Tory Tordal: Taro Yagur – Kampf um Tanybur

Markenlexikon

Ikarus

Ursprungsland: Ungarn

Imre Uhry eröffnete 1895 in Budapest eine Schmiede, die sich anfangs vor allem mit der Reparatur von Wagen, Kutschen und Hufeisen beschäftigte. Bald darauf fertigte die kleine Firma auch eigene Kutschen und Wagen. Nach dem Kauf eines größeren Werkes und dem Beginn des Ersten Weltkriegs widmete sich Uhrys Unternehmen dem Bau und der Reparatur von Lastwagenaufbauten. In den frühen 1920er Jahren fertigte die Uhry Imre Karosserie- und Anhängerfabrik Aufbauten für Lastwagen, Busse und Pkw, wobei die Fahrgestelle von Unternehmen wie Büssing, Fiat, Ford, Gräf & Stift und Mercedes-Benz stammten. Zu den wichtigsten Kunden gehörten damals die Ungarische Staatsbahn und die Budapester Verkehrsbetriebe.

Die Weltwirtschaftskrise trieb das Unternehmen 1932 jedoch in den Konkurs. 1933 riefen die Söhne des Gründers, die ihren Nachnamen nun Uhri schrieben, eine neue Firma ins Leben, die weiterhin Omnibusse baute, ab 1936 mit Metallkarosserien. 1948 wurde das Unternehmen von den Kommunisten verstaatlicht, woraufhin die Uhri-Familie Ungarn verließ. Kurz darauf kam es zum Zusammenschluss mit einer Flugzeugfabrik aus Csepel und der Maschinen- und Metallwarenfabrik Ikarus. Der neue Firmenname lautete ab 1949 Ikarus. Die Nachfrage nach Bussen war zu dieser Zeit sehr groß, da die meisten wegen des Zweiten Weltkriegs zerstört worden waren. Da es aber auch an Fahrgestellen mangelte, entwickelten die Ikarus-Ingenieure 1948/1949 einen Bus mit einer selbsttragenden Karosserie und einem Motor von Rába, den Tr 3,5. Zur gleichen Zeit entstand auch in Deutschland bei Kässbohrer solch ein Bus, der die neuartige Bauweise sogar im Namen trug (Setra = SElbstTRAgend). Beide Unternehmen nehmen für sich in Anspruch, den weltweit ersten Bus mit einer selbsttragenden Karosserie entwickelt zu haben.

Ikarus
Ikarus

Ab Mitte der 1950er Jahre entwickelte sich Ikarus zu einem der weltgrößten Bushersteller, was daran lag, dass das Unternehmen die meisten Ostblockstaaten belieferte. Innerhalb des sozialistischen Wirtschaftsgebietes hatte man sich darauf geeinigt, bestimmte Produkte nur noch in einem Land zu fertigen. Daneben wurden die Ikarus-Busse auch in andere Staaten geliefert oder dort montiert (Angola, Griechenland, Irak, Iran, Kuba, Libyen, Mosambik, Nigeria, Tunesien, Uganda, Westdeutschland, USA). Die Motoren stammten anfangs von Csepel und ab Mitte der 1960er Jahre von Rába (MAN-Lizenz). 1963 wurde Ikarus noch ein zweites Werk in Székesfehérvár zugeordnet. Zu den wichtigsten Ikarus-Bussen zählen die Modelle 31/311 (1954 – 1973), 630/620 (1958 – 1971), 55/66 (1955 – 1973), 180/556/557 (1966 – 1973) und 260/280 (1972 – 2002); der letztgenannte war mit über siebzigtausend Exemplaren einer der weltweit meistproduzierten Omnibusse. Das Nachfolgemodell der 200er Serie, die ab Ende der 1970er Jahre entwickelte 300/400er Baureihe, ging jedoch vor der Wende nicht mehr in Produktion, da die Staaten Osteuropas zu dieser Zeit mit immer mehr wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hatten.

Nach dem Untergang des Ostblocks 1989/1990 geriet Ikarus wie viele andere Ostunternehmen durch den Wegfall der Hauptmärkte in eine schwere Krise, konnte sich aber noch eine Weile über Wasser halten. Auf Basis der alten 200er-Serie und der neuen 400er-Serie entstanden in der Folgezeit zahlreiche Modelle. Richtig Fuß fassen konnte das Unternehmen jedoch nicht mehr. 1999 wurde es von dem Iveco-/Renault-Jointventure Irisbus übernommen, das das Werk in Budapest-Mátyásföld bereits ein Jahr später schloss. 2003 beendete Irisbus auch die Ikarus-Produktion im Werk Székesfehérvár. Die letzten Fahrzeuge, die das Werk verließen, waren im Oktober 2003 drei Ikarus 280. Anschließend gab es mehrere Versuche, die Marke Ikarus wiederzubeleben, allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Kurzzeitig wurden wieder einige wenige Ikarus-Busse verkauft, die von einem ehemaligen Ikarus-Zulieferer (ARC Auto Rad Controlle) stammten, der ab 2005 selbst Autobusse produziert hatte.

Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain