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Branche: Musikindustrie

Polar Music

Schweden

Der Chemie- und Mathematik-Lehrer Stig Erik Leopold »Stikkan« Anderson (1931 – 1997) gründete 1963 gemeinsam mit seinem Kollegen Bengt Bernhag die Musikfirma Polar Music. Eine der ersten schwedischen Bands, die Polar unter Vertrag nahm, war die Folktruppe West Bay Singers, die sich bald darauf in Hootenanny Singers umbenannte. Hier spielte Björn Kristian Ulvaeus (* 1945). 1966 lernte er den Keyboarder Benny Göran Bror Andersson (* 1946) von den Hep Stars kennen und 1968 ging er schließlich als Gitarrist zu dieser Band. 1969 verliebte sich Björn in die damals 19-jährige Sängerin Agnetha Ase Fältskog (* 1950), die mit »Jag Va Sa Kär« gerade einen Hit in Schweden gelandet hatte; wenige Monate später traf es auch Benny. Seine Flamme hieß Anni-Frid (Frida) Synni Lyngstadt (* 1945). Auch sie hatte sich als Sängerin bereits einen Namen gemacht. Zunächst arbeiten die vier nur sporadisch zusammen, Benny und Björn als Songschreiber und Produzenten, Agnetha und Frida als Background-Sängerinnen.

1972 kam die erste gemeinsame Single »People Need Love« heraus, allerdings noch unter dem Bandnamen Björn, Benny, Agnetha & Frida. 1973 benannten sie sich nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen in Abba um. Abba (Aktiebolaget Bröderna Ameln) heißt auch eine bekannte schwedische Fischkonservenfabrik aus Göteborg. Im gleichen Jahr schrieben Benny und Björn für den Grand Prix d‘Eurovision de la Chanson den Titel »Say It With A Song«. Lena Anderson erreichte damit Platz 3. Mit »Ring Ring« verfehlte Abba 1973 jedoch bereits die schwedische Vorauswahl.

Erst am 6. April 1974 schlug ihre große Stunde. Im englischen Seebad Brighton gewannen sie mit »Waterloo« den Grand Prix. Dass gerade der Name dieses kleinen belgischen Städtchens, wo Napoléon I. 1815 seine größte militärische Niederlage erlitt, zum Beginn einer der erfolgreichsten Karrieren im Musikgeschäft wurde, könnte man als Ironie des Schicksals bezeichnen.

Die Arbeiten an der LP »Waterloo« begannen im September 1973. Benny und Björn komponierten die Musik zu den Titeln in ihren Landhäusern auf der Insel Viggsö in der Nähe von Stockholm mit Gitarre und Klavier. Beide konnten keine Noten lesen, sodass sie neue Melodien solange üben mussten, bis sie sie auswendig beherrschten. Eigentlich war anfangs »Hasta Manana« für den Grand Prix vorgesehen gewesen, weil Spanien damals gerade auf dem Weg zum beliebtesten Urlaubsland Europas war. Dann entschied man sich jedoch für »Waterloo«. Das fand das schwedische Kulturestablishment garnicht lustig, schließlich mussten Grand-Prix-Titel damals noch ernst und möglichst tiefgründig sein. Bei »Waterloo« deutete aber höchstens die Idee, ein historisches Ereignis mit einer modernen Liebesgeschichte in Verbindung zu bringen, auf etwas Tiefgang hin. Das letzte Wort hatten jedoch die schwedischen Fernsehzuschauer – und die mochten den Song. Stig Anderson, der für zahlreiche ABBA-Songs die Texte verfasste (»Dancing Queen«, »Fernando«, »S.O.S.«, »Honey Honey«, »Ring Ring«, »Knowing Me, Knowing Me«, »Move On«), schrieb auch die schwedische Ur-Version von »Waterloo«. Beim Grand Prix kam dann allerdings die englische Variante zum Einsatz, die ebenfalls von Stig Anderson stammte; daneben gab es auch noch eine deutsche von Gerd Müller-Schwanke (»Waterloo, keiner nahm mich so im Sturm wie du / Waterloo, ich kam davon wie Napoleon / Waterloo, ich gebe auf, und ich komm zu dir / Waterloo, auch wenn ich dabei mein Herz verlier«), die ebenfalls von Agnetha und Frida gesungen wurde. Die Aufnahmen fanden im Dezember 1973 im Metronome Studio Stockholm statt, die deutsche Version entstand im März 1974.

Danach brach das Abba-Fieber aus. Die vier Schweden wurden über Nacht zu Weltstars. Sie waren eine der wenigen Grand-Prix-Gewinner, die nach ihrem Sieg nicht bald wieder in der Versenkung verschwanden. Benny und Björn schüttelten in den nächsten Jahren einen perfekten Popsong nach dem anderem aus dem Ärmel, u. a. »Honey Honey« (1974), »I Do I Do I Do I Do I Do« (1975), »S.O.S.« (1975), »Mamma Mia« (1975), »Dancing Queen« (1976), »Fernando« (1976), »Money Money Money« (1976), »Knowing Me, Knowing You« (1977), »Take A Chance On Me« (1978), »Eagle« (1978), »Summer Night City« (1978), »Chiquitita« (1979), »Does Your Mother Know« (1979), »Angel Eyes« (1979), »Gimme Gimme Gimme – A Man After Midnight« (1979), »I Have A Dream« (1979), »The Winner Takes It All« (1980), »Super Trouper« (1980), »Lay All Your Love On Me« (1981), »One Of Us« (1981), »Head Over Heels« (1982), »The Day Before You Came« (1982) und »Under Attack« (1982). Der immense Erfolge und der ständigen Tourneen, die sie durch die ganze Welt führten, zeigten jedoch bald auch ihre Schattenseiten. Die Ehen der beiden Paare zerbrachen. Björn und Agnetha ließen sich 1979 nach acht Jahren scheiden, Benny und Frida, die erst 1978 geheiratet hatten, 1981. Obwohl es nie eine offizielle Auflösung gab, endeten die gemeinsamen Auftritte und Plattenaufnahmen 1982.

Agnetha (1983 »The Head Is On«, »Wrap Your Arms Around Me«, 1985 »I Won‘t Let You Go«) und Frida (1982 »I Know There Something Going On«, »To Turn The Stone«) begannen Solokarrieren, Benny und Björn schrieben 1984 gemeinsam mit dem britischen Texter Tim Rice (»Jesus Christ Superstar«, »Evita«) das Musical »Chess«. Mit »One Night In Bangkok«, gesungen von Murray Head, gelang ihnen 1984 noch einmal ein Hit. Danach beschränken sich ihre Aktivitäten wieder hauptsächlich auf Schweden. Hochdotierte Angebote zur Reunion der Band lehnten alle vier Ex-Mitglieder immer wieder ab.

Von 1978 bis 2004 betrieb Polar in Stockholm ein eigenes Tonstudios, wo neben Abba auch Musiker wie Genesis, Led Zeppelin, Roxy Music, Adam Ant, die Backstreet Boys, Celine Dion, Roxette, und Belinda Carlisle Platten produzierten.

Den internationalen Vertrieb der Abba-Platten (außerhalb Skandinaviens) im Auftrag der Polar Music International AB übernahmen zahlreiche Plattenfirmen, u.a. Deutsche Grammophon Gesellschaft/Polydor (Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Portugal), die Atlantic Recording Corporation (USA, Kanada), RCA Records (Australien, Neuseeland, Mexiko, Mittel- und Südamerika), CBS/Epic (Großbritannien), Disques Vogue (Belgien, Frankreich), Philips/Phonogram (Japan), Discomate (Japan), Dig-It (Italien), RTB/Suzy Records (Jugoslawien), Supraphon (Tschechoslowakei) und Amiga (DDR).

1989 verkaufte Anderson Polar Music an die Philips-Tochter PolyGram (Deutsche Grammophon, Decca London, Island, Mercury, Motown, Philips Classics, Phonogram, Polar, Polydor, Polystar, Vertigo, Verve), die sich 1998 mit der Universal Music Group (Decca Records USA, Geffen Records, GRP Records, MCA Records) zusammenschloss. Polar Music beschäftigt sich weiterhin mit der Vermarktung der Abba-Musik.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 24.10.2019 | 00:20