Markenlexikon
Der Ingenieur Chauncey (Chance) Milton Vought (1890 – 1930) war nach seiner Ausbildung an der Konstruktion mehrerer früher Flugzeugmodelle beteiligt (1911/1912 McCormick-Romme Umbrella, 1913 Lillie Vought BiPlane, 1914 PLV Pontowski-Lichorsik-Vought, 1915 Mayo Vought Simplex BiPlane). 1911/1912 lernte er von den Flugpionieren Wilbur und Orville Wright das Fliegen. Ab 1916 arbeitete Vought für kurze Zeit als Chefkonstrukteur bei der 1909 von den Brüdern gegründeten Firma Wright. Dort war er an der Entwicklung der Wright-Martin V (Erstflug 1916) beteiligt.
1917 gründete er gemeinsam mit seinem Schwiegervater Birdseye Lewis in Astoria/New York seine eigene Flugzeugfirma. Ab 1919 befanden sich die Werksanlagen in Long Island City/New York. Das erste Flugzeug der neuen Firma war der einmotorige Doppeldecker Vought VE-7 Bluebird (Erstflug 1917), der von der U.S. Air Force und der U.S. Navy als Trainingsflugzeug eingesetzt wurde. Die VE-7 war das erste Flugzeug der Welt, das von einem Flugzeugträger startete (1922 von der USS Langley). Das Nachfolgemodell Vought O2U Corsair, ebenfalls ein einmotoriger Doppeldecker, der wahlweise mit Fahrwerk oder Schwimmer ausgerüstet werden konnte, setzten die U.S. Navy, das U.S. Marine Corps und die U.S. Coast Guard ab 1916 als Aufklärungsflugzeug ein.
1928 wurde Vought von der gerade gegründeten Holdinggesellschaft United Aircraft and Transport Corporation (Boeing, Hamilton Aero, Northrop Aircraft, Pratt & Whitney, Sikorsky Aviation, Standard Steel Propeller, Stearman Aircraft, Stout Air Services) übernommen, die jedoch schon 1934 aus kartellrechtlichen Gründen in die drei Unternehmen Boeing Airplane (Flugzeugbau), United Aircraft (Hamilton-Standard, Pratt & Whitney, Sikorsky, Vought) und United Air Lines (Fluglinien) aufgeteilt wurde.
Von 1940 bis 1952 produzierte Vought das trägergestützte Jagdflugzeug Vought F4U Corsair (1940 – 1953), das im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg vor allem von der U.S. Navy und dem U.S. Marine Corps eingesetzt wurde. Auch die Royal Navy, die französische Aéronavale, die Royal New Zealand Air Force und die Argentine Naval Aviation stellten die F4U in Dienst.
1949 verlagerte Vought auf Wunsch der U.S. Navy seine Hauptproduktionsstätte nach Dallas/Texas, in ein früheres Werk von North American Aviation. Die Marine wollte damit verhindern, dass im Falle eines feindlichen Angriffs alle Werke ihrer Flugzeuglieferanten direkt an der amerikanischen Ostküste lagen. 1954 gliederte United Aircraft Vought als eigenständiges Unternehmen aus dem Konzern aus.
1952 begann Vought mit der Entwicklung der F-8 Crusader (1955 – 1965), die ab 1957 die Vought F7U Cutlass (1948 – 1955) bei der U.S. Navy ablöste und hauptsächlich als trägergestützter Abfangjäger eingesetzt wurde. Die F-8 blieb bis 1965 in Produktion und bei der U.S. Navy bis 1976 im Dienst.


1962 wurde Vought von Ling-Temco Electronics übernommen. Hinter Ling-Temco steckte der frühere Elektriker James Joseph Ling (1922 – 2004), der 1947 in Dallas eine Elektrofirma gegründet hatte. In den 1950er Jahren erwarb er erst L. M. Electronics (1956) und Altec Electronics (1959) und 1960 die Texas Engineering and Manufacturing Company (Temco) aus Dallas, einen Hersteller von Kleinflugzeugen, militärischen Raketen sowie elektronischen Systemen für Flugzeuge und Raketen. Ling und Temco-Gründer Robert McCulloch liehen sich das Geld für die Vought-Übernahme von David Harold Byrd (Byrd Oil, B. H. Drilling, Three States Natural Gas) und Troy Victor Post (Braniff Airways, Greatamerica). Das neue Unternehmen firmierte als LTV (Ling-Temco-Vought).
LTV baute bis 1983 noch die A-7 Corsair II (1965 – 1983), ein einstrahliges Erdkampfflugzeug für die U.S. Navy und die U.S. Air Force, das bis 1991 in Dienst blieb. Eine Ausschreibung für eine Navy-Version der General Dynamics F-16 verlor LTV Mitte der 1970er Jahre gegen die YF-17 von Northrop und McDonnell-Douglas (die spätere F/A-18 Hornet). Ansonsten beschäftigte sich LTV mit militärischen Raketensystemen (MGM-52 Lance, M270 Multiple Launch Rocket System, ASM-135 ASAT, Vought HVM). Bereits Vought hatte in den 1950er Jahren die SSM-N-8 Regulus und die SSM-N-9 Regulus II gebaut. Daneben war Vought auch ein wichtiger Zulieferer von Komponenten für zivile Flugzeughersteller.
Die Muttergesellschaft LTV wandelte sich unterdessen zu einem Mischkonzern (Braniff International Airways, Greatamerica, Jones & Laughlin Steel, National Car Rental, Okonite, Republic Steel, Wilson). Der Versuch, Grumman (F-14 Tomcat), den größten Konkurrenten im Bereich der Navy-Kampfflugzeuge, zu übernehmen, scheiterte 1981 am Einspruch der US-Kartellbehörden.
Aufgrund des schlecht laufenden Stahl- und Energiegeschäfts musste LTV 1986 Insolvenz anmelden. Die LTV-Insolvenz war damals neben der Texaco-Pleite (1987) einer der größten Firmenzusammenbrüche der amerikanischen Unternehmensgeschichte. Das Insolvenzverfahren zog sich bis 1993 hin. LTV wurde in den nächsten Jahren in seine Einzelteile zerlegt. Der Flugzeugbereich ging 1992/1994 an Northrop. Die Raketen- und Raumfahrtsparte übernahm 1992 Loral (gehört heute zu Lockheed-Martin). Der Stahlbereich firmierte ab 1993 als LTV Steel (gehört seit 2006 zu ArcelorMittal).
Im Jahr 2000 verkaufte Northrop-Grumman den Bereich Aerostructures (Zulieferer für Boeing, Gulfstream, McDonnell Douglas, Northrop) an einen Finanzinvestor, dem bereits die Aerostructures Division von Textron (vorm. Avco Aerostructures) gehörte. Das neue Unternehmen firmierte als Vought Aircraft. Seit 2010 gehört Vought zur Triumph Group (vormals Alco Standard). Triumph Aerostructures – Vought Aircraft Division produziert heute Flügel, Leitwerke und Rumpfteile für zahlreiche zivile und militärische Flugzeugmodelle von Airbus, Boeing, Bombardier, Cessna, Embraer, Gulfstream, Lockheed-Martin und Northrop-Grumman.
Das Unternehmen betreibt Werke in Dallas/Texas (das Vought-Hauptwerk seit 1948), Hawthorne/California (ein früheres Northrop-Werk), Milledgeville/Georgia (ein früheres Grumman-Werk), Nashville/Tennessee (vormals Textron/Avco Aerostructures), Stuart/Florida (ebenfalls ein früheres Grumman-Werk) und Tulsa/Oklahoma (ehemals ein Werk von Douglas Aircraft, North American/Rockwell und McDonnell-Douglas).
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Public Domain