Markenlexikon
Während des Zweiten Weltkriegs, als die deutsche Armee die Sowjetunion überfallen hatte, wurden zahlreiche Industriebetriebe in weiter östlich gelegene Gebiete verlagert, um sie vor der Zerstörung zu bewahren, so auch Teile des Moskauer Lastwagen-Herstellers ZIS (Zawod Imeni Stalina). Das neu aufgebaute Werk in Miass am Ural-Gebirge (Uralski Awtomobilny Sawod imeni Stalina) nahm 1942 die Fertigung von Motoren und Getrieben auf. 1944 ging der Dreitonnen-Lastwagen ZIS-5W, ein zweiachsiger Langhauber mit Benzinmotor, in Produktion.
Nach dem Ende des Krieges wurde eine modifizierte Version des ZIS-5W (UralZIS-355) bis 1955 weitergebaut, insgesamt rund zweihunderttausend Exemplare. Nachfolger wurde 1958 der UralZIS-355M, eine modernisierte Variante des UralZIS-355, der bis 1965 in Produktion blieb. Von diesem Modell entstanden rund hundertneunzigtausend Exemplare. Ab den frühen 1960er Jahren spezialisierte sich das Unternehmen, das ab 1962 als Uralski Awtomobilny Sawod (UralAZ) firmierte, auf geländegängige Militärlastwagen mit drei Achsen, Ottomotoren und Allradantrieb. Der Fünftonner Ural-375, ebenfalls ein Langhauber, wurde von 1960 bis 1993 in zahlreichen verschiedenen Versionen produziert. Er kam vor allem in der sowjetischen Armee und den Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten in unterschiedlichen Varianten (Pritsche, Kipper, Tanker, Sonderaufbauten, Sattelzugmaschine, gepanzert) zum Einsatz. Es gab auch eine zivile Variante (Ural-377).


Der Ural-4320 (ab 1977), der äußerlich fast identisch aussah, hatte im Gegensatz zum Ural-375 einen wirtschaftlicheren Dieselmotor aus dem Kamaz-Lastwagenwerk, was zumindest abseits von Gebieten mit extrem niedrigen Temperaturen von Vorteil war. Der Ottomotor des Ural-375 verbrauchte gut 45 Liter Benzin auf hundert Kilometer, blieb aber dafür bei niedrigen Temperaturen länger betriebsfähig. 1991 kam der vierachsige und geländegängige Zehntonner Ural-5323 heraus. Das Fahrerhaus stammte zunächst von Kamaz und ab 1994 von Iveco. Die Motoren wurden von Kamaz und JaMZ (Jaroslawski Motorny Zawod) zugeliefert.
2011 nahm Ural die Serienfertigung des schweren Ural-6370 mit einer Nutzlast von 21,5 Tonnen auf, den es auch als Sattelzugmaschine gibt. Bei diesem Modell kamen ebenfalls diverse Teile von nichtrussischen Herstellern zum Einsatz (Iveco, Hella, Knorr Bremse, Komatsu, Rába, Wabco, ZF). Aktuellstes Modell ist der Ural Next, ein allradgetriebener Langhauber mit einer Nutzlast von bis zu dreizehn Tonnen, der sich seit 2015 in der Serienproduktion befindet. Der Ural Next hat eine gewisse Ähnlichkeit mit modernen US-amerikanischen Conventional-Trucks. Von 2001 bis 2005 gehörte UralAZ zur russischen Autoholding RusPromAvto und von 2005 bis 2018 zur GAZ-Gruppe aus Nischni Nowgorod (Gorkowski Awtomobilny Zawod). GAZ produzierte Pkw (Popeda, Tschaika, Wolga), Geländewagen (GAZ 69), Lastwagen (GAZ 51-53) und Transporter (GAZelle). Inzwischen ist Awtomobilny Zawod Ural, so der aktuelle Firmenname, wieder ein selbstständiges Unternehmen.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Pixabay.com, Public Domain