Markenlexikon
Der US-Reifenhersteller BFGoodrich rief 1910 eine französische Tochtergesellschaft ins Leben und errichtete in Colombes, rund zehn Kilometer nordwestlich von Paris, eine Reifen- und Gummifabrik. Die ersten Reifen verließen das neue Werk Ende 1911. 1930 begann BFGoodrich in Colombes mit der Produktion von Flugzeugreifen. Drei Jahre zuvor hatte BFGoodrich in den USA die Reifen für die Ryan NYP entwickelt, mit der der Flugpionier Charles Lindbergh den Atlantik überquerte.
Während des Zweiten Weltkriegs, als Frankreich zu großen Teilen von den Deutschen besetzt war, verloren die Amerikaner zunehmend die Kontrolle über das Werk. Als Vorsichtsmaßnahme gegen mögliche Bombardierungen errichtete Colombes-Goodrich ab 1939 ein weiteres Werk in der Nähe von Decize. Die Produktionsanlagen in Colombes wurden 1944 bei der Befreiung von den Nationalsozialisten zu großen Teilen zerstört.
1945 verlegte das Unternehmen seinen Verwaltungssitz in die Pariser Avenue Kléber und führte fortan den Firmennamen Kléber-Colombes (der Namensbestandteil Colombes entfiel 1968). Die Straße war nach dem französischen General Jean-Baptiste Kléber (1753 – 1800) benannt. Nachdem 1946 die Produktion wieder angelaufen war, wurden neben Reifen auch zahlreiche Industrieprodukte hergestellt (Antriebsriemen, Förderbänder, Formgegenstände, Schläuche, Enteiser für Flugzeugflügel, Eisschutzmittel für Propeller). Ab 1947 war Kléber an der Pariser Börse notiert. Das Werk in Colombes wurde bis 1948 wieder aufgebaut. Eine dritte Fabrik entstand 1949 in Trilport. Mit der ehemaligen Muttergesellschaft BFGoodrich blieb das Unternehmen weiterhin als Partner verbunden.
1947 brachte Kléber die ersten eigenen Winterreifen auf den Markt. Bis dahin waren spezielle Autoreifen für Schnee und Glätte vor allem von der finnischen Gummifabrik Suomen Gummitehdas Osakeyhtio, die zum Nokia-Konzern gehörte, hergestellt worden. 1951 begann Kléber als einer der ersten Reifenhersteller mit der Produktion von schlauchlosen Reifen; die ersten sogenannten Tubeless-Reifen hatte 1948 BFGoodrich auf den Markt gebracht, gefolgt von Firestone 1951. Ab 1948 fertigte Kléber auch Reifen für Landmaschinen (Tracsol). Ende der 1960er Jahre entwickelten Kléber und Dunlop die Spezialreifen für die Concorde (später kamen die Reifen für das Überschallverkehrsflugzeug auch von Goodyear und Michelin).
1981 wurde Kléber von dem französischen Konkurrenten Michelin übernommen, der schon seit 1965 an dem Unternehmen beteiligt war. Michelin erwarb 1990 auch die frühere Kléber-Muttergesellschaft Uniroyal-Goodrich (BFGoodrich, Uniroyal). Seit der Integration in den Michelin-Konzern 1983 ist Kléber kein eigenes Unternehmen mehr, sondern nur noch eine Marke. Inzwischen wird der Markenname Kleber ohne Akzentzeichen (é) geschrieben.
Text: Toralf Czartowski