Markenlexikon
Die 1869 von dem österreichischen Ingenieur Emil Ritter von Škoda (1839 – 1900) in Pilsen gegründeten Škoda-Werke (Škoda Závody) gehörten um die Jahrhundertwende zu den größten europäischen Industriekonzernen. Zu den Produkten gehörten komplette Industrieanlagen (Bergwerke, Brauereien, Kraftwerke, Mühlen, Schlachtereien, Zuckerfabriken), Brücken, Schienenfahrzeuge (Lokomotiven, Waggons), Waffen (Kanonen, Kanonentürme für Schlachtschiffe, Mörser, Munition) und ab 1924 Automobile (Lizenzproduktion des Hispano-Suiza H6B). Der H6B war das erste Automobil, das das heutige Symbol der Firma, den geflügelten Pfeil, auf der Kühlerhaube trug. Dieses Markenzeichen soll angeblich aus dem Profil eines Indianerkopfes entstanden sein.
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde Böhmen 1918 ein Teil der neugegründeten Tschechoslowakei und Škoda ein tschechisches Unternehmen. 1925 übernahm Škoda den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Fahrzeughersteller Laurin & Klement aus Mladá Boleslav (Jungbunzlau). Die 1895 von Václav Laurin (1865 – 1930) und Václav Klement (1868 – 1938) gegründete Firma gehörte damals zu den führenden Fahrzeugherstellern Europas (Automobile, Busse, Lastwagen). Nach dem Zusammenschluss wurden beide Marken noch bis 1928 weiterverwendet, dann verschwand der Name Laurin & Klement. Neben Personenwagen (Favorit, Popular, Rapid, Superb) produzierte Škoda auch weiterhin Lastwagen und Lokomotiven.


1946 wurde der Škoda-Konzern, dessen Pilsener Werk 1945 vollkommen zerstört worden war, verstaatlicht und in mehrere Unternehmen wie Škoda Pilsen (Maschinenbau, Lokomotiven), Škoda Mladá Boleslav (Automobilbau) oder Avia Prag (Flugzeuge) aufgeteilt. Die Nutzfahrzeugproduktion verlegte man erst zu Avia und ab 1951 nach Liberec zur Liberecké Automobilové Závody (LIAZ); die Lastwagen aus Liberec trugen jedoch bis 1974 das Škoda-Emblem am Kühler. Die Modellreihe Octavia (1955 – 1971) konnte problemlos an die Vorkriegserfolge anknüpfen, vor allem das bildschöne Cabriolet Felicia (1957 – 1964) entwickelte sich schnell zum Traum aller osteuropäischen Autoliebhaber. 1964 kam die heckangetriebene Mittelklasse-Limousine MB 1000 auf den Markt, die mit leicht modifizierter Karosserie (S-100, ab 1969) bis 1977 gebaut wurde. Auch bei der Modellreihe 105/120/130, die von 1976 bis 1989 vom Band lief, blieb man beim Heckmotor. Erst 1987 kehrte Škoda mit dem von der Turiner Karosseriefirma Bertone designten Favorit (1987 – 1994) zum Frontantrieb zurück. Der Versuch, in den frühen 1970er Jahren zusammen mit der DDR-Fahrzeugindustrie ein gemeinsames Auto zu entwickeln (RGW-Auto), scheiterte aufgrund unterschiedlicher technischer Vorstellungen und politischer Machtspiele.
Von 1991 bis 2000 übernahm der Volkswagen-Konzern das Škoda-Autowerk in Mladá Boleslav. Das Pilsener Unternehmen Škoda Transportation (Lokomotiven, Straßenbahnen, O-Busse, Kraftwerksausrüstungen), das mit Škoda Auto nichts mehr zu tun hat, wurde 1991 privatisiert. Mit Modellen wie Citigo (2011 – 2020; Kleinstwagen), Enyaq (ab 2020; E-SUV), Fabia (ab 1999; Kleinwagen), Felicia (1994 – 2001; Kompaktklasse), Kamiq (ab 2019; SUV), Karoq (ab 2017; Kompakt-SUV), Kodiaq (ab 2017; SUV), Octavia (ab 1997; Mittelklasse), Roomster (2006 – 2015; Hochdachkombi), Scala (ab 2029; Kompaktklasse), Superb (ab 2001; Mittelklasse) und Yeti (2009 – 2017; Kompakt-SUV) schaffte Škoda den Aufstieg zur erfolgreichsten Marke des Volkswagen-Konzerns neben der Hauptmarke VW.
Die Škoda-Modelle werden in den eigenen Werken Aurangabad (Indien), Kvasiny (Tschechien), Mladá Boleslav (Tschechien), Pune (Indien) und Vrchlabí (Tschechien) gefertigt, außerdem in den VW-Werken Bratislava (Slowakei), Anting (China), Nanjing (China), Ningbo (China) und Yizheng (China) sowie bis 2023 bei GAZ in Nischni Nowgorod (Russland).
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain