Markenlexikon
Die Stadt Itabira im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Goldsuchern gegründet. Der Name ltabira stammt aus der Tupi-Sprache und bedeutet glänzender Stein. 1911 gründete der deutsch-britische Bankier Sir Ernest Cassel (1852 – 1921) in Itabira die Itabira Iron Ore Company, die anschließend rund achtzehntausend Hektar Land, die Caué-Peak-Mine und eine Beteiligung an der noch nicht fertiggestellten Eisenbahnlinie Vitória – Belo Horizonte erwarb. Geplant war auch der Bau eines Stahlwerks und eines Hafens rund fünfzig Kilometer nördlich von Vitória am Atlantischen Ozean.
Die Mine besteht größtenteils aus Hämatit (Eisenglanz) und enthält außergewöhnlich reines Eisen (69 Prozent). Als Rissfüllungen kommen auch palladiumhaltiges Gold und andere Platinmetalle vor. 1918 verkaufte Cassel seine Anteile an eine Gruppe britischer Investoren. 1940, als die Mine das erste Erz förderte, erwarb die neugegründete Companhia Brasileira de Mineração e Siderúrgica die meisten Vermögenswerte der Itabira Iron Ore Company, mit Ausnahme des Stahlwerks. Unter der Regierung des Nationalisten Getúlio Vargas (Präsident Brasiliens von 1930 bis 1945 und von 1950 bis 1954) wurde 1942 schließlich die staatliche Companhia Vale do Rio Doce (CVRD, Gesellschaft Tal des Rio Doce) gegründet, die alle Minen und Anlagen übernahm. Das Tal des rund achthundert Kilometer langen Rio Doce ist bis heute das Zentrum der brasilianischen Stahlindustrie (Arcelor Mittal/Acesita, CSBM Companhia Siderúrgica Belgo Mineira, Usiminas).
Die CVRD exportierte das Eisenerz und die Eisenerz-Pellets zunächst vor allem nach Nordamerika. 1967 entdeckte ein Geologe des US-Stahlkonzerns U.S. Steel in den Carajás Mountains (Parauapebas/Pará) in Nordbrasilien ergiebige Eisenerzvorkommen. Da die brasilianische Regierung einem ausländischen Unternehmen nicht die alleinigen Abbaurechte geben wollte, beteiligte sich die CVRD 1970 an der Betreibergesellschaft mit einem Mehrheitsanteil. U.S. Steel verkaufte seinen Anteil 1977 an die CVRD. Im Tagebau Carajás wird seit 1978 neben Eisenerz auch Bauxit, Gold, Kupfer, Mangan und Nickel gefördert. 1974 wurde das Unternehmen größter Eisenerz-Produzent der Welt, eine Position, die es bis heute innehat. 1977 gründeten CVRD und der australische Bergbaukonzern BHP das Jointventure Samarco Mineração mit Standorten in Anchieta, Mariana und Ouro Preto.
1997 wurde die CVRD teilprivatisiert. Seit 2007 firmiert das Unternehmen unter dem verkürzten Namen Vale. Von 2001 bis 2006 erwarb Vale mit der Caemi Mineração e Metalurgia ein weiteres führendes brasilianisches Bergbau-Unternehmen. 2006 übernahm Vale die kanadische lnco Limited (Gold, Kobalt, Kupfer, Nickel, Platin, Platinmetalle, Silber). Das Aluminiumgeschäft wurde 2015 an Norsk Hydro verkauft, die Kohleaktivitäten in Mosambik erwarb zur gleichen Zeit der japanische Mitsui-Konzern.
Im November 2015 kam es infolge eines Erdbebens an einer Samarco-Erzmine nahe der Stadt Mariana zum Bruch von zwei Dämmen eines Rückhaltebeckens, woraufhin sich eine Schlammlawine in das darunter gelegene Tal ergoss und den Ort Bento Rodrigues unter sich begrub. Neunzehn Menschen kamen dabei ums Leben. Der giftige Schlamm verseuchte mehrere Flüsse (Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo, Rio Doce) bis hin zur Mündung des Rio Doce in den Atlantik. Im Januar 2019 kam es erneut zu einem Dammbruch in einer Vale-Mine (Mina Córrego do Feijão). Wieder brach ein Damm, die anschließende Schlammlawine zerstörte weite Teile der Stadt Brumadinho und das Ökosystem des Flusses Paraopeba. Bis März 2019 waren 186 Todesopfer geborgen worden.
Der Konzern fördert und verarbeitet vor allem Eisenerz, Gold, Kohle, Kupfer, Mangan, Nickel und Platinmetalle, darüber hinaus betreibt er mehrere Eisenbahn-Gesellschaften, Häfen, Container Terminals, Logistikunternehmen, Wasserkraftwerke und eine Reederei. Die meisten Förder- und Produktionsstandorte befinden sich in Brasilien, weitere gibt es in Australien, Chile, Indonesien, Kanada, Mosambik und Sambia. Vale ist an den Börsen São Paulo, New York, Paris und Madrid notiert.
Text: Toralf Czartowski