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Markenlexikon

Simson

Ursprungsland: Deutschland

Die Brüder Loeb Simson (1806 – 1862) und Moses Simson (1800 – 1868) betrieben ab 1850 ein Stoff- und Bekleidungsgeschäft in Suhl. Nebenher erwarben sie Anteile an mehreren Hammerwerken und gründeten ein Eisenwerk (1856), eine Bajonett- und Ladestockfabrik (1862) und eine Gewehrfabrik (1863). Ab Mitte der 1890er Jahre expandierte Simson in neue Geschäftsfelder (1896 Fahrräder, 1907 Möbel, 1911 Automobile). Während des Ersten Weltkriegs war Simson der größte Arbeitgeber in Suhl und einer der größten deutschen Hersteller von militärischen Produkten (Feldtelegraphengeräte, Flugabwehrkanonen, Flugmotoren, Gewehre, Pistolen, Sanitäts- und Munitionswagen). Nach dem Ende des Krieges kamen neue Produkte wie Kinderroller, Kinderwagen und Sportgewehre dazu.

Nachdem das Unternehmen 1934 von den Nationalsozialisten enteignet worden war, emigrierte die jüdische Simson-Familie erst in die Schweiz, dann in die USA. 1936 brachte das nun Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke (BSW) genannte Unternehmen ein Mofa mit Sachs-Motor auf den Markt, das heute als erstes Kleinkraftrad aus Suhl gilt.

1945 kam das Werk unter Kontrolle der staatlichen Sowjetischen Aktien-Gesellschaft Awtowelo (AWO) und wurde teilweise demontiert. Zunächst fertigte AWO Fahrräder, Haushaltsgeräte, Jagdwaffen, Kinderwagen, Werkzeuge und ab 1950 Viertakt-Motorräder auf Basis der BMW R23, die zuvor im BMW-Werk Eisenach produziert worden war (AWO 425). 1952 gab die Sowjetunion das Werk an die DDR zurück, wo es als Staatsbetrieb weitergeführt wurde.

Ab Mitte der 1950er Jahre konzentrierte sich die Firma immer mehr auf die Produktion von Mopeds, Mokicks, Motorrollern und Leichtkrafträdern mit Fünfzig-Kubikzentimeter-Zweitaktmotoren. Die Motorrad-Produktion wurde 1961 an das Motorradwerk Zschopau (MZ) abgegeben. Die ersten Simson-Kleinkrafträder zu DDR-Zeiten waren die Modelle SR 1 (1955 – 1957) und SR 2 (1957 – 1964). Der Motor stammte noch vom Büromaschinenwerk Rheinmetall Sömmerda, daher die Modellbezeichnung SR (Simson-Rheinmetall).

Ab 1964 kam die sogenannte Vogelserie in den Handel: Spatz (1964 – 1971), Schwalbe (1964 – 1986), Star (1964 – 1975), Sperber (1966 – 1972) und Habicht (1972 – 1975). Der Motor kam nun auch von Simson aus Suhl, die Modellreihenbezeichnung SR wurde jedoch beibehalten. Die Höchstgeschwindigkeit betrug sechzig Kilometer pro Stunde, außer beim Spatz (50 km/h) und Sperber (75 km/h), der deswegen rechtlich als Motorrad galt. Vor allem das Modell Star war bei Jugendlichen in der DDR beliebt, da es nicht nur recht preiswert war (1200 Mark), sondern bereits im Alter von fünfzehn Jahren mit einem Mopedführerschein gefahren werden konnte.

Simson
Simson

1975 wurde die Vogelserie durch die sportliche S-50-Modellreihe (ab 1980 S 51) abgelöst, die sich dank robuster und einfacher Technik, gutem Fahrwerk, relativ hoher Geschwindigkeit (60 km/h), geringem Verbrauch (2,5 – 2,8 l/100 km) und großer Reichweite (über dreihundert Kilometer) ebenfalls sehr gut verkaufte. Von 1982 bis 1988 gab es die Variante S 51 E mit Enduro-Fahrwerk, verstärktem Rahmen, Hochlenker, hochgelegtem Auspuff mit Hitzeschutz, Stahlfelgen, Stollenreifen und Elektronikzündung. Für den westdeutschen Markt brachte man 1983 das Leichtkraftrad Super 80 (1983 – 1989) mit Siebzig-Kubikzentimeter-Motor heraus, das später auch in der DDR unter der Bezeichnung S 70 verkauft wurde. Der Motorroller SR 50/80 (1986 – 2002) löste 1986 die KR 51 Schwalbe ab. Von 1955 bis 1990 produzierte Simson in Suhl über fünf Millionen Kleinkrafträder.

Die Simson-Mokicks waren gerade für junge Leute die einzige Möglichkeit, einigermaßen preiswert und ohne lange Wartezeiten an ein motorbetriebenes Fahrzeug zu kommen. Anfang der 1980er Jahre kostete eine S 51 Electronic (mit Elektronikzündung) knappe zweitausend DDR-Mark und die Wartezeit betrug einige Wochen oder Monate und war damit weit entfernt von den Wartezeiten für ein Automobil (je nach Modell zehn bis fünfzehn Jahre).

1990 wurde das Unternehmen in eine Zweirad- und eine Waffenfirma aufgeteilt. Die Erben der Simson-Familie, die 1992 bei der Privatisierung der abgespaltenen Jagd- und Sportwaffenfirma mitboten, aber nicht zum Zuge kamen, erhielten 1993 aus dem Treuhandfonds eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 18,5 Millionen Mark. Die Waffenfirma führt seit 1994 den Namen Merkel Jagd- und Sportwaffen und hat ihren Sitz weiterhin in Suhl; die Firma Gebrüder Merkel war ein alteingesessener Suhler Waffenhersteller gewesen, der ab 1968 zum gleichen Staatsunternehmen wie Simson gehört hatte.

In den 1990er Jahren produzierte Simson weiterhin verschiedene Kleinkrafträder, doch die zuvor hohe Nachfrage nach Klein- und Leichtkrafträdern, die auch eine Folge des Automangels in der DDR war, ging in dieser Zeit stark zurück. Im Jahr 2000 musste Simson schließlich Insolvenz anmelden. Zwar fand sich ein Investor, der das Unternehmen weiterführte, doch 2002 kam es zu einer erneuten Insolvenz. 2003 wurden Maschinen, Werkzeuge, noch vorhandene Fahrzeug- und Ersatzteile sowie die letzten Fahrzeuge versteigert. Den Großteil der Vermögenswerte erwarb die Firma MZA (Meyer Zweiradtechnik Ahnatal), die den Ersatzteilvertrieb fortführte und neue Teile (inkl. Motoren) produzierte – zunächst in Suhl und seit 2019 in Meiningen.

Das ehemalige Simson-Werk in Suhl ist heute ein Gewerbepark (Gewerbepark Simson), dessen Betreibergesellschaft (TLG Gewerbepark Simson) auch die Simson-Markenrechte gehören.

In den östlichen Bundesländern Deutschlands sind Simson-Zweiräder bis heute weit verbreitet. Einerseits verbinden viele Ostdeutsche mit diesen Fahrzeugen positive Jugenderinnerungen, andererseits besitzen die alten Mokicks einen Bestandsschutz bei der Geschwindigkeit, was sie auch für jüngere Fahrer, die erst nach dem Ende der DDR geboren wurden, interessant macht. Sie dürfen weiterhin sechzig Kilometer pro Stunde fahren, während die Höchstgeschwindigkeit moderner Kleinkrafträder derselben Führerscheinklasse auf 45 km/h begrenzt ist. Gut erhaltene oder restaurierte Modelle kosteten im Jahr 2026 auf dem Gebrauchtmarkt zwischen drei- und fünftausend Euro.

Text: Toralf Czartowski • Fotos: Pixabay.com, Public Domain