Markenlexikon
Mit Einführung der Lord Extra begann 1962 die Ära der Leichtzigaretten in Deutschland. Zwar gab es auch schon früher mildere und nikotinärmere Zigaretten, dennoch wurden bis in die 1960er Jahre noch vorwiegend filterlose Zigaretten geraucht. Die 1949 von dem Wiener Juristen Dr. Friedrich Kristinus (1913 – 1995) gegründete Cigarettenfabrik Kristinus München/Speyer (Gloria, Prince of Wales, Windsor) setzte mit ihrer neuen nikotinarmen Marke (Slogan: Leichter Genuss im Stil der neuen Zeit) konsequent auf gesundheitsbewusste Raucher und machte Lord Extra neben Ernte 23 (Reemtsma), HB (BAT) und Peter Stuyvesant (Reemtsma) zur damals erfolgreichsten deutschen Zigarette. Bereits 1963 konnten hundert Millionen Stück verkauft werden, eine magische Zahl, die in der Tabakindustrie als Durchbruch einer Marke gilt.
Bald zogen auch die Mitbewerber mit Marken wie Atika (Reemtsma), Auslese (BAT/Simon Arzt), Kim (BAT/Simon Arzt), Krone (BAT/Simon Arzt) oder Milde Sorte (Austria Tabakwerke) nach. Keine dieser Marken kam jedoch an den Erfolg der Lord Extra heran. Ab 1969 wurde Lord Extra in einer Hartbox (Klappschachtel) verkauft. Anfang der 1980er Jahre kam mit Lord Ultra eine noch leichtere Variante auf den Markt.
Ihren Erfolg verdankte Lord Extra vor allem auch Frauen, die seit den 1960er Jahren immer häufiger zur Zigarette griffen, aber im Gegensatz zu den männlichen Rauchern eher leichtere Marken bevorzugten. Die knallbunten Anzeigen- und Plakatmotive, die fröhliche Menschen bei Sport und Freizeit zeigten und laut Friedrich Kristinus Atmosphäre, Dynamik, Temperament und Unbeschwertheit vermitteln sollten, stammten von der Düsseldorfer Werbeagentur Holzschuher, Bauer & Ulbricht sowie dem englischen Illustrator Gerry Fancett.
Ab 1957 gehörte die Cigarettenfabrik Kristinus zum 1813 gegründeten Bremer Tabakhersteller Martin Brinkmann (Alva, Bristol, Fatima, Golden Mixture, Lincoln, Lloyd, Lux Filter, Schwarzer Krauser, Stanwell, Texas). Friedrich Kristinus war der Schwager des damaligen Brinkmann-Eigentümers Wolfgang Ritter. 1960 brachte Brinkmann/Kristinus mit Peer Export noch eine weitere erfolgreiche Zigarettenmarke auf den Markt. Ende der 1960er Jahre war das Martin-Brinkmann-Werk in Bremen-Woltmershausen die größte Tabakfabrik Europas und die drittgrößte der Welt.


Von 1966 bis 1972 wurde Martin Brinkmann von der südafrikanischen Rembrandt Tobacco Company (Carreras, Cartier, Dunhill, Peter Stuyvesant, Rembrandt van Rijn, Rothmans) übernommen und 1972 in den britischen Tabakkonzern Rothmans International eingegliedert. Im selben Jahr konnte sich Lord Extra auf den zweiten Platz der meistverkauften Zigarettenmarken in Deutschland vorschieben.
Der Rothmans-Konzern verlagerte die Zigarettenproduktion in den 1970er und 1980er Jahren nach West-Berlin, wo es staatliche Subventionen und Steuererleichterungen gab. Das Werk in Berlin-Moabit war 1972 von dem Zigarettenhersteller Paicos gekauft worden. Das Muratti-Werk in Berlin-Kreuzberg, das Martin Brinkmann seit 1960 gehörte, wurde 1975 geschlossen. Auch andere Tabakhersteller wie BAT (Spandau), Philip Morris (Neukölln), Reemtsma (Wilmersdorf) und Reynolds (Reinickendorf) betrieben damals wegen der Subventionen in West-Berlin eigene Werke. Als die Berlin-Subventionen nach der Wende ausliefen, wurde das Berliner Werk 1997 geschlossen; die Produktion übernahm das Rothmans-Werk in Zevenaar (Niederlande). Das Bremer Werk produzierte noch bis 2014 Zigarillos.
1999 schlossen sich Rothmans International und British American Tobacco (Auslese, Gold Dollar, HB, Kent, Kim, Krone, Lucky Strike, Pall Mall, State Express 555, Viceroy) zusammen, sodass Lord Extra nun zum BAT-Konzern gehört. Anschließend wurde Lord Extra neben vielen anderen BAT-Marken für den deutschen Markt im 1957 eröffneten BAT-Werk Bayreuth hergestellt. Ab 2016 verlagerte BAT die Produktion der Fertigzigaretten nach und nach in andere europäische BAT-Fabriken (Kroatien, Polen, Rumänien, Ungarn).
Text: Toralf Czartowski