Markenlexikon
Die Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation (Agfa) errichtete 1909/1910 in Wolfen die damals größte Filmfabrik Europas, die heute oft als Geburtsort des Farbfilms bezeichnet wird. 1936 brachte Agfa den bahnbrechenden Mehrschichtenfarbfilm Agfacolor heraus, der erstmals eine wirklich befriedigende Qualität von Diapositiven bot. Zur gleichen Zeit entstand auf dem Fabrikgelände ein Faserwerk, in dem aus Cellulose synthetische Fasern hergestellt wurden. Ab 1939 entstanden die ersten Kinofilme in Agfacolor und 1942 wurden der Agfacolor-Negativ-Fotofilm sowie das Agfacolor-Fotopapier vorgestellt. 1943 übernahm Agfa Wolfen von BASF in Ludwigshafen die Magnetbandproduktion für das AEG-Telefunken Magnetophon, das erste serienreife Tonbandgerät der Welt.
1945 wurde das Vermögen des IG-Farben-Konzerns, zu dem Agfa von 1925 bis 1945 gehörte, durch die Alliierten beschlagnahmt. Das Werk in Wolfen übernahmen zunächst die Amerikaner, dann die Sowjets. Dadurch gelangten viele Technologien und Patentschriften in die Hand des US-Fotokonzerns Kodak. Teile der Produktionsanlagen wurden demontiert und in die Sowjetunion gebracht. 1953 gab die Sowjetunion das Werk an die DDR zurück. Nach jahrelangen juristischen Streitigkeiten mit Agfa Leverkusen um das Markenzeichen Agfa, führte das verstaatlichte Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen 1964 die neue Marke ORWO (ORiginal WOlfen) ein. 1970 wurde ORWO Teil des Fotochemischen Kombinats Wolfen. Neben Filmmaterial und Fotopapieren für private und professionelle Anwendungen, produzierte ORWO ab 1970 auch Magnetbänder für die elektronische Datenspeicherung sowie für Audio- und Videogeräte.
1990 wurde das Kombinat aufgelöst. Nachdem die Privatisierung der Filmfabrik Wolfen gescheitert war, erwarb der Unternehmer Heinrich Manderman (Beroflex, Exakta, Pentacon) 1995 Teile der Liquidationsmasse und gründete eine neue ORWO-Firma, die jedoch 1997 in die Insolvenz ging. 1999 wurde das ostdeutsche IT-Startup Lintec neuer ORWO-Eigentümer. Das Unternehmen beschäftigte sich nun mit Fotodienstleistungen; die Produktion der Filme wurde eingestellt. Nach zwei weiteren Insolvenzen (2002, 2025) gehört ORWO seit 2025 zu der Kölner Unternehmensgruppe The Customization Group (Picanova). ORWO stellt in Wolfen individualisierte Fotoprodukte wie Adventskalender, Fotoabzüge, Fotobücher, Fotokalender, Fotogeschenke, Fotokarten, Poster und Wandbilder her.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Public Domain

