Markenlexikon
John Walter (1739 – 1812) führte nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1755 zunächst dessen Kohlenhandlung weiter. 1781 wurde er Seeversicherungsagent bei Lloyd’s of London. 1784 erwarb er eine alte Druckerei im Londoner Stadtteil Blackfriars, die hauptsächlich Bücher und Flugblätter druckte. Im Januar 1785 erschien erstmals die Zeitung The Daily Universal Register, eine Art Boulevardblatt, das nicht nur durch den Verkauf Geld verdiente, sondern auch damit, dass es bestimmte Meldungen gegen Bezahlung nicht veröffentlichte. Bei den Auftraggebern handelte es sich meist um Adelige, die negative Informationen über sich selbst und ihre Aktivitäten verhindern wollten.
Mit der adligen Gesellschaft geriet John Walter auch persönlich immer wieder aneinander. Wegen Beleidigungen von Grafen, Herzögen und Prinzen musste er Geldstrafen bezahlen, am Pranger stehen und mehrere Jahre im Gefängnis sitzen. 1788 benannte er sein Skandalblatt in The Times um. 1795 übergab der Gründer das Unternehmen an seinen ältesten Sohn William, der es 1803 an seinen jüngeren Bruder John Walter II (1776 – 1847) weiterreichte.
John Walter II, der den streitbaren und respektlosen Charakter seines Vaters geerbt hatte, machte aus der Times eine ernstzunehmende Tageszeitung von internationalem Format, die jeder lesen musste, der wissen wollte, was im britischen Empire vor sich ging. Von britischen Politikern wurde das Blatt wegen seiner kritischen Berichterstattung indes gefürchtet, was dazu führte, dass die Druckerei Anzeigen und Druckaufträge der Regierung verlor.
Ab 1814 wurde die Times auf einer dampfbetriebenen Zylinderdruckmaschine der deutschen Erfinder Friedrich Koenig und Andreas Friedrich Bauer gedruckt, die über tausend Exemplare pro Stunde produzieren konnte. Mit dieser neuen Technologie begann die Ära der Massenblätter.
1908 wurde der irisch-britische Zeitungsverleger Alfred Harmsworth 1. Viscount Northcliffe (1865 – 1922) neuer Eigentümer der Times. Harmsworth gab zuvor vor allem auflagenstarke Boulevardblätter wie Daily Mail und Daily Mirror heraus. Nach dem Tod von Harmsworth ging das Blatt 1922 in den Besitz von John Jacob Astor V, 1. Baron Astor of Hever (1886 – 1971) über, der der deutschen Astor-Familie entstammte.
Anfang der 1930er Jahre entwarfen der Schriftgestalter Stanley Morison (1889 – 1967) und der Werbegrafiker Victor Lardent (1905 – 1968) für die Times die Schriftart Times New Roman, die 1932 erstmals in der Zeitung verwendet wurde. Der US-Setzmaschinenhersteller Monotype vermarktete die Schrift ab 1933 auch für andere Nutzer. Heute gehört Times New Roman zu den Standardschriften auf Personal-Computern mit Windows-Betriebssystem.
1966 verkaufte die Astor-Familie die Zeitung an den kanadischen Verleger Roy Herbert Thomson, 1st Baron Thomson of Fleet, GBE (1894 – 1976), der seit 1959 die 1822 gegründete britische Sonntagszeitung The Sunday Times besaß, die mit der Times außer dem Namen bis dahin keine Verbindung hatte.


Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den späten 1970er Jahren und wegen eines Streiks, der dazu führte, dass die Times ihr Erscheinen von Dezember 1978 bis November 1979 einstellen musste, suchte der Thomson-Konzern nach einem neuen Eigentümer. 1981 griff schließlich der australische Zeitungsverleger Keith Rupert Murdoch zu, dem bereits die britischen Zeitungen News of the World (seit 1968) und The Sun (seit 1969) gehörten. Murdoch galt wegen seiner rüden Geschäftsmethoden, die er auf dem hart umkämpften und brutalen australischen Zeitungsmarkt der 1950er Jahre kennengelernt und auch selbst angewandt hatte, in Großbritannien als sehr umstritten.
Im Januar 1986, als die konservative und gewerkschaftsfeindliche Thatcher-Regierung an der Macht war, trickste er seine streikfreudigen Drucker und die Gewerkschaften aus. Heimlich baute er in Wapping, in den Docklands im Osten Londons, eine neue Druckerei auf, die mit modernen Computertechnologien arbeitete (anstatt mit Setzmaschinen), wodurch ein Großteil der Arbeitsplätze unnötig wurde. Unter dem Vorwand, eine neue Abendzeitung gründen zu wollen, warb er knapp siebenhundert neue Angestellte an, die in einer anderen Gewerkschaft organisiert waren als die Setzer und Drucker. Auch die Büros der Journalisten, die wieder einer anderen Gewerkschaft angehörten, wurden nach Wapping verlegt.
Die über sechstausend alten Angestellten der Murdoch-Druckereien, denen man zuvor Abfindungen angeboten hatte, wenn sie ihren Arbeitsplatz aufgeben würden, traten daraufhin in einen über einjährigen Streik (bis Februar 1987), der jedoch ins Leere lief, da sie alle entlassen wurden und Ersatz bereits verfügbar war. Die Zeitungen wurden nun in der neuen Fabrik von neuen Angestellten gedruckt und von dem Transportunternehmen TNT (anstatt wie zuvor von der britischen Eisenbahn, deren Gewerkschaft die Auslieferung der Murdoch-Zeitungen verhindern wollte) unter Polizeischutz ausgeliefert. Bis 1988 verließen auch alle anderen Zeitungsverlage die Londoner Fleet Street, die seit dem 18. Jahrhundert die Heimat der britischen Presse gewesen war, und ließen sich in den Docklands nieder. Der Druckerstreik von 1986 war eine der größten Niederlagen der britischen Gewerkschaften.
Die anfänglichen Befürchtungen, dass sich der politisch eher konservativ eingestellte Murdoch allzu sehr in die redaktionellen Inhalte der Zeitung einmischen könnte, bewahrheiteten sich nicht. Die Times ist – wie auch schon in früheren Zeiten – politisch nicht eindeutig positioniert. Das unterscheidet sie von anderen überregionalen britischen Tageszeitungen wie dem Daily Telegraph (konservativ) und dem Guardian (links), führt aber teilweise auch zu Kritik. Die Zeitung unterstützt mal die eine, dann wieder die andere politische Richtung. Von der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre hinein stand die Times eher auf der Seite der Konservativen Partei und der Liberalen Partei, dann unterstützte sie mehrmals Tony Blair und die sozialdemokratische Labour Partei, um 2010 wieder zu den Konservativen zurückzukehren. Die Entscheidung darüber, welche Partei die Redaktion unterstützt, scheint eher pragmatischen Gesichtspunkten zu folgen, als einer grundsätzlichen politischen Ausrichtung.
Seit 2014 ist die Times neben anderen britischen Medien der News Corporation von Rupert Murdoch im News Building in London ansässig.
Text: Toralf Czartowski