Markenlexikon

Camel / Camel Active

USA

Richard Joshua Reynolds (1850 – 1909) hatte bereits einige Zeit auf der Tabakfarm seines Vaters in Virginia gearbeitet, bevor er sich 1874 im Alter von 25 Jahren in dem kleinen Städtchen Winston im Tabakstaat North Carolina niederließ, um dort ein Jahr später eine eigene Firma zu gründen. Anfangs stellte Reynolds ausschließlich Kautabak her, ab 1895 auch Rauchtabak. Um die Jahrhundertwende war die R.J. Reynolds Tobacco Company der größte Kautabakhersteller der USA. 1899 wurde Reynolds Tobacco ein Teil der American Tobacco Company, die der legendäre Tabakbaron James Buchanan Duke (1856 – 1925) 1890 in Durham/North Carolina gegründet hatte. Erst als die US-Kartellbehörde American Tobacco 1911 in mehrere unabhängige Unternehmen aufteilte, wurden Reynolds und auch andere Tabakfirmen wie Lorillard oder Liggett & Myers (L&M) wieder selbstständig.

1913 – in dem Jahr, als man die Stadt Winston mit dem in der Nähe liegenden Dorf Salem zusammenschloss – brachte Reynolds, begleitet von einer gigantischen Werbekampagne (Slogan: »The Camels are coming«), seine erste Zigarette auf den Markt: Camel. Als Vorlage für die Zeichnung auf der Schachtel diente ein Dromedar, ein einhöckriges Kamel aus dem Zirkus Barnum & Bailey, der damals gerade in Winston-Salem gastierte. Wie schon ein Jahr zuvor Chesterfield von Liggett & Myers bestand auch Camel aus einer Mischung von türkischen und amerikanischen Tabaken (Brightleaf, Burley), die in Virginia, Maryland, Kentucky, Tennessee, North Carolina, South Carolina, Georgia und Florida angebaut wurden. Durch die Beimischung der preiswerten einheimischen Tabake war die Herstellung billiger, sodass man Camel zum halben Preis anderer Zigaretten verkaufen konnte. Später nannte man diese Tabakmischung »American Blend«.

Camel, Chesterfield (Liggett & Myers) und Lucky Strike (American Tobacco) verhalfen den billig zu produzierenden und schnell konsumierbaren Zigaretten gegenüber den vorher üblichen Pfeifen und Zigarren zum Durchbruch. Camel entwickelte sich im nächsten halben Jahrhundert zur erfolgreichsten Zigarette der USA (Slogan: »I'd walk a mile for a Camel«; in Deutschland: »Ich geh' meilenweit für meine Camel«). Ein weiterer Slogan lautete 1936: »More Doctors Smoke CAMELS than any other cigarette!« (»Mehr Ärzte rauchen CAMEL als jede andere Zigarettenmarke«). Erst Mitte der 1960er Jahren endete die Camel-Marktführerschaft, nachdem sich leichtere Filterzigaretten wie Winston, Pall Mall, Kent oder Marlboro mit imageträchtigen Werbekampagnen an die Spitze vorgekämpft hatten. Eine Filterzigarette gab es von Camel erst 1966. Außer Camel stellte R.J. Reynolds u.a. auch noch die Marken Winston Filters (seit 1954), Salem/Reyno Menthol (seit 1956) und Doral (seit 1969) her.

Da die Gesundheitsgefahren des Rauchens in den 1950er und 1960er Jahren immer offensichtlicher wurden (bereits ab 1965 mussten in den USA Warnhinweise auf Zigarettenverpackungen angebracht werden), versuchte R.J. Reynolds den erwarteten Umsatzrückgang mit dem Erwerb von branchenfremden Unternehmen auszugleichen (1963 Pacific Hawaiian Products, 1969 Sea-Land Services, 1970 Aminol, 1979 Del Monte, 1982 Heublein/KFC/Smirnoff, 1985 Nabisco Brands); diese Beteiligungen wurden 1970 in der Holdinggesellschaft R.J. Reynolds Industries zusammengefasst (ab 1986 RJR-Nabisco Inc.). Außerdem vergab die Reynolds-Tochter Worldwide Brands Inc. (WBI) Lizenzen für die Herstellung von Camel-Bekleidungsartikeln (u.a. 1976 Schuhe, 1977 Herrenfreizeit-Bekleidung, 1986 Uhren, 1989 Reisetaschen, 1994 Socken, 2004 Brillen, 2006 Unterbekleidung). WBI organisierte auch die Camel Trophy, die von 1980 bis 2000 stattfand.

1988 wurde RJR-Nabisco in eine der spektakulärsten Übernahmeschlachten der 1980er Jahre verwickelt. Reynolds-Chef Frederick Ross Johnson, das Reynolds-Management, die auf Firmenübernahmen spezialisierte New Yorker Investmentfirma Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) sowie mehrere andere Übernahmespezialisten und Aktienhändler boten monatelang um die Wette und trieben den Aktienpreis auf fast das doppelte seines eigentlichen Wertes. Letzlich setzte sich KKR durch, übernahm 1988 die Mehrheit und zerlegte den aufgeblasenen Konzern in seine Einzelteile. Erst 1995 zog sich KKR aus dem Unternehmen zurück.

1999 trennte sich RJR-Nabisco wieder in zwei Teile: Nabisco (Kekse, Knabbergebäck; gehört inzwischen zu Kraft-Heinz) und R.J. Reynolds Tobacco (Tabak). Gleichzeitig verkaufte R.J. Reynolds die internationalen Herstellungs- und Vertriebsrechte für die Marken Camel, Winston und Salem an Japan Tobacco (Mild Seven), sodass auf den Schachteln außerhalb Nordamerikas nun nicht mehr R.J. Reynolds Tobacco Co. als Hersteller bzw. Lizenzgeber steht, sondern JT International (JTI). JTI beendete auch die Camel Trophy und konzentrierte sich mehr auf die Vermarktung von Camel-Active-Bekleidung, die größtenteils von der deutschen Firma Seidensticker aus Bielefeld hergestellt wird. Seidensticker trägt auch die weltweite Verantwortung für Design, Produktion, Vertrieb und Marketing in den Produkt-Segmenten Bekleidung, Schuhe, Taschen und Uhren.

2002 erwarb R.J. Reynolds die Santa Fe Natural Tobacco Company aus Santa Fe/New Mexico, die seit 1982 die Marke Natural American Spirit (ohne Zusatzstoffe) herstellt, 2006 die Conwood Company aus Memphis/Tennessee (seit 2010 American Snuff Company), ein Schnupftabakproduzent (Marken: Grizzly, Hawken, Kodiak, Levi Garrett), und 2009 den schwedischen Nikotin-Kaugummi-Hersteller Niconovum AB.

2004 schlossen sich die R.J. Reynolds Tobacco Company (Camel, Doral, Salem, Winston) und die British-American-Tobacco-Tochter Brown & Williamson Tobacco Company (Barclay, Belair, Capri, GPC, Kool, Lucky Strike, Pall Mall, Viceroy), die 1994 bereits die American Tobacco Company (Pall Mall, Lucky Strike) übernommen hatte, zur Reynolds American Inc. (Winston-Salem/NC) zusammen; British American Tobacco war an diesem Unternehmen mehrheitlich beteiligt (2016 erwarb BAT auch die restlichen Anteile).

2014/2015 erwarb Reynolds American den US-Konkurrenten Lorillard Tobacco Company (Kent, Newport Menthol); als Folge musste Reynolds American die Menthol-Marken Kool und Salem, außerdem die Marken Winston und Maverick an Imperial Tobacco (John Player, John Player Special, Gauloises, Gitanes, Davidoff, West, Peter Stuyvesant, Drum, Van Nelle) verkaufen.

2009 starb der langjährige Winston-Man Alan Landers im Alter von 68 Jahren an Lungen- und Kehlkopfkrebs (bereits 1988 waren ihm Teile der rechten Lunge entfernt worden); damit reihte sich der stark rauchende Schauspieler (bis zu 50 Stück am Tag), der ab Mitte der 1960er Jahre hochbezahlte Werbung für Winston machte, in die lange Reihe der Zigaretten-Werbefiguren ein, die ihre Sucht und ihr Engagement für die Tabakindustrie mit dem Leben bezahlten. Ex-Raucher Patrick Reynolds, der Enkel des Firmengründers, ist heute einer der größten Gegner des Rauchens und eine der Gallionsfiguren der amerikanischen Nichtraucher-Bewegung. Zahlreiche Mitglieder der Reynolds-Familie – alle jahrzehntelange stramme Raucher – waren an Krebserkrankungen gestorben, einschließlich der Firmengründer.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:50