Markenlexikon
William Walmsley (1892 – 1961) und William Lyons (1901 – 1985), zwei jugendliche Bastler, bauten im englischen Seebad Blackpool für ihre Freunde Motorrad-Seitenwagen. Beide entstammten wohlhabenden Familien; Walmsleys Vater hatte früher eine Kohlenhandlung in Stockton besessen, Lyons Eltern betrieben ein Musikalien- und Klaviergeschäft. Da Beiwagen-Gespanne gerade groß in Mode kamen, gründeten beide 1922 die Firma Swallow, die mit ihren zeppelinförmigen Seitenwagen bald gute Umsätze machte. 1926 begann Swallow Spezialkarosserien für Automobile zu fertigen, zuerst für die Kleinwagen Austin Seven und Morris Cowley, später auch für andere Fahrzeuge von Fiat, Standard, Swift und Wolseley. 1929 zog das Unternehmen nach Coventry (Holbrook Lane) um, in das Zentrum der britischen Automobilindustrie.
1931 kaufte Lyons bei Standard Motor mehrere Fahrgestelle, auf die er seine eigenen Karosserien montierte. Die Fahrzeuge trugen die Markenbezeichnung S.S. (Standard Swallow). Die von Lyons persönlich entworfenen Coupés bestachen durch ein außergewöhnlich rassiges und sportliches Design, waren aber dennoch recht preiswert, was während der weltweiten Wirtschaftskrise einen erheblichen Verkaufsvorteil darstellte. Schon damals beteiligte sich Swallow recht erfolgreich an Rennsportveranstaltungen, was den Bekanntheitsgrad der neuen Marke noch erhöhte. Mitte der 1930er Jahre begann Swallow, eigene Fahrgestelle und Motoren herzustellen; zuvor hatte man neben den Standard-Chassis auch Fahrgestelle von Clyno, Fiat und Swift verwendet. 1934 gründeten Lyons und Walmsley die neue Firma S.S. Cars, doch schon kurz danach verkaufte Walmsley seine Anteile an Lyons.
1935 tauchte der Name Jaguar zum ersten Mal auf, zunächst nur als Zusatzbezeichnung für eine neue Limousine (S.S. 100 Jaguar). Dass der Name der eleganten Raubkatze für die sportlichen Fahrzeuge besser als Swallow (engl. Schwalbe) oder das durch die gleichnamige deutsche Nazi-Organisation negativ besetzte Kürzel S.S. geeignet war, lag auf der Hand. Bevor der Jaguar zum großen Sprung ansetzen konnte, wurde seine Karriere durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs für mehrere Jahre unterbrochen. Zwischen 1939 und 1945 fertigte man in Coventry Bomberkanzeln, Flugzeugersatzteile und Seitenwagen für Militärmotorräder.
1945 lief die reguläre Produktion bei Jaguar Cars wieder an. Gleichzeitig wurde die Seitenwagenproduktion verkauft. Mit dem bildschönen Coupé/Roadster Jaguar XK 120 (1948 – 1954) konnte man überraschenderweise schnell an alte Erfolge anknüpfen, obwohl Sportwagen kurz nach Kriegsende nicht gerade die gefragtesten Autos waren. Aus dem XK 120 entstand 1951 der XK 120C (C-Type), ein Rennwagen, mit dem Jaguar noch im selben Jahr erstmals die 24 Stunden von Le Mans gewann.
Auch die Nachfolgemodelle XK 140 (1954 – 1957) und XK 150 (1957 – 1961) waren außergewöhnlich schöne Sportwagen, die selbst Menschen begeistern, die sich nicht besonders für Autos interessieren. Das berühmteste aller Nachkriegsfahrzeuge war jedoch der E-Type (1961 – 1975), ein schlanker Zweisitzer, der vor allem wegen seiner markanten Form Automobilgeschichte schrieb. Neben den Sportwagen baute Jaguar auch Mittelklasse- und Oberklasse-Fahrzeuge wie die Modelle Mark 1 (1955 – 1959), Mark 2 (1959 – 1969) oder S-Type (1963 – 1968), die alle ein ganz spezielles Design auszeichnete.
Die wichtigsten Entwickler der frühen Jaguar-Sportwagen waren William Heynes (Chef-Ingenieur von 1935 bis 1969), Walter Hassan (von 1938 bis 1972) und Malcolm Sayer (von 1951 bis 1970; Designer des C-, D- und E-Type).
1951 wurde Jaguar offizieller Hoflieferant des britischen Königshauses. Im selben Jahr verlegte Jaguar die Produktion in ein größeres Werk in Coventry (Browns Lane Plant) – eine frühere Shadow-Factory, die während des Zweiten Weltkriegs von der Daimler Motor Company betrieben worden war. Um die dringend benötigten Produktionskapazitäten zu erhöhen, übernahm Jaguar 1960 die Daimler Motor Company, die zuvor dem Motorradhersteller BSA gehört hatte. Fortan wurden die besonders luxuriös ausgestatteten Jaguar-Modelle als Daimler verkauft.


1963 erwarb Jaguar Coventry-Climax, einen damals führenden Hersteller von Rennmotoren, kam dann aber 1966 selbst unter die Kontrolle der British Motor Corporation (Austin, MG, Mini, Morris, Riley, Wolseley), die sich daraufhin in British Motor Holdings (BMH) umbenannte. Nach der Fusion von BMH mit dem Lastwagenhersteller Leyland, dem auch Alvis, Rover/Land-Rover und Standard-Triumph gehörten, hieß der neue Konzern ab 1968 British Leyland. Im Gegensatz zu anderen British-Leyland-Marken, die später teilweise sogar eingestellt wurden, blieb Jaguar auch unter dem British-Leyland-Dach relativ selbstständig.
Noch im Jahr der Fusion kam der XJ (1968 – 2019) auf den Markt, eine Oberklasse-Limousine, die mit ihrem zeitlosen Design zum Trendsetter wurde. Den Wagen hatte Jaguar-Chef Lyons – inzwischen zum Sir geadelt – zusammen mit William Heynes entworfen. Gleichzeitig war es auch seine letzte Entwicklung; 1972 legte er die Firmenleitung nieder. Bis zu seinem Tod 1985 blieb er Ehrenpräsident von Jaguar Cars. 1977 nahm Jaguar ein weiteres Werk in Birmingham in Betrieb (Castle Bromwich Assembly).
1982 wurde der inzwischen verstaatlichte British-Leyland-Konzern in die drei Bereiche Austin-Rover, Leyland und Jaguar aufgeteilt. Jaguar Cars schied 1984 aus dem Konzern aus (Platzierung an der Börse). Mit der Umbenennung in Rover endete 1986 die Existenz des British-Leyland-Konzerns. 1989 kam Jaguar unter das Dach des Ford-Konzerns. Viele Jaguar-Enthusiasten nahmen das zunächst mit Skepsis auf, wurden aber bald eines Besseren belehrt. Jaguar blieb weiterhin eine durch und durch britische Firma. Nur die teilweise katastrophale Qualität der Fahrzeuge, wie sie im gesamten British-Leyland-Konzern an der Tagesordnung war, verbesserte sich deutlich. Die beiden Mittelklasse-Modelle S-Type (1998 – 2007) und X-Type (2001 – 2009), die technisch teilweise auf dem Ford Mondeo basierten, waren die beiden letzten Jaguar-Fahrzeuge, deren Design noch an frühere Jaguar-Modelle erinnerte.
2008 veräußerte Ford seine beiden britischen Tochtergesellschaften Jaguar Cars und Land-Rover an Tata Motors, eine Tochtergesellschaft des indischen Mischkonzerns Tata. Das Unternehmen firmierte nun als Jaguar Land Rover (JLR). 2013 brachte Jaguar mit dem Roadster F-Type einen Nachfolger des legendären E-Type auf den Markt, der sich vom Start weg gut verkaufte. Ab 2015 gab es auch wieder Mittelklasse-Limousinen (XE, XF). Der F-Pace war 2016 das erste SUV von Jaguar; auch dieses Modell verkaufte sich sehr gut. 2017 folgte das Kompakt-SUV E-Pace und 2018 das Elektrofahrzeug I-Pace.
2024 stellte Jaguar die Produktion aller Modelle ein, um das Werk in Halewood, wo bisher Land-Rover-Modelle gefertigt wurden, komplett auf Elektrofahrzeuge umzurüsten. Erst Ende 2026 soll es wieder neue Modelle geben und dann nur noch Elektrofahrzeuge im Luxusbereich (über hunderttausend Euro).
Produziert wurden die Jaguar-Fahrzeuge in den Werken Coventry/Holbrook Lane (1929 – 1951), Coventry/Browns Lane (1951 – 2005), Birmingham/Castle Bromwich (1977 – 2024) und im Ford-Werk Halewood bei Liverpool (2001 – 2009), das nun JLR und Ford gemeinsam gehört. Daneben gab es noch eine Motorenfabrik in Radford bei Coventry, die jedoch 1997 geschlossen wurde, nachdem Ford die Motorenproduktion in sein Bridgend-Werk verlegt hatte, und ein früheres Talbot-Entwicklungszentrum in Whitley bei Coventry, das 1986 von Peugeot übernommen worden war. In Whitley befindet sich nun der Hauptsitz von Jaguar Land Rover. Einzelne Modelle wie I-Pace und E-Pace wurden von Magna-Steyr in Graz gefertigt.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Pixabay.com, Public Domain