Markenlexikon

Branche: IT

Palm

USA

Der Elektroingenieur Jeff Hawkins (* 1957) ging nach Beendigung seines Studiums 1979 zunächst zum Chip-Hersteller Intel und dann zu Grid Computer Systems, einer kleinen Silicon-Valley-Firma aus Mountain View, die an der Entwicklung eines Computers arbeitete, der nicht viel größer als ein Taschenrechner sein sollte. Nebenbei beschäftigte er sich mit den Ursprüngen menschlicher Denk-Impulse, ein Sachgebiet, das ihn 1986 an die Berkeley-Universität brachte, wo er Biophysik studierte. Nachdem er Berkeley 1988 ohne Titel wieder verlassen hatte, entwickelte Hawkins ein Programm, das Handschriften lesen konnte (PalmPrint). Danach kehrte er zu Grid zurück, wo er 1989 den GridPad, den ersten Computer entwickelte, den man handschriftlich bedienen konnte.

Im Januar 1992 – im gleichen Monat prägte der damalige Apple-Chef John Sculley die Bezeichnung PDA (Personal Digital Assitant) – gründete Hawkins in Los Altos/California (der Firmensitz wurde später nach Sunnyvale verlegt) seine eigene Firma Palm Computing Inc. Der Firmenname bezog sich auf die ungefähre Größe der Geräte (Palm = engl. Handteller). Eine seiner ersten Angestellten war die frühere Apple- und Claris-Mitarbeiterin Donna Dubinsky (* 1955), die als Mitbegründerin der Firma gilt. Ein weiterer Angestellter aus den Anfangsstagen war der spätere Palm-Vorstandsvorsitzende Ed Colligan (2005 – 2009). Ende 1993, nur wenige Monate nach dem Apple Newton, kam der von Palm, Casio, Tandy/RadioShack, GeoWorks, Intuit und AOL entwickelte 700 Dollar teure Zoomer auf den Markt, der jedoch wie die PDAs vieler anderer Hersteller (Amstrad, Apple, Go, Hewlett-Packard, IBM, Motorola, Sharp, Sony, Toshiba) zunächst ein Reinfall wurde. Die Geräte, die auch als Organizer oder Handheld-Computer bezeichnet werden, waren zu teuer, zu groß, und die Software für die Handschriftenerkennung funktionierte noch nicht optimal.

1995 wurde Palm Computing von dem Modem-Hersteller US-Robotics übernommen; dadurch erhielt die kleine Firma nicht nur nur dringend benötigtes Kapital, sondern auch Zugang zu einem Vertriebsnetz. Im März 1996 kam schließlich der 299 Dollar teure PalmPilot auf den Markt, der sich nun überraschend gut verkaufte. Innerhalb von anderthalb Jahren konnten rund eine Million Geräte abgesetzt werden. Damit ist der PalmPilot das Elektronikprodukt, das sich auf dem Markt am schnellsten durchgesetzt hat. Weder Radio, Fernseher, Computer noch Handy haben das zuvor geschafft.

1997 änderten sich die Besitzverhältnisse erneut; US-Robotics wurde von der Netzwerkfirma 3Com Corporation übernommen. Doch bereits drei Jahre später brachte 3Com Palm und U.S. Robotics wieder als selbstständige Unternehmen an die Börse. Jeff Hawkins, Donna Dubinsky und Ed Colligan hatten das Unternehmen nach der Übernahme durch 3Com verlassen und anschließen die Firma Handspring Inc. gegründet, die ebenfalls PDAs entwickelte (Visor, Treo).

Einige Jahre besaß Palm ein Quasi-Monopol bei den PDAs, doch mit der Einführung der größeren und leistungsfähigeren Pocket- oder Handheld-PCs Anfang der 2000er Jahre, begannen die Marktanteile des Marktführers zusehends zu schrumpfen. Die Pocket-PCs hatten im Gegensatz zu den PDAs eine Tastatur (bei PDAs wird die Tastatur meist nur auf dem Bildschirm eingeblendet), schnellere Prozessoren, hochauflösende Farbdisplays und ein Windows-Betriebssystem (Windows CE/Windows Mobile). Palm brachte 2002 mit der Tungsten-Serie ebenfalls Handheld-PCs auf den Markt, allerdings mit einem eigenen Betriebssystem (PalmOS).

2002 verselbstständigte Palm Inc. die Softwareabteilung unter dem Namen PalmSource und schloss sich ein Jahr später mit Handspring zur PalmOne Inc. zusammen. PalmSource wurde 2005 von der japanischen Firma Access (NetFront-Webbrowser) übernommen und ein Jahr später in Access umbenannt, da palmOne kurz zuvor die Palm-Namensrechte von PalmSource zurückerworben hatte und nun wieder unter dem alten Namen Palm Inc. firmierte. 2006 erwarb Palm auch den PalmOS-Quellcode von Access zurück. Neben Palm selbst verwendeten u.a. auch mehrere andere Hersteller wie Kyocera, Lenovo, LG, Nokia, Qualcomm, Samsung, Sony und Symbol Palm OS. Palm entwickelte inzwischen ein neues Betriebssystem (WebOS), das 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Zu dieser Zeit hatte sich die Marktsituation jedoch grundlegend verändert. Mehrere neue Hersteller waren mit Geräten auf den Markt gekommen, die nun den Leistungsumfang von PDAs, Digitalkamera und Mobiltelefonen miteinander vereinten (Smartphones), u.a. das kanadische Unternehmen RIM (Research in Motion) mit dem BlackBerry, Apple mit dem iPhone, oder Google mit dem Nexus One. Die Private-Equity-Firma Elevation Partners, die sich 2007/2008 mit rund 25 Prozent an Palm beteiligte, holte Jon Rubinstein, der zuvor bei Apple für die Entwicklung des iPods zuständig gewesen war, in das Unternehmen; 2009 löste er Ed Colligan als Vorstandschef ab. Colligan ging daraufhin zum Palm-Investor Elevation. Mit dem Palm Pre, der im Juni 2009 auf den Markt kam, wollte das Unternehmen zum großen Befreiungsschlag ausholen. Doch obwohl das Smartphone von der Fachwelt sehr positiv aufgenommen wurde und mehrere Preise erhielt (Best of CES 2009 Award, People’s Voice Award), blieb es wie Blein in den Regalen liegen. Die Folge waren Umsatzeinbrüche und ein Rückgang des Aktienkurses um über 60 Prozent. Palm-Chef Rubinstein bot das Unternehmen schließlich zum Kauf an, um den drohenden Untergang abzuwenden. Im April 2010 griff der weltweit führende Computer-Hersteller Hewlett-Packard, der ebenfalls ein Smartphone im Programm hatte (iPAQ), zu und übernahm Palm für 1,2 Milliarden Dollar. Todd Bradley, Chef der Personal Systems Group von HP und zuständig für die Übernahme, war von 2003 bis 2005 selbst Vorstandschef von PalmOne gewesen.

2014 verkaufte HP die Palm-Namens- und Markenrechte an den chinesischen TCL-Konzern, der bereits europäische Marken wie Alcatel-OneTouch oder Thomson in Lizenz verwendet.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49