Tory Tordal: Taro Yagur – Kampf um Tanybur

Markenlexikon

Hoechst

Ursprungsland: Deutschland

Im 19. Jahrhundert fielen bei der Leuchtgas- und Koksherstellung aus Steinkohle große Mengen Steinkohlenteer an, die zunächst einfach als Abfall ins Meer geschüttet wurden. 1834 entdeckte der deutsche Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge (1795 – 1867), dass sich aus Anilin, einer Substanz des Steinkohleteers, Farben herstellen lassen. 1856 entwickelte der damals 18-jährige englische Chemiestudent William Henry Perkin den ersten Anilinfarbstoff; das sogenannte Mauvein (Perkin-Violett, Anilinpurpur) war auch gleichzeitig der erste künstliche Farbstoff. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde ausschließlich mit Naturfarben aus pflanzlichen Bestandteilen und tierischen Organismen gefärbt. Bald darauf entstanden in Europa zahlreiche Farbenfabriken wie Perkin (1857), Bayer (1863), Hoechst (1863), BASF (1865), Agfa (1867), Ciba (1884) oder Sandoz (1886).

Der Chemiker Dr. Eugen Nicolaus Lucius (1834 – 1903) wurde während eines längeren England-Aufenhalts auf Perkins Anilinfarben aufmerksam. Zurück in Deutschland gründete er 1863 gemeinsam mit dem Hamburger Kaufmann Carl Friedrich Wilhelm Meister (1827 – 1895), den er in Manchester kennengelernt hatte, und Ludwig August Müller, einem Onkel ihrer Ehefrauen, in Höchst am Main (damals ein Vorort von Frankfurt/Main) die Theerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. Die finanziellen Mittel für das neue Unternehmen stammten größtenteils von Meister, dessen Vater zahlreiche internationale Handelsniederlassungen besaß. Einer der ersten sieben Angestellten war der Chemiker Johann Adolf Brüning (1837 – 1884), ein früherer Studienkollege von Lucius. 1865 übernahm Brüning die Anteile von Ludwig August Müller, sodass die Firma ab diesem Zeitpunkt als Farbwerke Meister Lucius & Brüning (ML&B) firmierte. 1869 errichtete ML&B einen Kilometer westlich der alten Fabrik eine neue Werksanlage, aus der der spätere Industriepark Höchst hervorging. 1880 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt (Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG).

1883 stieg ML&B auch in die Produktion von Arzneimitteln ein, teilweise in Zusammenarbeit mit namhaften Wissenschaftlern wie Emil von Behring, Robert Koch und Paul Ehrlich; bekannte Medikamente waren u. a. das Schmerzmittel Antipyrin (1883), das fiebersenkenden Medikament Kairin (1883), das Tuberkolose-Diagnostikum Tuberculocidin (1892), Impfstoffe gegen Tetanus und Diphterie (1894), das fiebersenkende Medikament Pyramidion (1897), das synthetische Betäubungsmittel Novocain (1905), Salvarsan zur Behandlung von Syphilis (1910), das schmerzstillende und krampflösende Medikament Novalgin (1922) und das vollsynthetische Schmerzmittel Dolantin (1939). 1923 erwarb Hoechst die erste deutsche Lizenz für die Insulin-Herstellung.

1925 schlossen sich die führenden deutschen Chemieunternehmen BASF (Ludwigshafen), Bayer (Leverkusen), Farbwerke vorm. ML&B (Frankfurt-Höchst; inkl. der zuvor übernommenen Firmen Cassella und Kalle & Co. sowie der seit 1921 bestehenden Beteiligung an Wacker Chemie), Agfa (Berlin, Wolfen), Chemische Fabrik Griesheim-Elektron (Frankfurt/Main, Bitterfeld) und Chemische Fabriken vorm. Weiler ter Meer (Uerdingen) zusammen. Als Auffanggesellschaft diente die Badische Anilin- und Soda-Fabrik, die ihren Namen in IG (Interessen-Gemeinschaft) Farbenindustrie AG änderte und ihren Firmensitz nach Frankfurt am Main verlegte. 1926 kam noch die Dynamit Actien-Gesellschaft vorm. Alfred Nobel & Co. hinzu. Die IG Farben war der damals größte Chemiekonzern der Welt.

1945 wurde das Vermögen des IG-Farben-Konzerns durch die Alliierten beschlagnahmt. 1948 kam es zu einem Prozess gegen die wichtigsten Manager und Direktoren der IG-Farben (die letzten wurden bereits 1951 begnadigt). Zwischen 1949 und 1952 entstanden sechs Nachfolgefirmen: Bayer (inkl. Agfa), BASF, Hoechst (offiz. Farbwerke Hoechst AG vorm. Meister Lucius & Brüning; ab 1974 Hoechst Aktiengesellschaft), Casella, Hüls und Rheinische Stahlwerke. Das Restvermögen verwaltete die IG Farbenindustrie AG i. A. (in Abwicklung) – u. a. das Auslandsvermögen (dessen Verbleib bis heute ungeklärt ist), das Westvermögen der im Osten Deutschlands gelegenen Betriebe sowie Ansprüche auf die enteigneten Vermögen in der DDR und Polen.

1997 brachte Hoechst das Geschäft mit Spezialchemikalien in das Schweizer Chemieunternehmen Clariant ein, das 1995 aus dem Chemiegeschäft von Sandoz (heute Novartis) entstanden war. 1999 brachte Hoechst das Chemiegeschäft unter dem Namen Celanese an die Börse. 1999 schloss sich Hoechst mit dem französischen Chemie- und Pharmakonzern Rhône-Poulenc zusammen. Das neue Unternehmen bekam den Namen Aventis und hatte seinen Sitz in Strasbourg. Aventis ging 2004 im französischen Pharmakonzern Sanofi auf.

Text: Toralf Czartowski