Markenlexikon

Nokia

Finnland

Der lange Zeit weltgrößte Hersteller von Mobiltelefonen (1998 – 2012) verdankt seinen Namen einem Marder, der an den Ufern des Flusses Nokianvirta rund 30 Kilometer westlich von Tampere lebte, sowie dem Landgut Nokia, das es bereits um 1500 gab. 1859 erbte der Unternehmer Adolf Törngren (1824 – 1895) das Anwesen und bald darauf heiratete er die Schwester des Bergbauingenieurs Knut Fredrik Idestam (1838 – 1916), der seit 1865 in der Nähe von Tampere eine Papierfabrik betrieb. Nachdem Törngren 1866 Bankrott gegangen war, erwarb Idestams Firma den Nokia-Besitz, um dort eine zweite Papierfabrik zu errichten. 1871 gründeten Idestam und der finnische Politiker Leo Mechelin (1839 – 1914) die Aktiengesellschaft Nokia Osakeyhtio (Nokia Aktiengesellschaft), die ihre Aktivitäten ab 1877 nur noch auf das neue Werk konzentrierte. Die Hauptabsatzmärkte von Nokia waren damals vor allem Russland, China, Großbritannien und Frankreich.

SUOMEN GUMMITEHDAS OSAKEYHTIO: Nach dem Ende des 1. Weltkriegs wurde Nokia von der Gummifabrik Suomen Gummitehdas Osakeyhtio (Finnische Gummiwerke Aktiengesellschaft) übernommen, die hauptsächlich Gummischuhe herstellte. Das 1898 von Carl Henrik Lampen in Helsinki gegründete Unternehmen hatte sich 1904 in der Nähe der Nokia-Papierfabriken angesiedelt, um die Energie aus einem Nokia-Wasserkraftwerk günstig mitnutzen zu können.

SUOMEN KAAPELITEHDAS OSAKEYHTIO: 1922 erwarb Suomen Gummitehdas die 1912 von Arvid Konstantin Wikström in Helsinki gegründete Firma Suomen Kaapelitehdas Osakeyhtiö (Finnische Kabelwerke Aktiengesellschaft). Alle drei Unternehmen verwendeten für ihre Produkte (Papier, Schuhe, Transportbänder, Kabel) nun die Markennamen Nokia und Nokian. 1925 nahm Suomen Gummitehdas die Produktion von Fahrradreifen auf, 1932 folgten Autoreifen. 1938 wurde der Ort Pohjois-Pirkkala, der sich in der Nähe der Fabrikanlagen befand, in Nokia umbenannt.

NOKIA OSAKEYHTIO: 1967 schlossen sich die drei Unternehmen unter dem Namen Nokia Osakeyhtio (Nokia Aktiengesellschaft) vollständig zusammen. Seit dieser Zeit beschäftigte sich Nokia mit der Entwicklung von Mobilfunksystemen, vor allem, weil es sich in dem riesigen, aber teilweise menschenleeren Land kaum lohnte, Telefonleitungen zu verlegen. Den Ausschlag dazu hatte 1963 eine Ausschreibung der finnischen Armee gegeben, die kabellosen Gefechtsfunk beschaffen wollte. Nokia konnte dabei auf die Erfahrungen der ab 1960 aufgebauten Elektronik- und Computerabteilung der Finnischen Kabelwerke zurückgreifen, außerdem arbeitete man in diesem Bereich eng mit dem Radio- und Fernsehgerätehersteller Salora aus Salo zusammen. Gemeinsam entwickelten beide Unternehmen Anfang der 1970er Jahre das Autofunktelefon-Netzwerk ARP (Autoradiopuhelin), dem allerdings kein großer kommerzieller Erfolg beschieden war.

Nokia beteiligte sich neben anderen Unternehmen wie Ericsson auch am Aufbau des analogen, handvermittelten Mobiltelefonsystems NMT (Nordisk MobilTelefoni), das in den 1980er Jahren in mehreren nordeuropäischen Ländern in Betrieb genommen wurde (Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Island).

MOBIRA, SALORA: Für die Entwicklung und Herstellung der Mobiltelefone gründeten Nokia und Salora 1979 das Jointventure Mobira, das durch den Zusammenschluss von Nokia und Salora 1984 ganz in den Besitz von Nokia überging. Bis 1989 wurden die Geräte unter dem Namen Mobira verkauft. Ein prominenter Nutzer der Mobira-Telefone war u.a. Michail Gorbatschow. Von 1981 bis 1987 vermarktete Nokia unter dem Namen MikroMikko auch Personal-Computer.

ITT-NOKIA: Außerhalb Finnlands und einiger nordeuropäischer Länder wurde Nokia erst 1987 bekannt, als das Unternehmen die deutschen Unterhaltungselektronik-Hersteller ITT-Schaub-Lorenz und Graetz von CGE/Alcatel-SEL (Standard Elektrik Lorenz) übernahm und seine Produkte eine Zeit lang unter dem Markennamen ITT-Nokia verkaufte.

In den 1990er Jahren konzentrierte sich Nokia nur noch auf den Bereich Telekommunikation, vor allem auf die Herstellung von Mobiltelefonen; das Unternehmen gehörte ab 1992 zu den Mitentwicklern des digitalen Mobilfunk-Standards GSM (Global System for Mobile Communication). Besonders erfolgreich wurden die Modelle 3210 (1999; 160 Millionen verkauften Exemplare) und 3310 (2000; 126 Millionen verkauften Exemplare).

Die Papierfabrik in Nokia wurde 1989 an die James River Corporation verkauft (seit 2000 gehört Nokian Paperi dem US-Papierkonzern Georgia-Pacific), die Computersparte (Nokia Data Systems) ging 1991 an die britische Fujitsu-Tochter ICL (International Computers Limited); die chinesisch-kanadische Holdinggesellschaft Semi-Tech (Akai, Pfaff, Sansui, Singer) erwarb 1996 das Unterhaltungselektronikgeschäft (Finlux, Salora, Schaub-Lorenz). Der Reifenhersteller Nokian Tyres wurde 1988 verselbstständigt (seit 2003 ist Bridgestone Mehrheitsaktionär), ebenso 1990 die Schuhsparte Nokian Footwear.

2006/2007 erwarb Nokia die Gate5 AG aus Berlin, ein Entwickler von Navigations-Software, sowie die US-Firma Navteq aus Chicago, einen Anbieter Geodaten zum Einsatz in Navigationsgeräten. Das Telekomausrüstungsgeschäft (Infrastrukturdienstleistungen für Fest- und Mobilnetzbetreiber) betrieb Nokia von 2007 bis 2013 gemeinsam mit Siemens (Nokia Siemens Networks war der drittgrößte Telekommunikationsausrüster der Welt nach Alcatel-Lucent und Ericsson/Marconi). 2009 stieg Nokia mit einem Netbook (Nokia Booklet 3G) erneut in das PC-Geschäft ein.

MICROSOFT MOBILE: 2010 wurde der frühere Microsoft-Manager Stephen Elop Vorstandschef von Nokia, woraufhin Nokia und Microsoft eng kooperierten (Microsoft verwendet Nokias Kartendienste, Abkehr vom eigenen Betriebssystem Symbian zugunsten von Windows Phone). Zu dieser Zeit hatte Nokia allerdings schon lange unter der immer stärker werdenden Konkurrenz von Apples iPhone und den Google-Android-Smartphones zu leiden; die Marktanteile gingen stetig zurück und 2012 wurden die Finnen als weltgrößter Mobiltelefon-Hersteller von Samsung abgelöst. Ende 2012 schloss Nokia seine letzte Fabrik in Finnland (Salo). In der Stadt Nokia ist das Unternehmen ebenfalls nicht mehr vertreten; der Hauptsitz wurde inzwischen nach Espoo, der zweitgrößten finnischen Stadt, verlegt, direkt vor den Toren Helsinkis. 2013/14 übernahm Microsoft schließlich die gesamte Mobiltelefon-Sparte von Nokia mit mehreren Produktionsstandorten und 32.000 Mitarbeitern; Microsoft darf die Marke Nokia noch 10 Jahre für die Vermarktung von Mobiltelefonen nutzen; das Unternehmen selbst firmierte als Microsoft Mobile Oy. Nokia konzentrierte sich anschließend auf das Netzwerkgeschäft, den Kartendienst HERE, der u.a. von Amazon, Audi, BMW, Firefox, Mercedes-Benz, Microsoft und Volkswagen genutzt wird, sowie die Lizensierung des umfangreichen Nokia-Patentportfolios.

ALCATEL-LUCENT: 2015 erwarb Nokia den französischen Telekomausrüster Alcatel-Lucent inkl. der berühmten Bell Laboratories aus Murray Hill/New Jersey, die einst zum Telekomkonzern AT&T gehört hatten. Das fusionierte Unternehmen firmiert unter dem Namen Nokia Corporation und hat seinen Sitz weiterhin in Finnland. Kurz darauf verkaufte Nokia den Kartendienst HERE an die drei Automobilkonzerne VW/Audi, BMW und Daimler.

HMD GLOBAL: 2016 verkaufte Microsoft das Geschäft mit den Feature-Phones (einfache Handys) an die von ehemaligen Nokia-Managern gegründete finnische Firma HMD Global Oy (Helsinki), die von Nokia das exklusive Recht erhielt, den Traditionsnamen in den nächsten zehn Jahren für die Vermarktung von Handys, Smartphones und Tablets zu nutzen. Produktion (eine Produktionsstätte Hanoi/Vietnam), Vertrieb und Verkauf übernahm die Foxconn-Tochter FIH Mobile Limited. 2017 brachte HDM die ersten neuen Nokia-Smartphones auf den Markt.

Übernommene Unternehmen

Alcatel-Lucent

Die Ursprünge von Alcatel gehen auf eine Maschinenfabrik zurück, die André Koechlin (1789 – 1875) 1826 in Mülhausen gegründet hatte. Die Firma produzierte Spinn- und Webmaschinen, Dampfmaschinen, Turbinen und Dampflokomotiven. Nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg von 1870/71 musste Frankreich Teile Elsass-Lothringens an das Deutsche Reich abtreten, sodass die Elsässische Maschinenbaugesellschaft Andreas Köchlin & Cie. und die Firma Établissements de Constructions Mécaniques de Strasbourg in Illkirch-Graffenstaden bei Strasbourg nun zu Deutschland gehörten. Beide Unternehmen wurden 1872 zur Elsässischen Maschinenbau-Gesellschaft Grafenstaden zusammengeschlossen. Viele Elsässer zogen daraufhin in die französische Stadt Belfort, etwa 50 Kilometer südwestlich von Mülhausen, um. Als Nachfolgegesellschaft von Koechlins Unternehmen entstand 1872 in Belfort die Société Alsacienne de Constructions Méchaniques (SACM). Nach dem Friedensvertrag von Versailles 1919 gehörte Elsass-Lothringen wieder zu Frankreich, woraufhin sich SACM und die Elsässische Maschinenbau-Gesellschaft Graffenstaden zusammenschlossen.

ALSTHOM: 1928 gründeten SACM und der Elektrokonzern Compagnie Française Thomson-Houston in Belfort das Jointventure Société Générale de Constructions Electriques et Mechaniques Alsthom (ALSacienne + THOMson). Die US-amerikanische Thomson-Houston Electric Company, eins der beiden Gründungsunternehmen der General Electric Company (GE), hatte 1893 eine französische Niederlassung ins Leben gerufen, die sich noch bis 1953 teilweise im Besitz von GE befand. Das neue Unternehmen übernahm die Produktion der elektrischen Grubenlokomtiven, die Thomson-Houston bereits seit 1899 hergestellt hatte; Dampflokomotiven und später auch Dieselloks wurden weiterhin von SACM gefertigt. 1932 erwarb Alsthom das Unternehmen Constructions Electriques de France (CEF) aus Tarbes, einen weiteren Hersteller von Elektro-Loks. 1945 ging Alsthom vollständig in den Besitz von Thomson-Houston über.

ALCATEL: In den 1950er und 1960er Jahren Jahren produzierte SACM auch Atomreaktoren, u.a. für das erste französische Kernkraftwerk Marcoule (1952 – 1956) rund 30 Kilometer nördlich von Avignon. Die Sparten Atomkraftwerke und Elektronik wurden 1963 in der Société Alsacienne de Construction Atomiques, de Télécommunications et d'Electronique (Alcatel) zusammengefasst; Partner bei diesem Jointventure war die Société Alsacienne d' Electronique et de Mécanique Appliquée (SAEMA), die u.a. Torpedos für die französische Marine produzierte.

CGE: 1968 ging SACM/Alcatel in den Besitz des führenden französischen Elektro- und Telekomkonzern Compagnie Générale d'Electricité (CGE) über. CGE war 1898 von dem Elektroingenieur Pierre Azaria (1865 – 1953) als französisches Gegenstück zum deutschen Elektrokonzern AEG und zur US-amerikanischen General Electric Company in Paris gegründet worden. 1969 erwarb die CGE auch Alsthom. Aus dem Zusammenschluss der Telekommunikationsabteilungen von CGE (CIT Compagnie Industrielle des Télécommunications) und Alcatel (gehörte seit 1968 zu CGE) entstand 1970 die CIT-Alcatel S.A.

TGV: Von 1969 bis 1972 entwickelte Alsthom den Hochgeschwindigkeitszug TGV (Train á Grande Vitesse). Der Prototyp TGV 001 begann im April 1972 mit den ersten Testfahrten auf der Strecke Denhaye – Bordeaux. Am 22. September 1981 weihte die französische Bahngesellschaft SNCF (Société Nationale des Chemins de fer français) mit dem zwischen 1978 und 1984 von Alsthom und Francorail gebauten TGV-PSE die Strecke Paris – Lyon ein; der reguläre Liniendienst begann fünf Tage später. Ab 1987 entwickelte Alsthom den TGV Atlantique; am 18. Mai 1990 stellte der TGV Atlantique mit einer Geschwindigkeit von 515,3 km/h einen neuen Weltrekord für Schienenfahrzeuge auf. Weitere Serien sind der TGV-Réseau (gebaut von 1991 – 1993 von GEC-Alsthom), der TGV Duplex (gebaut von 1995 – 1997 von GEC-Alsthom) und der AGV (Automotrice à grande vitesse), der Nachfolger des TGV, der der Öffentlichkeit 2008 vorgestellt wurde.

1976 erwarb CGE das Schiffbauunternehmen Chantiers de l'Atlantique, das anschließend als Alsthom Atlantique firmierte. 1982 wurde CGE verstaatlicht, jedoch bereits 1987 wieder privatisiert. 1983 übernahm CGE die Telekom-Sparte von Thomson (Thomson Télécommunications), die 1985 mit CIT-Alcatel zusammengeschlossen wurde.

ITT: 1986 erwarb CGE die Telekommunikationsaktivitäten des US-Mischkonzerns International Telephone and Telegraph Corporation (ITT). Das neue Dachunternehmen firmierte aus aktienrechtlichen Gründen unter dem Namen Alcatel N.V. und hatte seinen Firmensitz in den Niederlanden. Anfangs war ITT noch mit 37 Prozent an Alcatel beteiligt (CGE: 55,6 Prozent), nach und nach reduzierte man den Anteil jedoch auf ein Minimum (1997 verkaufte ITT die letzten Alcatel-Alsthom-Anteile).

GEC-ALSTHOM, ALSTOM: 1989 gründeten die britische General Electric Company (G.E.C.), die mit dem gleichnamigen US-Konzern General Electric (GE) nichts zu tun hatte, und Alsthom das Jointventure GEC-Alsthom, das die beiden Sparten Transport (Schienenfahrzeuge, Schiffbau) und Kraftwerke übernahm. 1991 benannte sich CGE in Alcatel-Alsthom Compagnie Générale d'Electricité um. 1998 verkauften Alcatel-Alsthom und G.E.C. (ab 2000 Marconi) ihre Anteile an dem Jointventure GEC-Alsthom. Das abgespaltete Unternehmen nannte sich Alstom S.A. – nun in der neuen Schreibweise ohne »h«. Alcatel beschäftigte sich nur noch mit Telekom-Technik.

LUCENT TECHNOLOGIES: 2006/2007 erwarb Alcatel den US-Telekomausrüster Lucent Technologies aus Murray Hill/New Jersey. Lucent war 1996 durch die Aufteilung der American Telephone and Telegraph Company (AT&T) in die drei UnternehmenAT&T Corporation (Telefonnetze), NCR Corporation (Computer, Kassensysteme) und Lucent Technologies (Geräteherstellung; inkl. Western Electric und Bell Laboratories) entstanden. Alcatel-Lucent steieg dadurch zu einem weltweit führenden Hersteller von Telekommunikations- und Netzwerkausrüstungen auf.

ALCATEL ONE TOUCH: Die Mobilgeräte-Sparte Alcatel Mobile Phones (Alcatel OneTouch) wurde 2004 in ein Jointventure mit der TCL Corporation (China) eingebracht; 2005 verkaufte Alcatel-Lucent seinen 45-prozentigen Anteil an TCL. Die Marke Alcatel OneTouch wird nun von TCL Mobile in Lizenz verwendet.

NOKIA: 2015 wurde Alcatel-Lucent von Nokia übernommen; das fusionierte Unternehmen firmiert unter dem Namen Nokia Corporation und hat seinen Sitz weiterhin in Finnland. Alstom ist inzwischen nur noch als Schienenfahrzeughersteller aktiv (u.a. TGV, Pendolino, Straßenbahnen); alle anderen Bereiche wurden verkauft (Industrieturbinen 2003 an Siemens, Energieübertragung und -verteilung 2004 an Areva, Antriebstechnik und industrielle Anlagentechnik 2005 an Barclays Private Equity, Alstom Marine/Chantiers de l'Atlantique 2006 an Aker Yards, Energiesparte 2015 an GE)

ITT

Sosthenes Behn (1882 – 1957) begann seine Karriere als Zuckerhändler auf Puerto Rico. Nachdem er von einem Schuldner ein kleines Telefonunternehmen als Zahlungsausgleich angenommen hatte, erkannte er die Vorteile des Telefons als schnelles Kommunikationsmittel. Gemeinsam mit seinem Bruder Hernand Behn (1880 – 1933) gründete er 1920 in Baltimore die International Telephone and Telegraph Corporation (ITT), die anfangs nur den Telefonvekehr auf Puerto Rico sowie zwischen Kuba und der USA betrieb. Der Firmenname entstand in Anlehnung an die American Telephone and Telegraph Company (AT&T), die den gesamten inneramerikanischen Telefonverkehr kontrollierte. Was AT&T auf amerikanischen Boden vorgemacht hatte, wollte ITT auf internationalem Terrain wiederholen, vor allem in Europa und Lateinamerika. Das war jedoch anfangs nicht so einfach zu realisieren, denn kaum ein Staat war bereit, sein Telefonnetz in die Hand einer vollkommen unbekannten Firma legen. Schließlich klappte es mittels Bestechung dennoch, zuerst in Spanien, wo ITT 1923 drei Telefonunternehmen erwarb, die zur Compania Telefónica Nacional de Espana zusammengeschlossen wurden, und von der Regierung eine Konzession für 20 Jahre erhielt (Telefónica wurde 1945 verstaatlicht).

STANDARD ELEKTRIK, ITT-SCHAUB-LORENZ: 1925 erwarb ITT die internationalen Aktivitäten des AT&T-Geräteherstellers Western Electric, die International Western Electric Corporation, die daraufhin in International Standard Electric Corporation umbenannt wurde, und 1927 das Telefongeschäft von Thomson-Houston (Frankreich) sowie die Compania de Telefonos de Chile (Chitelco). 1929 gründete ITT in Berlin die Standard Elektrizitäts-Gesellschaft AG (ab 1956 Standard Elektrik AG; ab 1958 Standard Elektrik Lorenz AG), die anschließend zahlreiche weitere deutsche und europäische Elektro-, Radio- und Telefonfirmen erwarb (1930 C. Lorenz AG, Mix & Genest AG, 1940 G. Schaub Apparatebaugesellschaft GmbH, 1932 Ericsson/Schweden, 1961 Graetz KG). 1955 wurde für die Radio- und Fernsehgeräte der Markenname Schaub-Lorenz eingeführt (ab 1972 ITT-Schaub-Lorenz); ITT-Schaub-Lorenz (Slogan: »Technik der Welt«) war bis in die 1970er Jahre hinein neben AEG-Telefunken, Dual, Grundig, Nordmende, Saba und Uher einer der führenden deutschen Hersteller von Unterhaltungselektronik.

Nachdem der ITT-Gründer 1957 gestorben war, wurde Harold Sydney Geneen sein Nachfolger. Unter seiner Leitung begann ITT Unternehmen aufzukaufen was die Kassen hergaben, teilweise aus vollkommen fremden Branchen (1965 Avis Rent-A-Car; 1967 Alfred Teves; 1968 Sheraton Hotel Corporation, Stenberg-Flygt, Continental Baking Company/Wonder Bread, Rayonier und Grohe Sanitärtechnik; 1971 Rimmel Cosmetics, 1972 Hartford Fire Insurance Company, Koni Stoßdämpfer und Leifheit Haushaltsgeräte). Der Umsatz und die Gewinne stiegen in schwindelerregende Höhen und Geneen galt als einer der fähigsten Manager seiner Zeit, aber auch als einer der umstrittensten. Als die chilenische Allende-Regierung 1973 einige Schlüsselindustrien nationalisieren wollte, u.a. die ITT-Tochter Chitelco, bot Geneen dem US-Auslandsgeheimdienst CIA eine Million Dollar für eine Intervention in Chile an. Der Militärputsch von General Augusto Pinochet gelang dann allerdings auch ohne ITT-Geld. Dem weltweiten Ruf und den Aktienkursen des Unternehmens schadete diese Aktion jedoch sehr. Aus der Abkürzung ITT wurde plötzlich »International Twisters and Tricksters Company« (Internationale Gauner und Gangster Gesellschaft) und das Management versuchte sich durch öffentliche Unschuldsbeteuerungen vergeblich aus der Affäre zu ziehen.

CGE, ALCATEL: In dieser Zeit zeigte sich auch, dass der inzwischen zu einem Koloss aufgeblasene Konzern kaum noch beherrschbar war. Die vielen verschiedenen Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen passten nur selten zusammen und der Schuldenberg war durch die ständigen Übernahmen ins Endlose gewachsen. 1977 trat Geneen von seinem Chefposten zurück. Sein Nachfolger Rand Araskog begann sofort mit dem Ausverkauf. Über 250 Tochtergesellschaften kamen in den nächsten Jahren unter den Hammer. 1986 verkaufte ITT sein gesamtes europäisches Elektro- und Telekomausrütungsgeschäft (u.a. Standard Elektrik Lorenz AG, ITT-Schaub-Lorenz, Graetz) an den französischen Elektrokonzern Compagnie Générale d'Electricité (CGE), der sie mit seiner eigenen Telekom-Tochter Alcatel zusammenschloss. Anfangs war ITT noch mit 37 Prozent an Alcatel beteiligt, nach und nach reduzierte man den Anteil jedoch auf ein Minimum (1997 verkaufte ITT die letzten Anteile an Alcatel-Alsthom). Die Unterhaltungselektronik-Töchter ITT-Schaub-Lorenz und Graetz verkaufte CGE 1987 an den finnischen Telekommunikationkonzern Nokia, der noch eine Weile die Doppelbezeichnung ITT-Nokia benutzte (Nokia veräußerte Schaub-Lorenz 1996 an die chinesisch-kanadische Holdinggesellschaft Semi-Tech). Die Ferngesprächssparte ITT Communications Services wurde 1988 an Metromedia Communications verkauft. 1993 erwarb ITT die deutsche SWF Auto-Elektrik GmbH, 1994 den Madison Square Garden in New York (gemeinsam mit Cablevision) und 1995 den Casino-Betreiber Caesars World.

ITT CORP., ITT-HARTFORD, ITT INDUSTRIES: 1995 teilte sich ITT in drei seperate Unternehmen auf: ITT Corporation (Sheraton Hotels, Caesars World, Madison Square Garden – wurde 1998 an Starwood Hotels & Resorts Worldwide verkauft), ITT-Hartford (Versicherung – seit 1995 The Hartford Financial Services Group) und ITT Industries Inc. (ITT Fluid Technology, ITT Defence and Electronics, ITT Automotive). 1998 veräußerte ITT auch Teile seiner Autozubehörabteilung (ITT Automative). Die Geschäftsfelder Bremsen und Chassis (ITT Automative Brake and Chassis inkl. der Alfred Teves GmbH) gingen an den deutschen Reifenhersteller Continental, die Autoelektrik (SWF) an den französischen Fahrzeugzulieferer Valeo. 2006 benannte sich ITT Industries erst in ITT Corporation um und 2016 in ITT Inc. Das Unternehmen mit Haupsitz in White Plains/New York ist in den Bereichen Flüssigkeitstechnologie (Pumpen, Ventile, Wasser-Management), Elektronikzubehör (Stecker, Schalter, Tastaturen, Verkabelungssysteme für die Telekommunikations-, Computer-, Luft- und Raumfahrtindustrie) und Verteidigungselektronik (Kommunikationssyteme, Nachtsichtgeräte) tätig.

Text: Toralf Czartowski

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Übernommen Unternehmen

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Letzte Änderung der Seite: 25.11.2019 | 21:21