Markenlexikon

Branche: Fototechnik

Praktica / Pentacon

Deutschland

Benno Thorsch und Paul Guthe gründeten 1919 in Niedersedlitz (gehört seit 1950 zu Dresden) die Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch GmbH (KW). Bekannt wurde die Firma mit der der Patent-Etui (1920), einer besonders flachen Planfilmkamera. Weitere Produkte waren die zweiäugige klappbare Spiegelreflexkamera Pilot 3x4 (1931), die Spiegelreflexkamera Pilot Box 6x9 (1932), die Spiegelreflexkamera Pilot 6 (1936), die Pilot Super (1938) und die Kleinbild-Spiegelreflexkamera Praktiflex (1939). Da Thorsch jüdischer Abstammung war, musste er Deutschland 1938 verlassen; Guthe war schon 1937 in die Schweiz emigriert. Thorsch tauschte sein Unternehmen gegen eine Fotofabrik in Detroit, die dem deutschstämmigen Charles Adolph Noble gehörte. Noble übernahm im Gegenzug das Werk in Dresden, das nun als Kamera-Werkstätten Charles A. Noble vorm. Guthe & Thorsch firmierte. 1945 wurden Charles Noble und sein Sohn John von der Sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und später der Spionage beschuldigt. Charles kam 1952 wieder frei, John wurde 1950 zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilt und in das sowjetischen Gulag Workuta (Sibirien) verschleppt. Erst Anfang 1955 kam er nach persönliche Intervention Präsident Eisenhowers schließlich frei.

Die Firma in Dresden war inzwischen lange enteignet und verstaatlicht worden. Sie firmierte nun als VEB Kamera-Werke Niedersedlitz und produzierten u.a. die Praktiflex, die einäugige Kleinbild-Spiegelreflexkamera Praktica (1949), die Praktica FX (1952), die Kleinbild-System-Spiegelreflexkamera Praktina FX (1953), die Praktica FX 2 (1955), die 6x6-SLR Praktisix (1957; ab 1966 Pentacon Six), die Praktina IIa (1958; die Produktion der Praktina wurde 1960 eingestellt), die Praktica IV (1959), die Halbformat-Taschenkamera Orix/Penti (seit 1959), die vollautomatische Kleinbild-Sucherkamera Prakti (1960), die Schmalfilmkamera Pentaflex 8 (1960) und die Pentina, eine Spiegelreflexkamera mit Zentralverschluss (1961).

1959 schlossen sich mehrere staatliche Dresdner Kamerahersteller (Aspecta, Altissa, Kamera-Werke Dresden, Kinowerke Dresden, Welta Freital/Dresden, Zeiss-Ikon/Contax) unter dem Namen VEB Kamera- und Kinowerke Dresden zusammen. Die Contax F, die es seit 1956 gab, wurde daraufhin auch im Osten als Pentacon F verkauft. Der Name Pentacon (»PENTAprism« und »CONtax«) war bereits seit 1953 für Exportmodelle der Contax D verwendet worden, da die westdeutsche Firma Zeiss-Ikon AG aus Stuttgart die Marke Contax für sich beanspruchte. 1964 benannte sich das Unternehmen in VEB Pentacon Dresden um. 1968 verleibte man dem neugegründeten Pentacon-Kombinat auch noch das Ihagee Kamerawerk in Dresden (Exa, Exakta) ein. Die Exakta-Baureihe wurde 1973 eingestellt, die Exa blieb 1987 in Produktion.

In den 1960er Jahren kamen Produkte wie die Praktica V (1964), die Praktisix II (1964), die Praktica nova mit Rückkehrspiegel (1964), die Praktica mat mit TTL-Innenlichtmessung (1965), die Praktica nova B erstmals mit ungekuppeltem Belichtungsmesser (1965), die 6x6-Mittelformat-Spiegelreflexkamera Pentacon six (1966), die Kinomaschine Pyrcon UP 700 (1966), die Pentaflex SL, eine einfachere Version der Praktica nova (1967/68), die Praktica super TL mit TTL-Innenlichtmessung (1968), die Praktica electronic mit elektrisch gesteuerten Belichtungszeiten (1968), die Praktica L (1968) mit TTL-Messung bei Offenblende und elektrischer Übertragung des Blendenwertes, die Praktica LLC (1969), das Spitzenmodell der ersten L-Generation, und die Pentacon super (1968), eine einäugige System-Spiegelreflexkamera für den Profi. Die L-Reihe blieb mit Verbesserungen und Modifikationen bis 1990 in Produktion; daneben gab es ab 1979 noch die elektronisch gesteuerten Modelle der B-Reihe und die BX-Reihe mit TTL-Blitzsteuerung (1987).

Mit der Eingliederung des Kombinats Pentacon sowie des VEB Feinoptisches Werk Görlitz und des VEB Kamerawerk Freital in das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena endete 1985 die Selbsständigkeit der Dresdener Fotoindustrie. Die Praktica- und Pentacon-Kameras wurden im Ausland teilweise unter anderen Markennamen verkauft, u.a. als RTL Astro/Micro Convertible, Cavalier, Hanimex, Jenaflex, Kawenda, Pentor, Praktiflex, Revue-flex (für Foto-Quelle) und Porst-reflex (für Photo-Porst). Von 1949 bis 1990 waren weltweit über 9 Millionen Praktica-Kameras produziert worden.

John Noble und sein Bruder George erhielten das alte Werk in der Bismarckstraße 1991 zurück, nicht jedoch die Markennamen Praktica und Pentacon, die erst lange nach der Enteignung erfunden worden waren. Die erwarb 1992 die Firma Schneider-Kreuznach, ein 1913 von Joseph Schneider in Bad Kreuznach gegründeter Hersteller von Objektiven, Servoventilen, Fotofiltern und Brillengläsern, der sich 1982 im Besitz von Heinrich Mandermann befand. Mandermann hatte mit seiner Beroflex AG vor der Wende ostdeutsche Fototechnik (Pentacon, Praktica, Exakta, ORWO) zu Schleuderpreisen auf den westdeutschen Markt gebracht. Seit 1982 gehörte Mandermann auch die Marke Exakta (die westdeutsche Exakta AG war 1976 in Konkurs gegangen). Die Nobles gründeten 1991 ein neues Unternehmen, die Kamerawerke Noble GmbH (seit 1998 Kamera wer Dresden GmbH), und begannen 1994 mit der Produktion von Panoramakameras (Noblex); inzwischen werden auch Mittelformat- und Industriekameras gefertigt.

Unter den Markennamen Praktica und Exakta verkauft die Schneider-Kreuznach-Tochter Pentacon GmbH Foto- und Feinwerktechnik (seit 1997 unter diesem Namen) heute weltweit Analogkameras, Blitzgeräte, Digitalbilderrahmen, Digitalkameras, Profi-Scannerkameras, Ferngläser, Spektive und Zubehör. Die Produktion der Spiegelreflexkameras wurde 2001 eingestellt; letztes Modell war die Praktica BX20S.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49