Markenlexikon
Henry Olsen gründete 1885 eine Maschinenbaufirma in Chicago. Zwei Jahre später kam Gustav Tilgner als Partner hinzu. Das Unternehmen stellte vor allem Maschinen und Anlagen für die Brauerei-Industrie her. Als das Geschäft während des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gut lief, suchten die damaligen Eigentümer Irving Green (1916 – 2006) und Ray Greenberg nach neuen Produkten und Dienstleistungen. So begannen sie während der Kriegsjahre mit dem Bau von hydraulischen Pressen und Gussformen für die Schallplattenproduktion. Die ersten Platten pressten Olsen & Tilgner 1945 für das kleine Label ARA (American Recording Artists) aus Hollywood, bald darauf auch für Decca Records. Kurz darauf gründeten Irving und Greenberg zusammen mit dem Booking-Agent, Talent-Manager und Musikverleger Berle Adams (1917 – 2009) die Mercury Radio and Television Company.
Auf den Namen Mercury kamen sie durch ein Plakat für die Ford-Submarke Mercury, die es seit 1938 gab. Die war wiederum nach dem Götterboten Merkur (die römische Variante des griechischen Hermes) benannt worden. Mercury sollte, so erzählte es Irving Green später einmal, der »Bote eines neuen Sounds« werden. 1947 wurden die Unternehmen Mercury Radio and Television Company (Chicago), Olsen & Tilgner (Chicago), Green-Lee Plastics (St. Louis/Missouri) und Record Distributors (Chicago) zur Mercury Record Corporation (Chicago) zusammengeschlossen. Zur gleichen Zeit verließ Adams das Unternehmen; er ging daraufhin nach Los Angeles, wo er wieder als Booking-Agent arbeitete (ab 1950 für MCA, wo er später Vizepräsident wurde).
Mercury stieg schnell zu einer ernstzunehmenden Größe im US-Musikgeschäft auf; die Firma selbst bezeichnete sich zuweilen als größte unabhängige Plattenfirma der USA (im Gegensatz zu den großen vier Musikkonzernen Capitol, Columbia, Decca und RCA-Victor). Zu den Mercury-Stars der 1940er-, 1950er und 1960er Jahre zählen Buddy Rich, Dinah Washington, Frankie Laine, Frankie Valli, James Brown, Josephine Baker, Lesley Gore, Patti Page, Quincy Jones, Sarah Vaughan, The Big Bopper, The Four Seasons, The Platters und Vic Damone.
1961 verlor der niederländische Elektrokonzern Philips, der seit 1950 eine eigene Plattenfirma betrieb, seinen Vertriebsvertrag mit Columbia für den nordamerikanischen Markt. Philips fand mit Mercury schnell einen neuen Partner. Nur ein Jahr später verkaufte Irving Green die Mercury Record Corporation mit ihren Sublabels (Blue Rock Records, EmArcy Records, Limelight Records, Smash Records, Wing Records) an Consolidated Electronics Industries (Conelco), eine US-Tochtergesellschaft von Philips. Irving Green leitete Mercury noch bis 1967, dann ging er ins Immobiliengeschäft. Die Klassik-Platten von Philips wurden nun in den USA von Mercury vermarktet, der Mercury-Vertrieb in Großbritannien wechselte von EMI zu Philips.
1962 gründeten Siemens (Deutsche Grammophon, Polydor) und Philips (Fontana, Philips, Phonogram) das Jointventure Gramophon-Philips. Als internationale Holding für die Siemens- und Philips-Musikaktivitäten entstand 1972 das Jointventure PolyGram (POLYdor + PhonoGRAM). Als Muttergesellschaft von Mercury in den USA, Großbritannien und Deutschland fungierten nun die dortigen Phonogram-Gesellschaften. Nachdem PolyGram in den USA weitere Plattenfirmen gekauft hatte (Casablanca Records, MGM Records, RSO Records, Verve Records), wurden alle US-Labels 1981 unter dem Namen PolyGram Records zusammengefasst.
Zu den späteren Musikern (ab den 1970er Jahren), die ihre Platten zeitweise oder längerfristig unter dem Mercury-Label veröffentlichten, gehörten 10cc, Anastacia, Animotion, Aphrodite's Child, Bachman-Turner Overdrive, Big Country, Billy Ray Cyrus, Bon Jovi, Cinderella, David Bowie, Def Leppard, Dexys Midnight Runners, Dolly Parton, Donna Summer, Elton John, Girlschool, Jennifer Lopez, John Cougar Mellencamp, Johnny Cash, Kiss, Kris Kristofferson, Lionel Richie, Mark Knopfler, Men Without Hats, Metallica, Mike Oldfield, Olivia Newton-John, Robert Plant, Rod Stewart, Roger Waters, Rush, Serge Gainsbourg, Shania Twain, Shirley Bassey, Tears For Fears, Texas, The Everly Brothers, The Runaways, The Scorpions, Thin Lizzy, Tori Amos, Trio, U2 und Uriah Heep.
1998 verkaufte der Philips-Konzern – inzwischen PolyGram-Alleineigentümer – sein gesamtes Musikgeschäft an den kanadischen Spirituosenkonzern Seagram, dem bereits die Universal Studios (Universal Pictures) und die Universal Music Group (Decca Nashville, Geffen Records, GRP Records, MCA Records) gehörten. Seagram integrierte die PolyGram-Labels (A&M, Casablanca, Deutsche Grammophon, Decca London, Def Jam, Fontana, Interscope, Island, Mercury, Metronome, Motown, Philips Classics, Phonogram, Polar, Polydor, PolyGram, PolyStar, Rodven, RSO, Sonet, Vertigo, Vanguard, Verve) daraufhin in die Universal Music Group.
Text: Toralf Czartowski
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