Markenlexikon
Der Ingenieur Arthur Ade (1882 – 1957) und der Kaufmann Hermann Irrgang gründeten 1920 in Hörselgau (Thüringen) eine Maschinenfabrik, die Anhängerkupplungen für Lkw und Traktoren, Dreirad-Kleintransporter, Fahrzeuganhänger und landwirtschaftliche Geräte produzierte. 1926 verlegte man den Firmensitz aus Platzgründen in den nahegelegenen Ort Waltershausen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Firma verstaatlicht und erst in Gerätebau Waltershausen und dann in Fahrzeugwerk Waltershausen umbenannt.
1956 übernahm das Unternehmen die Produktion des Zweitonnen-Mehrzweckfahrzeugs DK 2002 (DK = Dieselkarre) für den innerbetrieblichen Transport, das ab 1951 erst in Brand-Erbisdorf und dann in Ludwigsfelde gefertigt worden war. Der DK 2002, der in Waltershausen zum DK 2003 (DK3) weiterentwickelt wurde, besaß einen offenen Fahrerstand mit Fronttür, eine Fußwippe zum Lenken und seitliche Hebel für Gas und Bremse. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 15 km/h. Für die Weiterentwicklung DK 2004 (DK4), die auch in mehrere Länder exportiert wurde, ließ man sich 1959 im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung den neuen Namen Multicar einfallen. Daraufhin wurde die DK4 in Multicar M21 umbenannt. Dieses Fahrzeug blieb bis 1964 in Produktion.


Für den Nachfolger Multicar M22 (1964 – 1974), der nun über ein richtiges Fahrerhaus für eine Person verfügte, gab es zahlreiche Sonderaufbauten und Anbaugeräte. Der M22 wurde dadurch zum vollwertigen Transporter und Geräteträger für Bau-, Garten-, Landwirtschafts- und Kommunalbetriebe. Die größte Verbreitung zu DDR-Zeiten fanden die Multicar-Modelle M24 (1974 – 1978) wahlweise mit Einmann- und Zweimannkabine, und M25 (1978 – 1992), von dem rund einhunderttausend Exemplare in zwanzig Aufbauvarianten gefertigt wurden. Von 1992 bis 2010 produzierte das nun privatisierte Unternehmen das Modell Multicar M26 mit Iveco-Motoren, schallgedämmter Fahrerkabine und der Möglichkeit, über hundert Anbaugeräte verschiedener Hersteller an dem Fahrzeug zu montieren.
1998 wurde Multicar mehrheitlich von den Hako Werken aus Bad Oldesloe übernommen. Zur gleichen Zeit erwarb Hako/Multicar die Modellreihe Tremo von Kramer sowie die Modellreihe Unimog UX 100, mit der Mercedes-Benz zuvor vergeblich versucht hatte, Multicar Konkurrenz zu machen. 2005 kam es zum vollständigen Zusammenschluss von Hako und Muticar. Seitdem ist Multicar der Markenname einer Hako-Modellreihe. Aktuelle Multicar-Produkte, die nun multifunktionale Lasten- und Geräteträger genannt werden, sind die Dreitonner-Modelle Multicar M27, M29 und M31 mit Motoren von Iveco und VW. Für die Fahrzeuge gibt es Hunderte Auf- und Anbaugeräte, sodass sie in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden können. Gemeinsam mit Krauss-Maffei-Wegmann produziert Hako seit 2003 das Mehrzweckfahrzeug ESK Mungo für die Bundeswehr (ESK = Einsatzfahrzeug Spezialisierte Kräfte). Der Mungo basiert auf dem Multicar M30 FuMo, der 2001 in Produktion ging.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain