Markenlexikon
Dass es im Kongo-Gebiet reichhaltige Bodenschätze geben musste, hatten europäische Entdecker bereits Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Verwendung von Kupfer in lokalen Ornamenten bemerkt. Im großen Stil gefördert wurden sie jedoch erst viel später. Das erzreiche Gebiet im Süden des Kongo und im angrenzenden Sambia (früher Nord-Rhodesien) erhielt später die Bezeichnung Copperbelt. Der schottische Missionar David Livingstone (1813 – 1873) und der britische Journalist Henry Morton Stanley (1841 – 1904) waren die ersten Europäer, die das Kongobecken und den Verlauf des Flusses Kongo in den 1870er Jahren genauer erkundeten. Stanleys Ziel war es, das Kongo-Gebiet dem britischen Kolonialreich in Afrika, das von Ägypten bis ins südliche Afrika reichte, anzugliedern. Die britische Regierung zeigte jedoch kein Interesse. Dafür umso mehr der belgische König Léopold II. (1835 – 1909), der wie schon sein Vater und Vorgänger Léopold I. (1790 – 1865) von einem eigenen Kolonialreich träumte.
Mit dem Geld Léopolds II. und verschiedener Missionsgesellschaften kaufte Stanley ab 1878 den Bantu-Häuptlingen, die meist Analphabeten waren und nicht verstanden, was sie da unterschrieben, weite Teile des Kongo-Gebiets ab. 1881 gründete Stanley die Stadt Léopoldville (ab 1966 Kinshasa). Auf der Internationalen Kongo-Konferenz, die Otto von Bismarck 1884 in Berlin veranstaltete, wurde Léopold II. der Kongo schließlich als Privatbesitz der belgischen Krone zugesprochen – mit der Verpflichtung, »die Erhaltung der eingeborenen Bevölkerung und die Verbesserung ihrer sittlichen und materiellen Lebenslage zu überwachen, an der Unterdrückung der Sklaverei und des Negerhandels mitzuwirken« und »religiöse, wissenschaftliche und wohltätige Einrichtungen und Unternehmungen zum Besten der Eingeborenen zu schützen«. Der Kongo-Freistaat, wie er nun hieß, gehörte ab 1885 der neu gegründeten Association Internationale du Congo (AIC), deren alleiniger Eigentümer Léopold II. war. Die Regierung in Boma war nur Léopold II. rechenschaftspflichtig.
Die politische und wirtschaftliche Verwaltung des riesigen Landes, das 77-mal größer als Belgien war, überforderte den König und auch den belgischen Staat, der immer wieder Kredite zur Verfügung stellen musste, jedoch hoffnungslos. Es gab keine Gesetze, keine Gerichte, und die europäischen Beamten und Offiziere führten sich in ihrer Provinz oftmals wie Alleinherrscher auf. Das mörderische Klima, an das Europäer nicht gewöhnt waren, Malaria und die Langeweile auf einsamen Posten fernab jeder vertrauten Umgebung führten zu Ängsten und Depressionen bis hin zu komplettem Wahnsinn, der sich in zahlreichen Massakern entlud.
Die Force Publique, eine Art Privatarmee Léopold II., die aus europäischen Offizieren und afrikanischen Soldaten, Kriegern und Söldnern bestand, aber auch die Provinzverwalter, bauten mithilfe von Mord und Folter ein Zwangssystem auf, das als Kongogräuel in die Geschichte einging. Einheimische – vielfach auch Kinder –, die nicht genug Rohkautschuk sammelten und als eine Art Steuer ablieferten, wurden erschossen, ausgepeitscht oder man hackte ihnen die Hände ab. Der Druck, immer mehr Kautschuk zu sammeln, dessen Nachfrage in Europa stetig stieg, führte auch dazu, dass keine Zeit mehr blieb, die Felder zu bestellen. Jagen und Fischen galt als Wilderei und wurde ebenfalls mit dem Tod bestraft. Die Folge waren Hungersnöte, denen große Teile der Bevölkerung zum Opfer fielen. Andere verließen ihre Dörfer und zogen sich in den tieferen Dschungel zurück, um der Force Publique zu entkommen.
Die Gräueltaten wurden um die Jahrhundertwende durch die Berichte von Missionaren auch in Europa bekannt und führten zu internationalen Protesten. Auf Druck der Weltöffentlichkeit musste Léopold II. den Kongo-Freistaat schließlich 1908 für fünfzig Millionen belgische Francs an den belgischen Staat verkaufen, der das Gebiet in eine Kolonie umwandelte (Belgisch-Kongo). Die Zwangsarbeit wurde zwar 1910 offiziell abgeschafft, doch die Ausbeutung des Landes ging weiter. Léopold II. verbrachte sein letztes Lebensjahr als eine der meistgehassten Personen Europas. Als er im Dezember 1909 starb, buhte die belgische Bevölkerung den Trauerzug aus.
Die Verwaltung der Provinz Katanga hatte Léopold II. der privaten Firma Compagnie du Katanga übertragen, die später in Comité Spécial du Katanga (CSK) umbenannt wurde. Zur Entwicklung und Förderung der Kupfervorkommen in Katanga riefen die CSK, die belgische Handels- und Investmentgesellschaft Société Générale de Belgique sowie die Tanganyika Concessions Limited 1906 die Union Minière du Haut-Katanga (UMHK; Vereinigte Minen von Ober-Katanga) mit Hauptsitz in Élisabethville (ab 1966 Lubumbashi) ins Leben.
Die Société Générale de Belgique war 1822, als Belgien noch zu den Niederlanden gehörte, vom niederländischen König Willem I. zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes gegründet worden. Eine Zeit lang fungierte die SGB auch als Nationalbank Belgiens (1830 – 1850). Später investierte das Unternehmen in Straßenbauprojekte, Eisenbahnlinien, den Bergbau und wurde so zur größten belgischen Industrieholding. Die Bankgeschäfte wurden 1934 verselbstständigt (Générale Bank).
Die von dem britischen Bergbauingenieur Robert Williams (1860 – 1938) geleitete Tanganyika Concessions Limited entstand 1899 im Auftrag von Lady Daisy Greville, Countess of Warwick (1861 – 1938), einer Mätresse des britischen Königs Edward VII. Sie besaß Anteile an mehreren Eisenbahn- und Bergbaugesellschaften in Ost- und Zentralafrika.


Die Kupferförderung begann 1912 in der Ruashi-Mine am Stadtrand von Élisabethville (Lubumbashi). Daneben wurde in den Minen der Union Minière auch Gold, Kobalt, Radium, Silber, Uran, Zink und Zinn gefördert und anschließend in zahlreichen Anlagen (Hütten, Chemiefabriken, Wasserkraftwerke) weiterverarbeitet. Die Union Minière hatte zeitweise ein weltweites Monopol auf Uran und Kobalt und war der drittgrößte Kupfer-Exporteur der Welt. Das Uran (und das daraus gewonnene Plutonium) für die ersten US-amerikanischen Atombomben, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, stammte ebenfalls aus Katanga (Chinkolobwe Mine). Belgien, Belgisch-Kongo und die Provinz Katanga profitierten von den Einnahmen aus den Bodenschätzen enorm – zumindest im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern ohne große Bodenschätze. Es wurden Straßen und Eisenbahnlinien gebaut, u. a. die Benguela-Bahn von Katanga bis zur angolanischen Hafenstadt Lobito. Die UMHK betrieb Apotheken, Krankenhäuser, Schulen und Sportstätten, und ab 1928 gab es sogar eine Unfallentschädigungsregelung. Die Kontrolle des Konzerns über die Arbeiter und Angestellten war allerdings auch allumfassend.
Die seit 1921 betriebene Chinkolobwe-Mine, die einst uranreichste Erzlagerstätte der Welt, wurde 1960 nach dem Abzug der belgischen Truppen geschlossen und die Stollen mit Beton verfüllt. Da das Uranerz aber auch im Tagebau abgebaut wurde, kam es später immer wieder zu illegalem Erzabbau (Kupfer, Kobalt) von Privatpersonen. Dabei gelangte auch radioaktiver Abraum in die Umwelt.
Im Juni 1960 entließ Belgien den Kongo vollkommen unvorbereitet in die Unabhängigkeit, was zu einem gefährlichen Machtvakuum führte, in dem anschließend die unterschiedlichsten regionalen und internationalen politischen und wirtschaftlichen Interessen aufeinanderprallten. Moïse Tschombé (1919 – 1969) versuchte mithilfe europäischer und afrikanischer Söldner (u. a. Mike Hoare, Alastair Wicks) und mit Unterstützung Belgiens, der USA und der UMHK, die Provinz Katanga vom Kongo abzuspalten. Er ließ auch Patrice Lumumba (1925 – 1961), den ersten Premierminister des Kongo, ermorden – auf Druck Belgiens, der USA und Großbritanniens. Lumumba galt als Sozialist und Kommunist, der nicht nur die Bergbauindustrie verstaatlichen wollte, sondern darüber hinaus die Sowjetunion um militärische Unterstützung bat. Präsident Joseph Kasavubu (1910 – 1969) und Oberst Joseph-Désiré Mobutu (1930 – 1997), ein früherer Weggefährte Lumumbas, setzten ihn schließlich ab, ließen ihn verhaften und an Tschombé ausliefern.
Die staatliche Eigenständigkeit Katangas wurde Anfang 1963 mithilfe der regulären kongolesischen Armee und der UNO-Blauhelm-Truppen beendet, als Belgien und die USA nach Lumumbas Tod das Interesse an einem selbstständigen Katanga verloren hatten und Tschombé ihre Unterstützung entzogen. Tschombé ging zunächst ins Exil nach Spanien, wurde aber schon 1964 von Präsident Kasavubu zurückgeholt und auf europäischen Druck hin mit der Regierungsbildung beauftragt. Bereits 1965 entließ Kasavubu Tschombé wieder und beauftragte Évariste Kimba (1926 – 1966), der auch an der Folterung von Lumumba beteiligt gewesen war, mit der Bildung einer neuen Regierung. Das Parlament lehnte dessen Regierung jedoch ab. In dieser Situation putschte sich Mobutu an die Macht und ernannte sich selbst zum Präsidenten. Kasavubu wurde abgesetzt, Kimba und einige andere Ex-Minister 1966 hingerichtet.
Mobutu machte dann genau das, was Belgien zuvor hatte verhindern wollen: Er verstaatlichte 1967 die Union Minière du Haut-Katanga. Der neue Staatskonzern firmierte zunächst als Générale Congolaise des Minérais (Gecomin). Da Mobutu nicht im Verdacht stand, ein Kommunist zu sein, und er außerdem zusicherte, die Bodenschätze des Landes nur an westlich (kapitalistisch) orientierte Staaten zu verkaufen, wurde er von den USA wohlwollend unterstützt. Die Belgier dagegen hatten nun jede politische und wirtschaftliche Macht in ihrer ehemaligen Kolonie verloren. Der belgische Teil außerhalb des Kongo existierte unter dem verkürzten Namen Union Minière S.A. (Brüssel) weiter. Über die Société Générale des Minerais (SOGEMIN, SGM), eine Tochtergesellschaft der Société Générale de Belgique, wurden die Minen in Katanga noch eine Zeit lang für Gecomin weitergeführt.
Als Tschombés Anhänger und Söldner 1967 versuchten, von Sambia aus in Katanga einzudringen, was jedoch von Regierungstruppen verhindert wurde, ließ Mobutu Tschombé wegen Hochverrats in Abwesenheit zum Tode verurteilen. Im Juni 1967, als sich Tschombé in einem Privatjet auf dem Weg nach Tunis befand, wurde das Flugzeug von dem französischen SDECE-Agenten Francis Bodenan nach Algerien entführt. Algerien lieferte ihn jedoch nicht wie vom Kongo gefordert aus, ließ ihn aber auch nicht frei. Bis zu seinem Tod 1969 lebte er in Algier unter Hausarrest. Auch Joseph Kasavubu starb 1969. Mobutu saß nun als Alleinherrscher fest im Sattel. Er benannte das Land 1971 in Republik Zaïre um, sich selbst gab er den Namen Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga (= Der Krieger, der von Eroberung zu Eroberung schreitet, ohne Angst zu haben). Er blieb bis zu seinem Sturz im Jahre 1997 an der Macht.
Die Gecomin benannte sich 1971 in Générale des Carrières et Mines (Gécamines) um und förderte weiterhin Kupfer und Kobalterze in der kongolesischen Provinz Katanga (von 1971 bis 1997 Shaba genannt). 1998 wurde das Unternehmen privatisiert. 1989 schloss die Société Générale de Belgique (SGB) drei ihrer Tochtergesellschaften unter dem Namen Acec-Union Minière zusammen: Ateliers de Constructions Electriques de Charleroi (ACEC), Société Anonyme des Mines et Fonderies de Zinc de la Vieille-Montagne (gegründet 1837) und Société Générale Métallurgique de Hoboken (gegründet 1909). Der Namensbestandteil Acec wurde 1992 wieder fallengelassen.
Von Ende der 1980er Jahre bis 1998 erwarb die französische Compagnie de Suez nach und nach die Aktien der Société Générale de Belgique. Aus dem Zusammenschluss von Suez, Lyonnaise des Eaux und Gaz de France entstand zwischen 1997 und 2008 der Energieversorgungskonzern Engie (seit 2015 unter diesem Namen).
In den 1990er Jahren entwickelte sich Union Minière weiter in Richtung Spezialmaterialien und -metalle (Germanium, Gold, Kobalt, Lithium, Nickel, Palladium, Platin, Quarz, Silber, Silizium, Zink); das Bergbaugeschäft wurde dagegen nach und nach abgestoßen. Die letzte Beteiligung an einer Zinkmine in Thailand wurde 2008 verkauft. Im Jahr 2000 wurde die Union Minière an der Börse platziert. 2001 fiel der alte Name weg: Das Unternehmen nannte sich nun Umicore.
Durch die Übernahme der Precious Metals Group (PMG), der ehemaligen Edelmetallsparte der deutschen Degussa AG, erschloss sich Umicore 2003 ein weiteres Geschäftsfeld: Fahrzeugkatalysatoren. Daneben stellt Umicore auch Gold- und Silberbarren her. Bis Ende 2005 waren die Barren noch mit dem traditionellen Degussa-Prägestempel gekennzeichnet.
Die Kupferaktivitäten (Schmelzanlagen und Affinerien in Belgien, Bulgarien, Italien und der Schweiz) wurden 2005 in ein separates Unternehmen ausgegliedert (Cumerio; gehört seit 2008 zu Aurubis). Durch den Zusammenschluss der Zink- und Legierungssparte mit dem australischen Bergbau-Unternehmen Zinifex (Zink, Blei) entstand 2007 das neue Unternehmen Nyrstar. Im selben Jahr erwarb Umicore die Katalysatoren-Sparte des US-Fahrzeugzulieferers Delphi.
Umicore ist heute ein Materialtechnologie- und Recyclingkonzern mit Hauptsitz in Brüssel. Das Unternehmen ist weltweit führend in der Produktion und im Recycling von Spezialwerkstoffen und Metallen (Germanium, Gold, Kobalt, Nickel, Platin, Silber, Zink) für die Automobil-, Baustoff-, Chemie-, Schmuck- und Elektroindustrie. Wichtigstes Geschäftsfeld ist die Produktion von Fahrzeugkatalysatoren.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Public Domain