Markenlexikon

Piratron

Ursprungsland: Deutschland

Der piezoelektrische Effekt, der es ermöglicht, Quarzkristalle als hochgenaue Taktgeber zu verwenden, war bereits Anfang der 20. Jahrhunderts bekannt. Bis zur Entwicklung großserientauglicher Quarzuhren dauerte es jedoch noch bis in die 1960er Jahre (1963 tragbare Quarzuhr von Seiko, 1967 Prototyp einer Quarz-Armbanduhr vom Centre Electronique Horloger Neuchâtel/Schweiz, 1969 analoge Quarz-Armbanduhr Seiko Astron). 1971 brachte die US-Firma Time Computer Inc., ein Jointventure der Hamilton Watch Company und der texanischen Elektronikfirma Electro/Data Inc., die Pulsar P1 auf den Markt, die erste elektronische Quarz-Armbanduhr der Welt mit LED-Digital-Anzeige (Leuchtdiodenanzeige). Die Pulsar P1 kostete jedoch anfangs stolze 1500 US-Dollar (dafür bekam man in den USA einen Gebrauchtwagen), außerdem hielten die Batterien nicht besonders lange, da die LED-Module einen hohen Stromverbrauch hatten. Dennoch passte sie hervorragend zum Zeitgeist der frühen 1970er Jahre, als sich die Menschheit auf den Weg zum Mond machte. Erst mit dem Einsatz der stromsparenden LCD-Technik (Flüssigkristallanzeige) bekam man den hohen Stromverbrauch ab 1973 in den Griff.

In dieser Zeit begann der Run auf die LCD-Quarz-Uhren. Zu dieser Zeit war die Produktion in Asien (Hongkong, Taiwan) so billig geworden, dass die Uhren für halbwegs moderate Preise angeboten werden konnten. Neben den etablierten Uhrenherstellern wie Seiko (Japan), Citizen (Japan) oder Timex (USA), deren Uhren auch weiterhin normale Preise hatten, warfen Handelsgesellschaften wie die Piranha Marketing GmbH aus Langenselbold (Piratron; ab 1976) oder Cresta aus den Niederlanden (ab 1976) die LCD-Quarz-Uhren in großen Mengen und recht preiswert auf den westeuropäischen Markt. Zu den führenden Anbietern zählte auch Casio aus Japan, eigentlich ein Hersteller von elektronischen Tischrechnern. Die Uhren von Piratron und Cresta fanden selbst den Weg in den ansonsten abgeriegelten Ostblock. Auf den Schulhöfen der DDR waren sie allgegenwärtig, vor allem die noch billigeren Plastikvarianten, die die Westverwanden gerne in die begehrten Ostpakete legten.

Produziert wurden diese Uhren fast ausschließlich von Auftragsfertigern in Hongkong, später auch in Taiwan. Mitunter kamen Uhrwerke und Komponenten aus der Schweizer Uhrenindustrie zum Einsatz, was an dem Aufdruck Swiss Made zu erkennen war. Die LCD-Quarzuhren eigneten sich auch hervorragend zur Unterbringung weiterer Features und Gimmiks wie Adress- und Terminspeicher, Barometer, Melodien, Rhythmuscomputer, Stoppfunktion, Taschenrechner, Videospiele, Weltzeit oder sogar Radio- und Fernsehempfänger. Im Prinzip handelte sich bei diesen Uhren um Vorläufer der heutigen Smartwatches.

Die LCD-Quarz-Uhren stürzten die Schweizer Uhrenindustrie in eine schwere Krise. Kaum jemand wollte in dieser Zeit noch mechanische Uhren mit Zeigeranzeige kaufen, auch wenn die ebenfalls quarzgesteuert waren. Die futuristisch anmutenden eckigen Ziffern der LCD-Uhr standen für moderne Halbleiter- und Computertechnik, die mechanische Uhr mit Zeigern und präziser Feinmechanik dagegen für eine vergangene Zeit. Manch einer vergaß damals sogar, wie man die Zeiger einer Uhr abliest. Erst als sich Anfang der 1980er Jahre mehrere Uhrenhersteller zusammenschlossen und die preiswerte Plastikuhr Swatch auf den Markt brachten, von deren Modellen es immer nur eine bestimmte Menge gab, was sie für Sammler interessant machte, bekam die Schweizer Uhrenindustrie wieder Boden unter die Füße. Der Hype um die LCD-Uhren hielt die ganzen 1980er Jahre an. Erst in den 1990er Jahren wurden analoge Quarzuhren mit Zeigeranzeige wieder modern. LCD-Uhren gab es nun an Warenhaus-Wühltischen für 10 Mark oder als kostenlose Werbegeschenke. In dieser Zeit verschwanden Marken wie Piratron und Cresta nach und nach aus dem Handel. Die Firma Cresta aus Almere vertreibt weiterhin allerlei Elektronikprodukte, aber keine Uhren mehr. Uhren mit LCD-Anzeige gibt es indes noch immer (z.B. von Casio), allerdings sind sie nun ein eher unbedeutendes Nischenprodukt.

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