Markenlexikon

Branche: Musikindustrie

Mercury Records

USA

Die Ursprünge der Plattenfirma Mercury Records gehen auf die alteingesessene Chicagoer Maschinenbaufirma Olsen and Tilgner Manufacturing Co. Inc. zurück, die 1885 von Henry Olsen gegründet worden war. Zwei Jahre später kam Gustav Tilgner als Partner hinzu. Das Unternehmen stellte vor allem Maschinen und Anlagen für die Brauerei-Industrie her. Während des 2. Weltkriegs sah es jedoch mit den Geschäften nicht so gut aus und deswegen suchten die damaligen Eigentümer Irving B. Green (1916 – 2006) und Ray Greenberg nach neuen Produkten und Dienstleistungen. So begannen sie während der Kriegsjahre mit dem Bau von hydraulischen Pressen und Gussformen für die Schallplattenproduktion. Da das Plattenmaterial Schellack, das vor allem in Indien und Thailand aus Ausscheidungen der Lackschildlaus gewonnen wurde, damals noch schwer zu beschaffen war, reiste Green nach Kalkutta, wo es eine große EMI-Fabrik gab. Mit dessen Chef handelte er einen Liefervertrag aus. Daneben experimentierten sie bei Olsen and Tilgner auch mit anderen Materialien wie Plastik. Die ersten 78er Platten lieferte Olsen and Tilgner im Sommer 1945 an das kleine Label ARA (American Recording Artists) aus Hollywood, bald darauf auch an Decca Records. Irvings Vater Albert, Besitzer einer Malerfirma, hatte bereits 1944 in New York das Plattenlabel National Records gegründet.

Etwa zur gleichen Zeit kam es zu einem Treffen zwischen Green und Berle Adams (eigtl. Beryl Adasky; 1917 – 2009), einem Booking-Agent und Talent Manager, der in Chicago über vielfältige Kontakte im Entertainment-Geschäft verfügte. Der Sohn russischer Einwanderer hatte bereits während seiner Schulzeit mit der Vermittlung lokaler Bands und der dazugehörigen Technik an Schulfeste, Firmen-/Vereinsfeiern, Hochzeiten oder sonstige Feierlichkeiten begonnen. Später arbeitete er als Versicherungsvertreter und professioneller Booking-Agent bei der General Amusement Corporation (GAC; später General Artists Corporation), u.a. für Louis Jordan and his Tympany Five, Art Tatum, Glenn Miller, Nat King Cole, The Andrews Sisters und Jimmy Dorsey. 1944 gründete er die Musikverlage Champagne Music und Preview Music.

Gemeinsam beschlossen sie 1945 die Gründung einer Plattenfirma, die zunächst Mercury Radio and Television Company hieß. Adams, der für die Musiker und das Repertoire zuständig war, besaß 40 Prozent der Anteile, Green und Greenberg, die sich mit der Produktion beschäftigten, je 30 Prozent. Auf den Namen Mercury kamen sie durch ein Plakat für die Ford-Submarke Mercury, die es seit 1938 gab. Die war wiederum nach dem Götterboten Merkur (die römische Variante des griechischen Hermes) benannt worden. Mercury sollte, so erzählte es Irving Green später einmal, der »Bote eines neuen Sounds« werden. Anfangs bestand Mercury aus vier Firmen: Mercury Radio and Television Company (Chicago; Eigentümer: Berle Adams, Irving Green, Ray Greenberg), Olsen and Tilgner Manufacturing Co. Inc. (Chicago; Presswerk; Eigentümer: Irving Green, Ray Greenberg), Green-Lee Plastics Inc. (St. Louis/Missouri; Presswerk; Eigentümer: Irving Green, Lee Turner) und Record Distributors Inc. (Chicago; Vertrieb). Erst im März 1947 wurden diese Unternehmen zur Mercury Record Corporation (Chicago) zusammengeschlossen. Zur gleichen Zeit verließ Adams das Unternehmen; er ging daraufhin nach Los Angeles, wo er wieder als Booking Agent arbeitete (ab 1950 für MCA, wo er später bis zum Vize-Präsident aufstieg).

Mercury stieg schnell zu einer ernstzunehmenden Größe im US-Musikgeschäft auf; die Firma selbst bezeichnete sich zuweilen als größte unabhängige Plattenfirma der USA (im Gegensatz zu den großen Vier: RCA-Victor, Columbia Records, Decca Records, Capitol Records). Zu den Mercury-Stars der 1940er-, 1950er und 1960er Jahre zählen u.a. Patti Page, Frankie Laine, The Platters, Sarah Vaughan, Dinah Washington, Vic Damone, Lesley Gore, Quincy Jones, Buddy Rich, Frankie Valli, James Brown, The Big Bopper und The Four Seasons.

1961 verlor der niederländische Elektrokonzern Philips, der seit 1950 eine eigene Plattenfirma betrieb, seinen Vertriebsvertrag mit Columbia Records für den nordamerikanischen Markt. Philips fand mit Mercury Records schnell einen neuen Partner. Nur ein Jahr später verkaufte Irving Green die Mercury Record Corporation mit ihren Sublabels (Blue Rock Records, EmArcy Records, Limelight Records, Smash Records, Wing Records) schließlich an die Consolidated Electronics Industries Corporation (Conelco; ab 1969 North American Philips Corporation), eine US-Tochtergesellschaft von Philips. Irving Green leitete die Mercury noch bis 1967, dann ging er ins Immobiliengeschäft. Die Klassik-Platten von Philips wurden nun in den USA von Mercury vermarktet, der Mercury-Vertrieb in Großbritannien wechselte von EMI zu Philips.

Ebenfalls 1962 gründeten die Siemens AG und Philips das Jointventure Gramophon-Philips Group und erwarben an ihren im Musikbereich tätigen Tochtergesellschaften Deutsche Grammophon Gesellschaft/Polydor International (DGG/Polydor) und Philips Phonographische Industrie (PPI; ab 1967 Phonogram; Labels: Philips, Fontana, Vertigo) wechselseitig Beteiligungen, Philips 50 Prozent an DGG/Polydor und Siemens 50 Prozent an PPI. 1969 änderte die Mercury Record Corporation ihren Namen in Mercury Record Productions Inc. Als internationale Holding für die Siemens- und Philips-Musikaktivitäten entstand 1972 das Jointventure PolyGram (POLYdor + PhonoGRAM), an dem Philips und Siemens zu je 50 Prozent beteiligt waren. Als Muttergesellschaft von Mercury in den USA und Großbritannien fungierten nun die PolyGram-Töchter Phonogram Inc. (USA; gegründet 1973) und Phonogram Ltd. (Großbritannien; gegründet 1970). 1981 wurde der Firmensitz der Phonogram Inc. nach New York verlegt. Nachdem PolyGram in den USA weitere Plattenfirmen gekauft hatte (1972 MGM Records/Verve Records, 1976/81 RSO Records, 1977/80 Casablanca Record & FilmWorks), wurden diese Beteiligungen 1981 unter dem Namen PolyGram Records Inc. zusammengefasst.

Zu den späteren Musikern (ab den 1970er Jahren), die ihre Platten zeitweise oder längerfristig unter dem Mercury-Label veröffentlichten, gehörten u.a. 10cc, Anastacia, Animotion, Aphrodite's Child, Bachman-Turner Overdrive, Big Country, Billy Ray Cyrus, Bon Jovi, Cinderella, David Bowie, Def Leppard, Dexys Midnight Runners, Dolly Parton, Donna Summer, Elton John, Girlschool, Jennifer Lopez, John Cougar Mellencamp, Johnny Cash, Kiss, Kris Kristofferson, Lionel Richie, Mark Knopfler, Men Without Hats, Metallica, Mike Oldfield, Robert Plant, Rod Stewart, Roger Waters, Rush, Scorpions, Serge Gainsbourg, Shania Twain, Texas, The Everly Brothers, The Runaways, Thin Lizzy, Tori Amos, U2 und Uriah Heep.

1998 verkaufte Philips die PolyGram N.V. (A&M, Casablanca, Deutsche Grammophon, Decca London, Def Jam, Fontana, Interscope, Island, Mercury, Metronome, Motown, Philips Classics, Phonogram, Polar, Polydor, PolyGram, Polystar, Rodven, RSO, Sonet, Vertigo, Vanguard, Verve) an den kanadischen Spirituosenkonzern Seagram, dem bereits die Universal Studios (Universal Pictures) und die Universal Music Group (Decca Nashville, Geffen Records, GRP Records, MCA Records) gehörten. Seagram integrierte die PolyGram-Labels daraufhin in die Universal Music Group.

Die Mercury-Musiker wurden innerhalb der Island Def Jam Music Group auf die beiden Sublabels Island und Def Jam verteilt. Lediglich das bereits 1957 etablierte Country-Label Mercury Nashville blieb bestehen und ist nun Teil der Universal Music Group Nashville (Capitol Records Nashville, EMI Records Nashville, Lost Highway Records, MCA Nashville, Mercury Nashville). Mercury Records UK wurde 2013 in die neue Universal-Music-Tochter Virgin-EMI Records integriert. 2007 reanimierte die Island Def Jam Music Group das Pop-Label Mercury Records zur Vermarktung früherer Polydor-Pop- und Rockplatten. Auch Mercury Classics wurde 2012 als Teil von Universal Music Classics (Archiv, Blue Note, Concord, Decca, Deutsche Grammophon, Verve) reaktiviert.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 24.10.2019 | 00:17