Markenlexikon

Branche: Automobile

Jaguar

Großbritannien

Am Anfang von Jaguar standen William Walmsley (1892 – 1961) und William Lyons (1901 – 1985), zwei jugendliche Bastler, die im englischen Seebad Blackpool für ihre Freunde Motorrad-Seitenwagen bauten. Beide entstammten wohlhabenen Familien; Walmsleys Vater hatte früher eine Kohlenhandlung in Stockton besessen, Lyons Eltern betrieben ein Musikalien- und Klaviergeschäft. Da Beiwagen-Gespanne gerade groß in Mode kamen, gründeten beide 1922 die Firma Swallow Sidecar Company, die mit ihren eleganten, zeppelinförmigen Seitenwagen bald gute Umsätze machte. 1926/27 begann die Swallow Sidecar and Coach Building Company, wie das Unternehmen nun hieß, Spezialkarosserien für Automobile zu fertigen, zuerst für die Kleinwagen Austin Seven und Morris Cowley, später auch für andere Fahrzeuge wie Fiat, Standard, Swift und Wolseley. 1927 kam es nochmal zu einer Umfirmierung, diesmal in Swallow Coachbuilding Company. 1929 zog das Unternehmen nach Coventry, in das Zentrum der britischen Automobilindustrie, um. Bis zum Bau eines eigenen Autos war es nun nur noch ein kleiner Schritt.

1931 bestellte Lyons bei der Standard Motor Company mehrere Fahrgestelle, auf die er seine eigenen Karosserien montierte. Die Fahrzeuge trugen die Markenbezeichnung S.S. (Standard Swallow). Die von Lyons persönlich entworfenen Coupés bestachen durch ein außergewöhnlich rassiges und sportliches Design, waren aber dennoch recht preiswert, was während der weltweiten Wirtschaftskrise einen erheblichen Verkaufsvorteil darstellte. Schon damals beteiligte sich Swallow recht erfolgreich an Rennsportveranstaltungen, was den Bekanntheitsgrad der neuen Marke noch erhöhte. Mitte der 1930er Jahre begann Swallow eigene Fahrgestelle und Motoren herzustellen; zuvor hatte man neben den Standard-Chassis auch Fahrgestellte von Swift, Clyno und Fiat verwendet. 1934 gründeten Lyons und Walmsley die neue Firma S.S. Cars Limited, doch schon kurz danach verkaufte Walmsley seine Anteile an Lyons.

1935 tauchte der Name Jaguar zum ersten Mal auf, zunächst nur als Zusatzbezeichnung für eine neue Limousine (S.S. 100 Jaguar). Dass der Name der eleganten Raubkatze für die sportlichen Fahrzeuge besser als Swallow (engl. Schwalbe) oder das durch die gleichnamige deutsche Nazi-Organisation negativ besetze Kürzel S.S. geeignet war, lag auf der Hand. Bevor der Jaguar zum großen Sprung ansetzen konnte, wurde seine Karriere durch den Ausbruch des 2. Weltkriegs für mehrere Jahre unterbrochen. Zwischen 1939 und 1945 fertigte man in Coventry Seitenwagen für Militärmotorräder, Bomberkanzeln und Flugzeugersatzteile.

Jaguar
Jaguar

1945, nun hieß auch die Firma offiziell Jaguar Cars Limited, lief die reguläre Produktion wieder an. Gleichzeitig wurde die Swallow-Seitenwagenproduktion an die Helliwell Group verkauft. Mit dem bildschönen Jaguar XK 120 von 1948 konnte man überraschenderweise schnell an alte Erfolge anknüpfen, obwohl Sportwagen kurz nach Kriegsende nicht gerade die gefragtesten Autos waren. Aus dem XK-120 entstand 1951 auch der XK-120C (C-Type), ein Rennwagen, mit dem Jaguar noch im gleichen Jahr erstmals die 24 Stunden von Le Mans gewann. Das berühmteste aller Nachkriegsfahrzeuge wurde jedoch der legendäre E-Type (1961 – 1974), ein schlanker Zweisitzer, der vor allem wegen seiner markanten Form Automobilgeschichte schrieb.

Um die dringend benötigten Produktionskapazitäten zu erhöhen, übernahm Jaguar 1960 die Daimler Motor Company

DAIMLER MOTOR CO.: Frederick Richard Simms (1863 – 1944) erwarb 1891 die Rechte zum Bau von Daimler-Motoren in Großbritannien und seinen Kolonien (außer Kanada). 1893 gründete er in Coventry die Daimler Motor Syndicate Limited, in deren Vorstand auch Gottlieb Daimler saß. Simms baute die Daimler-Motoren in Boote ein, so wie es Gottlieb Daimler und sein Konstrukteur Wilhelm Maybach bereits 1886 vorgemacht hatten. 1895 überließ Simms die Konzession Harry John Lawson (1852 – 1925), der ein Jahr später die Daimler Motor Company Limited ins Leben rief. Im Januar 1897 brachte Daimler den ersten eigenen Wagen auf den Markt, einen Nachbau des französischen Herstellers Léon Bollée mit Panhard-Motoren und dann, ab März 1897, mit Daimler-Motoren aus Deutschland.

1898 trennten sich die Wege von Daimler Deutschland und Daimler Großbritannien. Im gleichen Jahr erwarb der spätere König Edward VII. einen Daimler 22HP und erhob die Marke damit in den »Adelsstand«, lange bevor Rolls-Royce oder Bentley diesen Stand erreichten. Ab 1910 befand sich Daimler Coventry im Besitz des Waffen-, Automobil- und Motorradherstellers British Small Arms Company (BSA). Während des 1. Weltkriegs produzierte das Unternehmen vor allem Armeefahrzeuge, Lastwagen und Flugzeugmotoren. Nach Kriegsende wurden die Lastwagenchassis auch für den Bau von Doppeldeckerbussen verwendet. Daimler gehörte bis 1973, als die Busproduktion an British Leyland abgegeben wurde, neben AEC (Associated Equipment Company), Bristol Commercial Vehicles, Leyland und MCW (Metro Cammell Weymann) zu den führenden britischen Busherstellern.

1926 kam der Daimler Double-Six auf den Markt, der erste europäische Serienwagen mit Zwölfzylindermotor. 1931 übernahm die Daimler Motor Co. die Lanchester Motor Company, die 1899 von den Brüdern Frederick, George und Frank Lanchester in Coventry gegründet woden war. Zu den Kunden der eleganten Lanchester-Fahrzeuge, die bis 1911 kein Lenkrad sondern einen Lenkhebel hatten, gehörten u.a. die Schriftsteller Rudyard Kipling und George Bernard Shaw sowie mehrere indische Fürsten und die englische Königsfamilie. Bis zur Einstellung der Marke 1956 waren die Lanchester-Fahrzeuge nur noch preiswerte Daimler-Varianten mit einem veränderten Kühlergrill.

Daimler
Daimler

In dieser Zeit verlor Daimler auch seine Stellung als offizieller königlicher Hoflieferant. Dafür gab es mehrere Gründe. Erstens hegte die neue Königin Elizabeth II. schon vor ihrer Krönung eine Vorliebe für Rolls-Royce-Fahrzeuge (1950 hatte Rolls-Royce für Prinzessin Elizabeth und Prinz Philip den Phantom IV entwickelt), zweitens führten der damalige Daimler-Chef Sir Bernard Docker und seine Frau Norah Collins ein ziemlich extravagantes Leben, das bei der Königsfamilie auf Missfallen stieß, und drittens war 1950 einer der königlichen Daimler mit einem Getriebeschaden liegengeblieben. Einzelne Mitglieder der Königsfamilie fuhren jedoch auch weiterhin privat Daimler-Fahrzeuge, z.B. die Mutter der Königin (Daimler DS420) oder auch die Königin selbst (ab 2002 Daimler Super V8).

1960 verkaufte der BSA-Konzern, der die eigene Autoproduktion schon 1940 eingestellt hatte und nun zu den größten Motorradherstellern der Welt zählte (Ariel, BSA, Sunbeam, Triumph), die Daimler Motor Company an Jaguar Cars, was dazu führte, dass die besonders luxuriös ausgestatteten Jaguar-Modelle fortan als Daimler verkauft wurden.

COVENTRY-CLIMAX, BMC, BRITISH LEYLAND: 1963 erwarb Jaguar Coventry-Climax, einen damals führenden Hersteller von Rennmotoren, kam dann aber 1966 selbst unter die Kontrolle der British Motor Corporation (Austin, MG, Mini, Morris, Riley, Wolseley), die sich daraufhin in British Motor Holdings (BMH) umbenannte. Nach der Fusion von BMH mit dem Lastwagenhersteller Leyland Motor Corporation aus der gleichnamigen Stadt in Lancashire, dem auch Alvis, Rover/Land-Rover und Standard-Triumph gehörten, hieß der neue Konzern ab 1968 British Leyland Motor Corporation. Im Gegensatz zu anderen British-Leyland-Marken, die später teilweise sogar eingestellt wurden, blieb Jaguar auch unter dem British-Leyland-Dach relativ selbstständig. Noch im Jahr der Fusion kam der XJ6 auf den Markt, eine Limousine, die mit ihrem zeitlosen Design zum Trendsetter wurde. Den Wagen hatte Jaguar-Chef Lyons – inzwischen zum Sir geadelt – höchstpersönlich entworfen. Gleichzeitig war es auch seine letzte Entwicklung; 1972 legte er die Firmenleitung nieder. Bis zu seinem Tod 1985 blieb er Ehrenpräsident von Jaguar.

FORD: 1982 wurde der 1975 verstaatlichte British-Leyland-Konzern in die drei Unternehmen Austin-Rover Group, Leyland Vehicles und Jaguar Cars aufgeteilt. 1989 kam Jaguar unter das Dach des Ford-Konzerns. Viele Jaguar-Enthusiasten nahmen das zunächst mit Skepsis auf, wurden aber bald eines Besseren belehrt. Jaguar blieb weiterhin eine durch und durch britische Firma. Nur die teilweise katastrophale Qualität der Fahrzeuge, wie sie in den 1970er Jahren im gesamten British-Leyland-Konzern an der Tagesordnung war, hat sich wesentlich verbessert.

TATA: 2007, als sich die DaimlerChrysler AG von Chrysler trennte und in Daimler AG umbenannte, verkaufte Ford die Nutzungsrechte an dem Namen Daimler (als Handels- und Firmenbezeichnung, nicht als Markenname für Autos) für 20 Millionen Dollar an die Daimler AG. 2008 veräußerte Ford seine beiden britischen Tochtergesellschaften Jaguar Cars (inkl. der Markennamen Daimler und Lanchester) und Land-Rover an Tata Motors, eine Tochtergesellschaft des indischen Tata-Konzerns. Das Unternehmen firmiert nun als Jaguar Land Rover Limited (Whitley/Coventry). Produziert werden die Fahrzeuge in den drei Werken Solihull (Land-Rover, Range Rover), Halewood (Land-Rover, Range Rover) und Castle Bromwich (Jaguar). Anfang 2009 wurde die Produktion der Daimler-Fahrzeuge eingestellt.

2013 brachte Jaguar mit dem Roadster F-Type einen Nachfolger des legendären E-Type auf den Markt, der sich vom Start weg hervorragend verkaufte.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

Jaguar Cars Logo
Jaguar Cars Logo
Jaguar Cars Logo
Daimler Motor Co. Logo
Letzte Änderung der Seite: 10.09.2019 | 20:53