Markenlexikon
Der Ingenieur Charles Edwin Thompson (1870 – 1933) arbeitete zunächst bei der Cleveland Cap Screw Company in Cleveland/Ohio, die Produkte wie Schrauben und Ventile für die Automobilindustrie herstellte. 1905 wurde er erst General Manager des Unternehmens und 1915 auch Eigentümer. 1926 benannte er die Firma in Thompson Products um. Zu dieser Zeit war Thompson Products der führende Hersteller von Ventilen für die Automobil- und Flugzeugindustrie der USA.
1953 beteiligte sich Thompson Products finanziell an der Gründung des Unternehmens Ramo-Wooldridge aus Los Angeles. Die Ingenieure Simon Ramo (1913 – 2016) und Dean Everett Wooldridge (1913 – 2006) hatten zuvor bei Hughes Aircraft ein System entwickelt, das Flugzeuge während Luftkämpfen mithilfe von Radarsignalen automatisch in die richtige Schussposition brachte. Ramo-Wooldridge gehörte in den 1950er Jahren zu den Unternehmen, die am ICMB-Programm (Inter-Continental Ballistic Missile) beteiligt waren. Simon Ramo, der Elektrotechnik und Physik studiert hatte, und der zu den führenden Spezialisten auf dem Gebiet der Mikrowellentechnik gehörte, war von 1954 bis 1958 wissenschaftlicher Leiter des ICBM-Programms. Der Air-Force-General Bernard Schriever, damals Chef des ICBM-Programms, bezeichnete Ramo als den Architekten der Raketen Atlas (Hersteller: General Dynamics/Convair), Thor (Hersteller: Douglas Aircraft) und Titan (Hersteller: Martin-Marietta).
1958 schlossen sich Thompson Products und Ramo-Wooldridge ganz zusammen (TRW = Thompson-Ramo-Wooldridge). Zu dieser Zeit entwickelte TRW gerade die ersten Pioneer-Raumsonden. Insgesamt baute TRW von 1958 bis 1978 neunzehn dieser Sonden, die den Mond, die Sonne, den Asteroidengürtel sowie die Planeten Jupiter, Saturn und Venus erforschten. Die 1972 gestartete Pioneer 10 war die erste Sonde, die den Jupiter erreichte (November 1973), und das erste von Menschen erschaffene Objekt, das das Sonnensystem verließ. Das letzte Signal von Pioneer wurde 2003 empfangen, bei einer Entfernung von rund zwölf Milliarden Kilometern von der Erde. TRW war später auch an weiteren NASA-Programmen beteiligt (Apollo, Viking 1/2, TDRS Tracking and Data Relay Satellite, Compton Gamma Ray Observatory, Chandra X-Ray Observatory).
Anfang der 1970er Jahre entwickelte Bunker Ramo, ein 1964 gegründetes Jointventure von Martin-Marietta und TRW, die vollelektronische Börse National Association of Securities Dealers Automated Quotations (NASDAQ). TRW blieb neben seinen Aktivitäten in der Luft- und Raumfahrtindustrie auch weiterhin ein Fahrzeugzulieferer (Airbag-Systeme, Aufprallschutz, Insassenrückhaltesysteme, Lenkradsysteme, Sensorsysteme). 1999 übernahm TRW den britischen Fahrzeuglieferer LucasVarity. 2002 wurde TRW vom US-Luft- und Raumfahrtkonzern Northrop-Grumman übernommen, der die Automobilsparte ein Jahr später als eigenständiges Unternehmen abspaltete. TRW Automotive gehörte zunächst einem Finanzinvestor und seit 2014 ist das deutsche Unternehmen ZF Friedrichshafen Eigentümer. Der Geschäftsbereich Motorventile, das Urgeschäft von Thompson Products, wurde zur gleichen Zeit an den US-Fahrzeugzulieferer Federal Mogul verkauft.
Text: Toralf Czartowski