Markenlexikon
Der Kanadier Lewis (Lew) Robert Chudd (eigtl. Louis Chudnofsky; 1911 – 1998) arbeitete zunächst bei der US-Rundfunkgesellschaft NBC, wo er 1934 die sehr populäre Samstagsnacht-Radiosendung »Let's Dance« erfand. Sie endete allerdings schon ein Jahr später, nachdem dem Sponsor Nabisco die Sendung zu teuer geworden war. Danach ging Chudd nach Los Angeles, wo er die dortige NBC-Niederlassung leitete. 1945 etablierte er das Jazz-Label Crown, das er schon ein Jahr später wieder verkaufte. 1946 gründete er die Plattenfirma Imperial Records, die sich anfangs auf die wachsende schwarze und spanischsprachige Bevölkerung Südkaliforniens spezialisierte. Imperial Records produzierte mehrere mexikanische Musiker, außerdem nahm man Blues- und Dixieland-Jazz-Platten auf.
1949 wurde der Bandleader und Imperial-A&R-Manager Dave Bartholomew in einem Club in New Orleans auf den Pianisten Antoine Dominique Domino Jr. aufmerksam, der dort für drei Dollar in der Woche auftrat. Nachdem ihn Imperial unter Vertrag genommen hatte, wurde er unter dem Namen Fats Domino weltbekannt. Bereits die erste Single »The Fat Man« schaffte es 1950 bis auf Platz zwei der Charts. Mit Titeln wie »Ain’t That A Shame« (1955), »My Blue Heaven« (1955), »I’m In Love Again« (1956), »Blue Monday« (1956), »Blueberry Hill« (1956), »I' Walkin' (1957), »Whole Lotta Loving« (1958), »I Want To Walk You Home« (1959), »I’m Walking To New Orleans« (1960) oder »Jambalaya« (1961) beherrschte Fats Domino in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre die US-Hitparaden, besonders die R&B-Charts. Die Platten wurde alle in Cosimo Matassa's berühmten J&M-Tonstudio in New Orleans aufgenommen, wo auch Little Richard's Rock'n'Roll-Klassiker »Tutti Frutti« entstand.
1957 wechselte der Rock'n'Roll-Sänger Ricky Nelson von Verve zu Imperial Records. Das Teenager-Idol wurde in seiner Popularität nur noch von Elvis Presley und Pat Boone übertroffen. Von 1957 bis 1962, als er Imperial verließ, konnte er 33 Titel in den Top-40 platzieren. Zweimal erreichte er den Spitzenplatz in den Billboard Charts (1958 »Poor Little Fool«, 1961 »Travelin’ Man«). In Europa, wo sein Erfolg nicht mit dem in den USA vergleichbar war, wurde er vor allem 1962 mit »Hello Mary Lou« bekannt. In Großbritannien war die Decca-Tochter London Records für den Vertrieb der Imperial-Platten zuständig.
Nachdem seine größten Stars Ricky Nelson (1962) und Fats Domino (1963) das Label verlassen hatten, verkaufte Lew Chudd Imperial Records 1963 an Liberty Records. Zuvor hatte er noch die beiden Labels Aladdin Records (1960) und Minit Records (1963) gekauft. Nach dem Verkauf erwarb Chudd mehrere Radiostationen. Liberty ging 1963 in den Besitz der Elektronikfirma Avnet über, die zur gleichen Zeit das kleine Label Dolton Records erworben hatte. Nach zwei verlustreichen Jahren zog sich Avnet wieder aus dem Musikgeschäft zurück und verkaufte Liberty Records 1965 an den Liberty-Mitgründer Alvin (Al) Bennett zurück.
1968 wurde Liberty Records von dem Finanzkonzern Transamerica aus San Francisco übernommen, dem bereits seit 1967 die Filmgesellschaft United Artists gehörte, die eine eigene Plattenfirma betrieb (United Artists Records). 1969 wurden beide Labels unter dem Namen United Artists Records zusammengeschlossen, was kurze Zeit später auch zur Einstellung der Labels Aladdin, Imperial, Liberty und Minit führte. Die United Artists Music and Records Group ging 1979 in den Besitz des britischen Musikkonzerns EMI über, der die Namen United Artists Records (1980) und Liberty (1984) aufgab.
In den 1960er Jahren veröffentlichte Liberty/Imperial Platten von Cher, Johnny Rivers, Sandy Nelson, den Hollies (nur USA) und Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich (nur USA). In den 1990er Jahren verwendete EMI das Label für Wiederveröffentlichungen alter Imperial-Aufnahmen auf CD. 2006 wurde das Label Imperial von EMI kurzzeitig als eine Art Talentschmiede für die Majorlabels EMI, Capitol und Virgin reaktiviert. Infolge des Zusammenschlusses von Universal Music und EMI (2011/2012) kam der Imperial-Katalog in den Besitz der Universal Music Group.
Text: Toralf Czartowski