Markenlexikon
Der aus Whitefield/New Hampshire stammende Stilson Hutchins (1838 – 1912) arbeitete zunächst als Journalist und Mitherausgeber bei der Zeitung Dubuque Herald in Dubuque/Iowa. 1866 ging er nach St. Louis/Missouri, wo er eine eigene Zeitung gründete (Saint Louis Times); außerdem wurde er Abgeordneter der Demokratischen Partei in Missouri. Um näher an der großen Politik zu sein, rief er 1877 in der US-Hauptstadt Washington/D.C. die Washington Post ins Leben. Die erste Ausgabe erschien am 6. Dezember 1877.
Die Demokratische Partei war damals noch eine sehr konservative Partei, deren Machtbasis vor allem in den Südstaaten lag. Das spiegelte sich auch in den frühen Artikeln der Washington Post wider. Erst im 20. Jahrhundert wandelte sich die Partei hin zu einer sozialliberalen Politik (vor allem unter Franklin D. Roosevelt), während die früher fortschrittlichere Republikanische Partei in dieser Zeit immer weiter nach rechts rückte.
1889 verkaufte Hutchins die Zeitung an die beiden Politiker Frank Hatton (1846 – 1894) und Beriah Wilkins (1846 – 1905). Nach Hattons Tod wurde Wilkins alleiniger Eigentümer. Wilkins’ Söhne John und Robert verkauften die Zeitung 1905 an den Verleger John Roll McLean, dem der Cincinnati Enquirer gehörte. Sein Sohn Edward (Ned) Beale McLean (1889 – 1941), ein vollkommen unfähiger Playboy, wirtschaftete die Washington Post durch seinen verschwenderischen Lebensstil in den Ruin. 1933 wurde Ned McLean von einem Gericht für unzurechnungsfähig erklärt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Im selben Jahr erwarb der Banker Eugene Isaac Meyer (1875 – 1959) die Washington Post bei einer Konkursauktion.
Nachdem Präsident Harry S. Truman Meyer 1946 zum Chef der Weltbank ernannt hatte, wurde sein Schwiegersohn Philip Leslie Graham (1915 – 1963) Herausgeber der Washington Post. Nach nur sechs Monaten gab Meyer sein Amt bei der Weltbank jedoch wieder auf. Bis zu seinem Tod 1959 blieb er Chef der Washington Post Company (WPC). 1948 übertrug Meyer seine Aktien an dem Unternehmen an Phil Graham und seine Tochter Katharine Graham (1917 – 2001).
1949 stieg die WPC mit einer Beteiligung an der Radiostation WTOP Washington, die anfangs gemeinsam mit CBS betrieben wurde, in das damals noch junge Rundfunkgeschäft ein. Später kamen noch weitere Unternehmen in diesem Bereich hinzu. 1954 erwarb die WPC die Morgenzeitung Times-Herald und 1961 das Nachrichtenmagazin Newsweek.
Phil Graham war eng mit John F. Kennedy, Robert Kennedy und Lyndon B. Johnson befreundet. Für alle drei schrieb er auch zahlreiche Reden und unterstützte sie bei ihren Wahlkämpfen und bei der Regierungsarbeit. Graham, der unter einer bipolaren Störung (manische Depression) litt und reichlich Alkohol konsumierte, erschoss sich im August 1963 mit einer Schrotflinte. Daraufhin führte Katharine Graham die Zeitung und die WPC alleine weiter. 1965 wurde Benjamin (Ben) Bradlee (1921 – 2014), ein ehemaliger Europa-Korrespondent der Newsweek, langjähriger Chefredakteur der Washington Post (bis 1991). 1971 ging die WPC an die New Yorker Börse.
In den 1970er Jahren feierte die Washington Post ihre größten Erfolge. 1971 veröffentlichte das Blatt gemeinsam mit der New York Times die Pentagon-Papiere, eine geheime Studie des US-Verteidigungsministeriums, die herausfinden sollte, warum die USA im Vietnamkrieg keinen Erfolg hatten, wie das Scheitern hätte verhindert werden können und welche Lehren man für die Zukunft daraus ziehen konnte. Die Nixon-Regierung versuchte die Veröffentlichung aus Gründen der nationalen Sicherheit per Gerichtsbeschluss zu unterbinden. Das war das erste Mal in der US-Geschichte, dass einem Medium eine Veröffentlichung gerichtlich verboten wurde. Die beiden Zeitungen zogen daraufhin vor den Obersten Gerichtshof der USA und gewannen den Prozess.


Noch größere internationale Aufmerksamkeit erregte die Watergate-Affäre, die 1974 mit dem Rücktritt des US-Präsidenten Richard Nixon endete. Die beiden jungen Lokalreporter Bob Woodward und Carl Bernstein, die 1972/1973 eine ganze Reihe von Verfehlungen mehrerer Regierungsmitglieder mithilfe des damals noch geheimen Informanten Deep Throat (der stellvertretende FBI-Direktor Mark Felt) aufdeckten, wurden weltberühmt und die Washington Post gewann 1973 einen Pulitzer-Preis. Die Hollywood-Stars Robert Redford und Dustin Hoffman drehten 1976 sogar einen Spielfilm über die beiden Reporter (All the President’s Men).
Mehrere hochrangige Mitglieder der Nixon-Regierung wurden später zu Haftstrafen verurteilt: Bob Haldeman (Stabschef des Weißen Hauses), John Ehrlichman (Chefberater für innere Angelegenheiten des Präsidenten), John N. Mitchell (US-Justizminister), John Dean (Rechtsberater des Weißen Hauses) und Gordon Liddy (Mitarbeiter im innenpolitischen Stab von John Ehrlichman).
Die Watergate-Affäre führte auch zu einer neuen Ära des investigativen Journalismus. Waren Politskandale zuvor eher durch Zufall oder durch Informanten, die sich an die Presse wandten, aufgedeckt worden, machte sich nun in westlichen Ländern, wo die Presse frei agieren konnte, eine neue Generation von Journalisten daran, ganz gezielt nach Verfehlungen von Politikern, Regierungen und Wirtschaftsunternehmen zu suchen, in der Hoffnung, mit einer großen Story genauso berühmt wie Bernstein und Woodward zu werden.
Mit zunehmender Verbreitung des Internets hatte die Washington Post, wie auch viele andere Zeitungen und Zeitschriften, mit einem starken Rückgang der Auflage zu kämpfen. Mehrmals mussten Mitarbeiter entlassen und Auslandsbüros geschlossen werden. Eine Zeit lang konnten die Verluste durch zahlreiche andere Unternehmen (private Bildungseinrichtungen, TV- und Radiosender), die die Washington Post Company besaß, kompensiert werden. Die International Herald Tribune, eine englischsprachige internationale Tageszeitung, die die WPC seit 1967 gemeinsam mit der New York Times herausgab, wurde 2002 an die NYT verkauft, die Newsweek erwarb 2010 der Unternehmer Sidney Harman (Harman/Kardon). 2009 stellte die Zeitung den Vertrieb außerhalb der US-Ostküste ein. Der größte Teil der Leserschaft lebt in Washington/D.C. sowie in den Bundesstaaten Maryland und Virginia.
2013 verkaufte die Graham-Familie die Zeitung schließlich an den Amazon-Gründer Jeff Bezos, nicht jedoch die Washington Post Company mit den anderen Aktivitäten. Die WPC wurde daraufhin in Graham Holdings Company umbenannt. Bezos gründete für die Übernahme die Firma Nash Holdings.
Die Washington Post gilt neben der New York Times, dem Wall Street Journal und der Los Angeles Times als eine der renommiertesten Tageszeitungen der USA. Bis 2023 gewann sie 73 Mal den Pulitzer-Preis. Die Zeitung gilt als sehr liberal, ähnlich wie die New York Times. Sie unterstützt fast ausschließlich demokratische Politiker und Präsidenten. Wegen ihrer teilweise linkslastigen Leitartikel und Berichterstattung wird die Zeitung von konservativen Kritikern gelegentlich auch als »Prawda vom Potomac« bezeichnet.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Public Domain