten jedoch viele Schwarzwälder aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage nach Amerika, wo sie »Schwarzwälder Kukucksuhren« in Massenproduktion herstellten und auch nach Deutschland exportierten.

Die Zurückgebliebenen – u.a. der frühere Strohhutfabrikant Erhard Junghans (1823 – 1870), dessen Bruder Franz zunächst ebenfalls zu den Auswanderern gehörte – schlugen in gleicher Weise zurück: sie produzierten billige Serienuhren und brachten sie in Amerika in den Handel. 1861 gründeten Erhard und Franz Xaver Junghans sowie ihr Schwager Jakob Zeller-Tobler in Schramberg die Firma Junghans & Tobler, die anfangs Holzkästen, Holzgestelle, Zeiger, Pendellinsen, Drahthaken und Scharniere für andere Uhrenfabrikanten fertigte. Die erste komplett gefertigte Junghans-Uhr entstand 1866. Junghans spezialisierte sich von Anbeginn auf die Produktion nach »amerikanischer Art«, also Massenfertigung. Selbst die Maschinen hatte Franz Junghans in Amerika gekauft. Allerdings verband sich bei Junghans Serienfertigung mit deutscher Wertarbeit, sodass sich die Standuhren und Wecker durch eine außergewöhnliche Ganggenauigkeit auszeichneten. Um die Jahrhundertwende war Junghans die größte Uhrenfabrik der Welt. Bald darauf brachte Junghans erstmals eine Taschenuhr auf den Markt und 1927 folgte die erste Armbanduhr – anfangs noch mit Uhrwerken der Uhren- und Maschinenfabrik Gebrüder Thiel aus Ruhla.

1957 wurde Junghans von der Nürnberger Diehl GmbH übernommen, die neben diversen Metallprodukten wie Messingstangen, Fahrdrähte für Schienenfahrzeuge und Munition auch Gleisketten für die Leopard-Panzer produzierte. 1970, kurz nachdem der japanische Uhrenkozern Seiko die erste Quarz-Armbanduhr der Welt entwickelt hatte, brachte Junghans die erste deutsche Quarz-Armbanduhr auf den Markt (Astro Quarz). 1976 wurde die Produktion mechanischer Uhrwerke ganz eingestellt. Ab Mitte der 1980er Jahre machte Junghans vor allem mit funkgesteuerten Uhren auf sich aufmerksam, die sich selbstständig mit der Atomuhr der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig abgleichen konnten (1985 erste funkgesteuerte Tischuhr, 1990 erste funkgesteuerte Armbanduhr der Welt). 1990 erwarb Diehl/Junghans Teile des Uhrenkombinates Ruhla und den Markennamen Eurochron, der bereits in den 1980er Jahren für Ruhla-Quarz-Armbanduhren verwendet worden war.

Im Jahr 2000 verkaufte Diehl die Junghans Uhren GmbH an den deutsch-chinesischen Luxusgüterkonzern Egana-Goldpfeil mit Sitz in Hongkong, dem die Marken Accutron, Apollo, Bulova, Comtesse, Dugena, Goldpfeil, Joop, Pierre Cardin, Salamander und Sioux gehörten. Egana-Goldpfeil vertrieb auch Uhren und Schmuck der Marken Accutron, Bulova, Carrera, Cerruti 1881, Goldpfeil, Esprit, Joop, Mexx, Pierre Cardin und Puma. Finanzielle Schwierigkeiten der Muttergesellschaft Egana-Goldpfeil, die flaue Konjunktur, Pensionsverpflichtungen und langfristige Mietverträge trieben Egana-Goldpfeil Europe (Offenbach) und Junghans im August 2008 in die Insolvenz. 2009 wurden die Unternehmer Dr. Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes Steim neue Eigentümer der Junghans Uhren GmbH. Steims Urgroßvater hatte einst Zugfedern für die Schwarzwälder Uhrenindustrie hergestellt, heute ist Hans-Jochem Steim geschäftsführender Gesellschafter der Kern-Liebers-Gruppe aus Schramberg, einem Zulieferer für die Textil- und Autoindustrie (u.a. Federn, Stanzteile, Nadeln). Inzwischen spezialisierte sich die Uhrenfabrik Junghans wieder mehr auf hochwertige mechanische Uhren.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:51