Markenlexikon
Die britische Druckergewerkschaft London Society of Compositors (LSC) gab während eines Streiks vom Dezember 1910 bis zum April 1911 ein tägliches Streikbulletin mit dem Namen The World (ab 1911 Daily Herald) heraus, das dann auch nach dem Ende des Streiks von der Gewerkschaft als linksorientierte Tageszeitung weitergeführt wurde. Nach finanziellen Schwierigkeiten ging das Blatt 1922 in den Besitz des gewerkschaftlichen Dachverbandes Trades Union Congress (TUC) über. 1930 verkaufte die TUC 51 Prozent der Anteile an den Verlag Odhams Press, den Herausgeber der Sonntagszeitung The People. In den 1930er Jahren avancierte der Daily Herald mit zwei Millionen Exemplaren eine Zeit lang zur meistverkauften Tageszeitung der Welt. In der Nachkriegszeit ging die Auflage jedoch wieder stark zurück.
1961 erwarb Cecil Harmsworth King (1901 – 1987), der Verleger des Daily Mirror, zunächst Odhams Press und 1964 auch die Beteiligung der TUC am Daily Herald. Die Harmsworth-Blätter wurden 1963 in die International Publishing Corporation (IPC) integriert.
IPC führte den Daily Herald ab 1964 unter dem Namen The Sun fort, was die Auflage noch weiter sinken ließ. Der Verlag rätselte, was den Niedergang des Blattes verursacht hatte: gesellschaftliche Veränderungen oder die Abwanderung der Leser zur hauseigenen Boulevardzeitung Daily Mirror. 1969 verkaufte man The Sun schließlich an den australischen Zeitungsverleger Keith Rupert Murdoch, der damals gerade in Großbritannien expandieren wollte; kurz zuvor hatte er bereits die britische Sonntagszeitung News of the World gekauft.
Murdoch machte aus der Sun ein Boulevardblatt, was die Auflage fast explosionsartig ansteigen ließ. Schon 1970 erreichte die tägliche Auflage zeitweise über zwei Millionen Exemplare. 1978 überholte man sogar erstmals das frühere Schwesterblatt Daily Mirror. Mit der hochprofitablen Sun im Hintergrund konnte Murdoch in Großbritannien und den USA weiter expandieren und seinen Medienkonzern News Corporation aufbauen. Er erwarb 1981 die altehrwürdige Londoner Tageszeitung The Times, 1985 das Hollywood-Filmstudio 20th Century Fox, etablierte 1986 mit Fox in den USA ein viertes TV-Network und beteiligte sich 1989 an dem britischen Fernsehsender Sky.
Die Sun ist – wie der britische Boulevardjournalismus im Allgemeinen – noch um einiges drastischer, als man es von deutschen Blättern wie etwa der Bild-Zeitung kennt. Die Bezeichnung Revolverblatt kommt den Zuständen in Großbritannien am nächsten. Die Sun gehört nach wie vor zu Murdochs Medienkonzern News Corp. und hat ihren Hauptsitz seit 2014 im News Building in London.
Text: Toralf Czartowski

