Markenlexikon
Die 1909 in London gegründete The London and Rhodesian Mining and Land Company (Lonrho) beschäftigte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem mit dem Erwerb und der Verwaltung von Land (240.000 Hektar in Rhodesien) und Immobilien (zahlreiche Farmen und Bürogebäude in Salisbury, der Hauptstadt Südrhodesiens), dem Handel mit Agrarprodukten (Fleisch, Baumwolle, Tabak; dem Unternehmen gehörte eine der größten Rinderherden Rhodesiens) und dem Erwerb von Beteiligungen an Bergbau-Unternehmen (Goldminen). Die Geschäftstätigkeit beschränkte sich hauptsächlich auf Rhodesien, in geringerem Maß auch auf Südafrika.
Die Hauptaktionäre von Lonrho waren die British South Africa Company, der südafrikanische Bergbaukonzern Anglo American und der britische Unternehmer Harley Drayton. Ende der 1950er Jahre befand sich Lonrho jedoch aufgrund einer schweren Dürre in einer desolaten Lage, sodass die Aktionäre einen Geschäftsführer suchten, der das Unternehmen retten konnte.
Der kam 1961 in Gestalt von Roland Walter (Tiny) Rowland (1917 – 1998; eigtl. Roland Walter Fuhrhop). Der in Kalkutta (Britisch-Indien) geborene Sohn eines deutschen Kaufmanns und einer niederländisch-britischen Mutter war nach dem Abschluss der Schule, dem Wehrdienst (in Großbritannien und Norwegen) und einigen Kurzzeitjobs (Reederei, Autovermietung) 1948 nach Rhodesien gegangen, um dort sein Glück zu versuchen – wie viele Briten zu dieser Zeit. Dort kaufte er zunächst eine Farm, dann versuchte er sich als Mercedes-Benz-Autohändler.
Daneben erwarb Rowland eine Chrom- und eine Goldmine in Kanyemba, die allerdings nicht sonderlich ergiebig waren, die er aber trotzdem einigermaßen erfolgreich in eine Aktiengesellschaft einbrachte. Mitte der 1950er Jahre entwickelte er die Idee einer Ölpipeline zwischen Beira (Mosambik) und Südrhodesien, um Rhodesiens Abhängigkeit von Südafrika zu verringern. Zur Umsetzung dieses Projekts gründete er 1957 ein eigenes Unternehmen. Nebenher hatte Rowland auch noch einen Beratervertrag mit dem britischen Bergbaukonzern Rio Tinto, der 1956 in Südrhodesien seine erste nichteuropäische Tochtergesellschaft gegründet hatte. Dadurch kam er 1959 in Verbindung mit Lonrho.
Lonrho wollte damals eine seiner Goldminen verkaufen und Rowland trat als Käufer auf. Dass er nur Vermittler war und Rio Tinto hinter dem Kauf stand, erzählte er den Lonrho-Verantwortlichen nicht. Der Preis wäre wesentlich höher gewesen, wenn das Lonrho-Management den wahren Käufer gekannt hätte. In der Chefetage von Lonrho war man nicht gerade begeistert, aber die Cleverness, mit der Rowland den Deal durchgezogen hatte, empfahl ihn für höhere Aufgaben. Schließlich überzeugten sie ihn – allen voran Harley Drayton und der Aufsichtsratsvorsitzende Allan Ball –, die Seiten zu wechseln und die Geschäftsführung von Lonrho zu übernehmen. Gleichzeitig kratzte er sein ganzes Geld zusammen und erwarb 48 Prozent der Lonrho-Anteile. Seine eigenen Unternehmen transferierte er anschließend zu Lonrho.
Der neue Chef begann die Geschäfte von Lonhro nun nach und nach erst auf ganz Afrika auszudehnen, später auch auf den Nahen Osten und nach Europa. Wie Marc Rich, der Gründer des späteren Glencore-Konzerns, flog er im Firmenjet ständig durch Afrika und knüpfte ein Netzwerk von Kontakten, das vom kleinen regionalen Häuptling, über Revolutionäre und Freiheitskämpfer bis hin zu diktatorischen Staatschefs reichte. Zu seinen Freunden und Vertrauten zählten Zaïres Diktator Mobutu Sese Seko, Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi, Malawis Unabhängigkeitsführer und erster Präsident Hastings Banda, Kenneth Kaunda, der erste Präsident Sambias (vorm. Nordrhodesien), Robert Mugabe, der erste Präsident und spätere Diktator Simbabwes (vorm. Südrhodesien), Südafrikas Ministerpräsident Johannes Vorster, der langjährige ANC-Präsident Oliver Tambo sowie Kenias Präsidenten Jomo Kenyatta und Daniel arap Moi.
1996 erhielt Rowland von Nelson Mandela den Order of Good Hope, eine der höchsten Auszeichnungen Südafrikas. Anlässlich seines Todes 1998 sagte Mandela: »Er leistete einen enormen Beitrag, nicht nur für Südafrika, sondern für den gesamten Kontinent. Wir werden ihn als einen treuen Freund im Kampf gegen die Apartheid in Erinnerung behalten.«
Die britische Oberklasse indes behandelte ihn aufgrund seiner undurchsichtigen Geschäfte und seines autokratischen Führungsstils eher als geduldeten Außenseiter, obwohl er sich die größte Mühe gab, zumindest äußerlich wie ein Aristokrat zu wirken. Der damalige britische Premierminister Edward Heath bezeichnete Rowland 1973 im Zuge einer Regierungsuntersuchung über angeblich nicht eingehaltene Wirtschaftssanktionen gegen Südrhodesien in den 1960er Jahren gar als »The unacceptable face of capitalism« (Das inakzeptable Gesicht des Kapitalismus).
Durch seine vielfältigen Kontakte zur nachkolonialen afrikanischen Führungsschicht konnte Rowland zahlreiche gute Geschäfte tätigen. Lonrho erwarb Beteiligungen an Eisenbahngesellschaften, Brauereien, Zeitungen, Zuckerfabriken, Textilunternehmen, Goldminen, Bergbauunternehmen und Pipelines (die Pipeline zwischen Mosambik und Simbabwe wurde auch gebaut). In den 1980er Jahren bestand der Lonhro-Konzern aus rund achthundert Unternehmen mit weltweit über 125.000 Beschäftigten. Das Unternehmen besaß 1,5 Millionen Quadratkilometer Land, riesige Rinderherden, mehrere Luxushotels in afrikanischen Großstädten, war Afrikas führender Lebensmittelproduzent und Autohändler (Audi, Mercedes-Benz, Rolls-Royce, VW), drittgrößter Platinproduzent der Welt und ein wichtiger Goldproduzent.
Eine endlose Privatfehde mit dem ägyptischen Geschäftsmann Mohamed Al-Fayed um den Kauf des Einzelhandelskonzerns House of Fraser, dem auch das berühmte Londoner Kaufhaus Harrods gehörte, seine Geschäfte mit dem international geächteten Muammar al-Gaddafi, sowie ein massiver Preisverfall von Edelmetallen ließen Tiny Rowlands Stern Anfang der 1990er Jahre schnell sinken. Schließlich wurde er von dem deutschen Juristen, Steuerberater und Immobilienunternehmer Hans Dieter Bock (1939 – 2010), der 1992 knapp neunzehn Prozent der Lonrho-Anteile von Rowland erworben hatte, und anfangs als dessen Kronprinz galt, aus dem Unternehmen gedrängt. 1993 trat Rowland von seinem Posten zurück. 1996 kaufte Bock die letzten Lonrho-Anteile von Rowland, reichte sie aber sofort an den südafrikanischen Bergbaukonzern Anglo American Corporation of South Africa weiter, der bereits früher an Lonrho beteiligt gewesen war. Anschließend widmete er sich wieder seinen Hotelgeschäften.
1998 gliederte Lonhro sämtliche Geschäftsbereiche mit Ausnahme des Bergbaus in eine neue Gesellschaft mit dem Namen Lonrho Africa (ab 2007 wieder Lonhro) aus. Das Unternehmen mit Hauptsitz in London betreibt Nahrungsmittelfirmen, Versorgungsketten, Landmaschinen-Vertriebs- und Servicefirmen, IT-Services, Hotels und Infrastruktur-Unternehmen im südlichen Afrika (Äquatorialguinea, Angola, Botswana, Kenia, Mosambik, Namibia, Sambia, Südafrika, Südsudan, Tansania).
Die Bergbausparte von Lonrho benannte sich 1999 in Lonmin um (Hauptsitze: London, Marikana/Südafrika). Das Unternehmen betrieb mehrere Bergwerke, Erzzerkleinerungsanlagen, Konzentratoren, Hütten und Raffinerien in Südafrika (Marikana, Limpopo), die vor allem Platinmetalle (Iridium, Palladium, Platin, Rhodium, Ruthenium) förderten und weiterverarbeiteten. 2019 wurde Lonmin von dem südafrikanisch-amerikanischen Bergbaukonzern Sibanye-Stillwater übernommen.
Text: Toralf Czartowski