Markenlexikon

Branche: Automobile

Rover

Großbritannien

James Kemp Starley (1830 – 1881) und Josiah Turner gründeten 1861 die Coventry Sewing Machine Company, die neben Nähmaschinen ab 1869 auch Fahrräder (Laufräder) herstellte. Ein Jahr später verließ Starley das inzwischen in Coventry Machinists Company umbenannte Unternehmen, um mit seinem Neffen John Kemp Starley (1854 – 1901) und dem späteren Autokonstrukteur William Hillman die Firma Ariel Cycles zu gründen. Produziert wurden nun Hochräder und ab 1876 Dreiräder (Coventry Lever, Salvo). Die Produktion übernahm ab 1873 die Firma Haynes & Jefferies, wo John Starley als Betriebsleiter eingestellt wurde. 1877 gründete er gemeinsam mit William Sutton in Coventry eine neue Firma (Starley & Sutton), die zunächst ebenfalls Hochräder und Dreiräder herstellte, ab 1884 unter dem Markennamen Rover (engl. Wanderer, Seeräuber). 1885, als Starley Alleineigentümer geworden war, brachte die Firma, die nun J.K. Starley & Co. hieß, das »Rover Safety Bicycle« auf den Markt, das erstmals vorne und hinten gleich große Räder hatte. Dieses revolutionäre Fahrrad verdrängte die Hochräder bald vom Markt. 1896 wurde die alte Firma aufgelöst und das Geschäft von der neuen Rover Cycle Company (ab 1906 Rover Company Limited) weitergeführt.

1901 nahm Rover die Produktion von Motorrädern auf; das erste Auto, der Rover Eight, kam 1904 auf den Markt (die Fahrradproduktion wurde 1924 eingestellt). Rover stand jahrzehntelang für konservative und solide Automobile, die vor allem die britische Mittelklasse ansprachen. Mitunter wurden sie auch als »Rolls Royce für den Mittelstand« bezeichnet (vor allem das von 1958 bis 1973 hergestellte Mittelklassemodell P5), und selbst die britischen Premierminister Harold Wilson, Edward Heath und James Callaghan ließen sich in Rover-Limousinen in die Downing Street Nr. 10 chauffieren. Auch Königin Elizabeth II. fuhr einen Rover P5.

Um in den ersten Nachkriegsjahren freie Kapazitäten in den Werken Coventry und Solihull/Birmingham auszulasten, brachte der britische Fahrzeughersteller Rover 1948 in Anlehnung an den amerikanischen Jeep den Land-Rover heraus, der mit seinen Verkaufszahlen sämtliche Erwartungen übertraf. Dieser robuste Minimalgeländewagen, der nahezu in die ganze Welt verkauft wurde, sicherte der Firma auch in mageren Zeiten das Überleben. Der Landy, wie ihn seine Besitzer liebevoll nennen, wurde jahrzehntelang fast unverändert produziert, mit verschiedenen Radständen und Aufbauvarianten zwar, aber in einer derart massiven und unverwüstlichen Pferdekutschen-Bauweise, dass die meisten aller Land-Rover noch heute brav ihren Dienst tun, egal wie unwegsam ihr Einsatzgebiet auch sein mag. Entwickelt wurde der Land-Rover von dem damaligen Rover-Designer Maurice Wilks, dessen Bruder Spencer Wilks zu dieser Zeit Chef von Rover war. Beide verwendeten auf ihrer privaten Farm einen ausgemusterten Army-Jeep. Als bevorzugtes Einsatzgebiet hatte man die Landwirtschaft im Visier. Auch in diesem Punkt war der Jeep, der nach dem Ende des 2. Weltkrieges vor allem von Farmern genutzt wurde, Vorbild. 1962 brachte Land-Rover einen 1,5 Tonnen Lastwagen auf den Markt.

1965 erwarb Rover den Fahrzeughersteller Alvis (Spezialfahrzeuge für die britische Armee, Touren- und Sportwagen), wurde aber 1967 selbst von der Leyland Motors Corporation (Leyland-Lkw/Busse, Triumph-Pkw) übernommen. 1968 schloss sich die Leyland Motor Corporation mit der British Motor Holdings (Austin, Mini, MG, Morris, Riley, Vanden Plas, Wolseley) zur British Leyland Motor Corporation zusammen.

1970 brachte British Leyland den komfortableren Range Rover auf den Markt, der vor allem die Vertreter des britischen Landadels ansprach, denen man für ihre gelegentlichen Jagdausflüge unmöglich einen Land-Rover anbieten konnte. Der Range Rover wurde ebenso wie der Land-Rover zu einem zeitlosen Klassiker und letztlich auch Vorbild für viele Geländewagen anderer Hersteller.

Die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre, langwierige Streiks, gravierende Qualitätsmängel und Markenverwässerung im Pkw-Bereich setzten dem Konzern jedoch schwer zu. Ende 1974 war British Leyland pleite und musste im Jahr darauf verstaatlicht werden (British Leyland Limited, ab 1978 BL Limited). 1976 kam als Nachfolger des P6 (1963 – 1977) der außergewöhnlich schnittige Rover SD1 (1976 – 1986) heraus, dessen Verkaufszahlen aber aufgrund seiner vielen Qualitätsmängel weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Gleichzeit war der SD1 für lange Zeit die letzte vollständige Eigenentwicklung von Rover. Den Austin Sherpa, ein Transporter der 1975 auf den Markt gekommen war, erhielt 1976 den Namen Freight-Rover. 1978 wurde Land-Rover eine eigenständige Tochtergesellschaft innerhalb des British-Leyland-Konzerns.

1979, als die konservative Thatcher-Regierung an die Macht kam, machte man sich in staatlichen Kreisen zunehmend Gedanken über eine Privatisierung des maroden Konzerns. 1981 verkaufte BL zunächst Alvis an United Scientific Holdings und Pegaso (Spanien) an die International Harvester Company (USA). 1982 wurde BL in drei Bereiche aufgeteilt: Austin-Rover Group Limited (Austin, Land-Rover, MG, Mini), Jaguar Cars Limited und Leyland Vehicles Limited (Nutzfahrzeuge, Busse). Jaguar schied 1984 aus dem Konzern aus (Platzierung an der Börse; 1989 Übernahme durch Ford). 1987 kaufte DAF Trucks (Niederlande) Leyland Vehicles; die Busproduktion wurde erst vom Management übernommen und 1988 an Volvo veräußert. Ashok-Leyland aus Chennai (Madras), einer der größten indischen Lastwagenhersteller, der seit 1955 teilweise zu Leyland gehörte, wurde 1987 von Iveco und der indischen Hinduja Group übernommen. Mit der Umbenennung der BL Limited in Rover Group Limited endete 1986 die Existenz des British-Leyland-Konzerns.

1988 wurde der Luft- und Raumfahrtkonzern British Aerospace (Airbus, Eurofighter, Harrier, Tornado) neuer Eigentümer; 1990 beteiligte sich Honda mit 20 Prozent an der Rover Group. Im gleichen Jahr kam der Land-Rover Discovery auf den Markt, ein Midsize Offroader, der zwischen erdigem Land-Rover und gediegenem Range Rover angesiedelt ist. Gleichzeitig wurde die klassischen Land-Rover-Modelle, die zumindest äußerlich noch sehr an das Urmodell erinnerten, in Land-Rover Defender umbenannt. 1994 verkaufte British Aerospace seine Anteile an BMW. Ab Mitte der 1990er Jahre wurden die alten Honda-Abkömmlinge, die Rover seit 1979 aufgrund eines Kooperationsabkommens zwischen Honda und British Leyland produzierte, nach und nach ausgemustert, ebenso die letzten Austin-Rover-Modelle, der Kleinwagen Metro (1980 – 1998; ab 1994 Rover 100), der Mittelklassewagen Maestro (1983 – 1994) sowie dessen Stufenheckvariante Montego (1984 – 1994), und durch Eigenentwicklungen ersetzt (1998 Rover 75, 1999 Rover 25). Lediglich der uralte Austin Mini, der schon 1959 auf den Markt gekommen war, blieb noch bis 2000 in Produktion.

Diese kostenintensiven Maßnahmen überstiegen jedoch auch die finanziellen Möglichkeiten von BMW, sodass die Bayern die Marken Rover und MG sowie das frühere Austin-Werk in Longbridge/Birmingham 2000 an das Konsortium Phoenix Venture Holdings unter Leitung des ehemaligen Rover-Chefs John Towers verkauften; die Firma wurde daraufhin in MG-Rover Group Limited umbenannt. Das Kürzel MG geht auf die Morris-Verkaufsfirma Morris Garages aus Oxford zurück, die ab 1922 sportliche Coupés und Cabrios aus Morris-Fahrgestellen und fremdgefertigten Spezialkarosserien zusammenbaute. Land-Rover und das Werk in Solihull übernahm Ford. Nur die Marke Mini und das Werk in Oxford blieben bei BMW.

2005 musste MG-Rover Konkurs anmelden. Kurz darauf übernahm die Nanjing Automobile (Group) Corporation, Chinas ältester Autohersteller (gegründet 1947), die MG-Rover Group, das Werk in Longbridge sowie die Motoren- und Getriebe-Tochter Powertrain.

Bereits 2004 hatte die Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) die Design- und Technologie-Rechte an den Rover-Modellen 25 und 75 erworben. Da die Rover-Markenrechte infolge der Insolvenz an BMW zurückgefallen waren, vermarktet der SAIC-Konzern die alten Rover-Modelle nun unter dem ähnlich klingenden Markenbezeichnung Roewe (Roe = chin. Löwe, König; Wei = Energie, Prestige). 2006 verkaufte BMW die Rover-Markenrechte an den Ford-Konzern, der sich beim Kauf von Land-Rover die Vorkaufsrechte gesichert hatte.

2007 übernahm SAIC auf staatlichen Druck hin den Konkurrenten Nanjing Automobile und kam damit auch in den Besitz der Marke MG. Die NAC MG UK Limited wurde daraufhin in MG Motor UK Limited (Longbridge) umbenannt.

Die heutigen Roewe- und MG-Modelle, die in den NAC-Fabriken Pukou/Nanjing (bis 2016 auch bei MG in Longbridge) produziert werden und größtenteils noch auf den alten MG-Rover-Modellen basieren (MG TF, MG 3, MG 5, MG 7, MG 750), sind optisch und technisch weitesgehend identisch (Roewe 150/MG 3, Roewe 350/MG 3/MG 5, Roewe 550/MG 550, Roewe 750/MG 7/MG 750), wie es schon bei Rover und MG der Fall gewesen war. Für den Export wird hauptsächlich die Marke MG verwendet. Die erste Neuentwicklung seit der Übernahme ist der Mittelklasse-Pkw MG 6 (2010).

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49