Markenlexikon
Der Schuster Johann Jakob Sigle (1861 – 1935) machte sich 1885 als Meister in Kornwestheim selbstständig. 1891 nahm er den Stuttgarter Lederhändler Max Levi (1868 – 1925) als Partner in das Unternehmen auf. Ab 1903 lieferte Sigle Herrenschuhe an das Berliner Salamander-Schuhgeschäft des Schuhhändlers Rudolf Moos (1866 – 1951). Der frühere Lederhändler Moos hatte sich den Namen Salamander bereits 1899 als Warenzeichen schützen lassen und 1903 in Berlin-Mitte den ersten Salamander-Laden eröffnet. 1905 gründeten Moos und Sigle in Berlin die Salamander Schuhgesellschaft, die 1916 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde.
Neben der Schuhproduktion baute Salamander auch ein eigenes Filialsystem in ganz Deutschland auf; 1909 gab es bereits 26 Geschäfte. Im selben Jahr tauchte der Salamander erstmals in der Werbung auf. 1918 nahm Salamander ein weiteres Werk in Türkheim in Betrieb, wo Kunstleder für die Schuhproduktion hergestellt wurde. Ab 1937 veröffentlichte Salamander die Comic-Hefte Lurchis Abenteuer, die dazu gedacht waren, die Kinder der Kunden in den Geschäften zu beschäftigen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen weitere Fabriken in Pirmasens (1957), Trulben (1960) und Vinningen hinzu. In den 1960er Jahren expandierte das Unternehmen auch ins Ausland (1960 Frankreich, 1969 Österreich). 1967 erreichte die Produktion ihren Höhepunkt: Damals fertigten fast achtzehntausend Mitarbeiter über dreizehn Millionen Schuhe im Jahr. Eine Zeit lang war Salamander der größte Schuhhersteller Europas.
In den 1970er Jahren gingen Mitarbeiterzahl und Produktionsausstoß aufgrund ausländischer Billiganbieter wieder zurück. Als Ausgleich expandierte Salamander in die Ostblockstaaten (DDR, Polen, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ungarn), wo die Schuhe teilweise auch produziert wurden. In den 1980er Jahren verkaufte Salamander rund zwei Drittel seiner gesamten Produktion in die DDR. Die Konzentration auf den Ostblock führte jedoch dazu, dass man vor allem die dort geforderten bequemen und zweckmäßigen Schuhe produzierte, während das Design vernachlässigt wurde. In Westdeutschland entwickelten sich die Salamander-Schuhe daher mehr und mehr zu Ladenhütern. Die Marke Salamander war zwar den meisten Deutschen bekannt, nur kaufen wollte sie kaum noch jemand.
1973 stieg das Salamander-Werk Türkheim in die Fertigung von Fenster- und Türprofilen ein, nachdem man dort bei der Herstellung von Kunststoffabsätzen genügend Erfahrung mit der Kunststoffspritzguss-Technologie gesammelt hatte. Daneben erwarb Salamander mehrere branchenfremde Unternehmen (Gebäudedienstleister, Immobilien, Parkhäuser), um die Verluste aus dem Schuhgeschäft auszugleichen, was zunächst auch gelang. Der Zusammenbruch der Ostblockstaaten führte jedoch in den 1990er Jahren erneut zu großen finanziellen Problemen. Die Werke in Pirmasens und Trulben mussten geschlossen werden.
Im Jahr 2000 wurde Salamander von dem kommunalen Energieversorger EnBW übernommen, der vor allem an den Immobilien interessiert war. 2003 verkaufte EnBW das Schuhgeschäft von Salamander (Geschäfte, Produktion) an den Düsseldorfer Schuh- und Lederwarenhändler Garant. Zur gleichen Zeit endete auch die Produktion in den Werken Kornwestheim und Vinningen; lediglich der Salamander-Firmensitz befand sich bis 2008 noch in Kornwestheim (danach in Offenbach am Main). Nachdem Garant 2004 Insolvenz angemeldet hatte, erwarb Heyo Schmiedeknecht die Sparte Industrieprodukte und das Werk in Türkheim (Salamander Industrie-Produkte), das Schuh- und Einzelhandelsgeschäft übernahm der deutsch-chinesische Luxusgüterkonzern Egana-Goldpfeil (Accutron, Apollo, Bulova, Comtesse, Dugena, Goldpfeil, Joop, Junghans, Pierre Cardin, Sioux). Egana-Goldpfeil ging 2008 in Konkurs.
2009 erwarb der Schuhhersteller und -händler Ara aus Langenfeld die Salamander‑ und Lurchi-Markenrechte. Die deutschen Salamander-Filialen wurden zur gleichen Zeit von der Firma Schuhhaus Klauser aus Wuppertal übernommen. 2016 erwarb Ara auch Klauser, sodass beide Salamander-Teile wieder zusammengehörten. 2022 mussten Klauser und Salamander Anträge auf die Einleitung eines Schutzschirmverfahrens stellen. 2023 verkaufte Ara die Marke Salamander an den Schweizer Schuhproduzenten AstorMueller aus Hünenberg und die Salamander-Einzelhandelskette an Prime Footwear Investors. Die Gebäude auf dem ehemaligen Salamander-Werksgelände in Kornwestheim stehen heute teilweise unter Denkmalschutz und werden zu Wohn- und Geschäftszwecken genutzt.
Text: Toralf Czartowski