Markenlexikon
Die Chinesen gelten als Erfinder des Papiertaschentuchs. Zu Beginn unserer Zeitrechnung stellten sie bereits Taschentücher aus Hanf her. Zur gleichen Zeit schnäuzten die alten Römer noch in ihre Toga oder prusteten den Naseninhalt dezent in die Finger oder in eine unbeobachtete Ecke. Das blieb das ganze Mittelalter hindurch so, wobei die Toga später durch das Tischtuch ersetzt wurde. Auch die wertvollen Taschentücher der Adeligen dienten damals keineswegs zum Naseputzen, sondern lediglich zur Zierde. Erst im 19. Jahrhundert kamen in Europa echte Taschentücher aus Baumwolle oder Leinen auf, die auch zum Naseputzen benutzt wurden. 1894 entwickelte eine Papierfabrik aus Göppingen in Deutschland das erste Papiertaschentuch aus glyzeringetränktem Zellstoff.
1929 brachten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg, der Hersteller der Damen-Einwegbinde Camelia, das zumindest in Europa bekannteste Zellstofftaschentuch auf den Markt. Warum es den Namen Tempo bekam, darüber kann man nur spekulieren. Wahrscheinlich, weil mit Tempo alles wesentlich schneller ging – vor allem sparte man das Waschen der Taschentücher. Doch im Gegensatz zu den bequemen Amerikanern, die die 1924 eingeführten Kleenex-Kosmetiktücher kurzerhand auch zum Naseputzen verwendeten, konnten sich die Deutschen nicht ganz so schnell an die Neuerung gewöhnen. Erst in den 1930er Jahren stieg die Zahl der benutzten Tempo-Taschentücher stetig an.
Oskar und Emil Rosenfelder, die jüdischen Besitzer der Vereinigten Papierwerke, emigrierten 1933 nach England, woraufhin das gesamte Vermögen der Familie Rosenfelder in Deutschland wegen angeblicher Devisenvergehen beschlagnahmt wurde. Die Deutsche Bank als Hauptgläubiger des Unternehmens verkaufte die Familien-Aktien 1934 an den Fürther Unternehmer Gustav Schickedanz (1895 – 1977), den Gründer und Besitzer des Quelle-Versandhauses. Bis 1935 erwarb er auch die restlichen Anteile, die zuvor anderen Aktionären gehört hatten, außerdem 1937 die Papierwerke Forchheim (bei Erlangen).


1949 gingen die Tempo-Taschentücher erstmals in den Export; später stieg Tempo zur größten europäischen Marke für Papiertaschentücher auf und der Markenname Tempo wurde zum Synonym für Papiertaschentücher. Aufgrund der steigenden Nachfrage entstanden neben den Werken in Heroldsberg (bei Nürnberg) und Forchheim (bei Erlangen) weitere Produktionsstätten in Glückstadt (1958), Neuss (1962) und Gelsenkirchen (1972). Zwischen 1985 und 1987 verlagerten die Vereinigten Papierwerke die Produktion aus wirtschaftlichen Gründen schrittweise nach Neuss. Das Stammwerk in Heroldsberg wurde 1993 geschlossen und zwei Jahre später abgerissen.
1994 verkaufte der Quelle-Schickedanz-Konzern die Herstellerfirma und die Marke Tempo an den US-Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (Always, Ariel, Blend-A-Med, Braun, Charmin, Dash, Fairy, Lenor, Meister Proper, Olay, Oral-B, Pampers, Vizir, Wick), der jedoch 2007 sein europäisches Papiergeschäft mit fünf Produktionsstätten (Lucca/Italien, Manchester/Großbritannien, Neuss/Deutschland, Orléans/Frankreich, Witzenhausen/Deutschland) an den schwedischen Papierkonzern SCA (Svenska Cellulosa Aktiebolaget) weiterreichte, dem seit 1995 bereits die PWA Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg (Zewa) gehörten. Von 2009 bis 2015 vermarktete SCA unter der Marke Tempo auch Toilettenpapier.
2017 verselbstständigte der SCA-Konzern die Sparte Hygieneprodukte (Tempo, Tena, Tork, Zewa) unter dem Firmennamen Essity (Stockholm). 2022/2023 wurde die Tempo-Produktion von Neuss in die ehemalige Zellstofffabrik Waldhof Mannheim (von 1970 bis 1995 PWA) verlagert.
Text/Foto: Toralf Czartowski