Markenlexikon

Heinkel

Deutschland

Der Maschinenbau-Ingenieur Ernst Heinrich Heinkel (1888 - 1958) baute im Jahr 1910 sein erstes Flugzeug, das auf einer Konstruktion des französischen Luftfahrtpioniers Henri Farman basierte. lm Juli 1911 wurde er bei einem Absturz mit seinem Flugzeug über Untertürkheim bei Stuttgart schwer verletzt, was ihn nicht davon abhielt weiterhin Flugzeuge zu bauen und zu fliegen. 1911 ging er erst als Konstrukteur zur Luft-Verkehrs-Gesellschaft A.G. (L.V.G.), dann 1912 zu den Albatros Flugzeugwerken, wo er den Aufklärer Albatros B.II entwickelte. Ab 1914 war er Werksdirektor bei der Brandenburgischen Flugzeugwerke GmbH in Briest, wo er die Flugboote Hansa-Brandenburg CC und Hansa-Brandenburg KDW entwarf. Nach dem 1. Weltkrieg, als in Deutschland vorübergehend keine Flugzeuge mehr gebaut werden durften, eröffnete Ernst Heinkel in seinem Geburtsort Grunbach eine kleine Werkstatt, die Militärfahrzeuge zu Zivilfahrzeugen umbaute.

1920 konstruierte er für die Caspar-Werke AG aus Travemünde Weiterentwicklungen der Hansa-Brandenburg-Flugzeuge, die ab von der Svenska Aero AB in Lidingö gebaut wurden (Caspar S l/HE 1, S Il/HE 2, S Ill). Dieses Unternehmen war von dem deutschen Testpiloten und Flugzeugkonstrukteur Carl Clemens Bücker (1895 - 1976) gegründet worden, um das Flugzeugbauverbot, das die Allierten Deutschland nach dem verlorenen 1. Weltkrieg auferlegt hatten, zu umgehen.

Ende 1922 gründete Ernst Heinkel in Rostock-Warnemünde seine eigene Firma, die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH, und mietete eine leerstehende Halle des ehemaligen Seeflugzeug-Versuchskommandos an. Das Sport- und Schulflugzeug HE 3 entwarf Heinkel-Chefkonstrukteur Karl Schwärzler, der ebenfalls zuvor bei den Casper Werken als Ingenieur gearbeitet hatte. Von der HE 3 (1923) entstanden drei Exemplare, von denen zwei bei der Schwedischen Marine eingesetzt wurden. Auch die weiteren Modelle, die Schwimmer-Aufklärungsflugzeuge HE 4 (1926 – 1927) und HE 5 (1927 – 1937) sowie das Sport- und Schulflugzeug Heinkel HD 24 (1926 – 1929) entstanden teilweise in Lizenz bei Svenska Aero in Lidingö und der Centrala Flygverkstaden i Vãsterås. Käufer waren u.a. die schwedische Luftwaffe, die Sowjetunion und die lettische Marine. 1930 geriet die Svenska Aero AB in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von dem Schienenfahrzeughersteller AB Svenska Järnvägsverkstäderna (ASJ) übernommen, der daraufhin eine eigene Flugzeugabteilung in Linköping gründete: AB Svenska järnvägsverkstäderna, Aeroplanavdelningen (ASJA). 1939 wurde ASJA schließlich von der Svenska Aeroplan AB (Saab) aus Trollhättan übernommen.

1932 entwarf Siegfried Günter im Auftrag der Deutschen Lufthansa die He 70 Blitz, einen einmotorigen Tiefdecker, der eine Zeitlang als schnellstes Verkehrsflugzeug der Welt galt (Spitzengeschwindigkeit 362 km/h). Zudem besaß die He 70 erstmals ein einziehbares Fahrwerk. Von dieser Maschine, die fünf Passagiere befördern konnte, wurden rund 300 Exemplare gefertigt und hauptsächlich an die Lufthansa geliefert.

In den 1930er Jahren wuchsen die Ernst Heinkel Flugzeugwerke zum größten Industriebetrieb Mecklenburgs heran mit zahlreichen Werken und Niederlassungen in Dänemark (Kopenhagen-Kastrup), Deutschland (Barth, Berlin-Reinickendorf, Lübz, Oranienburg, Ribnitz, Rostock, Rövershagen, Stuttgart-Zuffenhausen, Waltersdorf), den Niederlanden (Amsterdam), Österreich (Jenbach, Wien), Polen (Krakau, Mielec) und Frankreich (Paris). Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 1.000 irn Jahr 1932 auf 16.000 Ende 1944 an. Mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen waren es sogar rund 50.000 Beschäftigte.

Die ursprünglich als Zivilflugzeug konzipierte zweimotorige He 111 (1935 – 1944) avancierte zum Standardbomber der Deutschen Luftwaffe (über 7000 Exemplare). Sie wurde nicht nur von Heinkel in den Werken Rostock und Oranienburg gefertigt. sondern auch von CASA in Tablada/Sevilla (bis 1956), Dornier in Wismar, Arado in Brandenburg, ATG (Allgemeine Transportanlagen-Gesellschaft) in Leipzig sowie bei Junkers in Dessau.

Am 27. August 1939 führte der Testpilot Erich Warsitz mit dem Versuchsflugzeug He 178 in Rostock-Marienehe den weltweit ersten Flug eines Flugzeugs mit Turbinenstrahlantrieb durch. Er dauerte rund acht Minuten. Die He 178 war ein rein privates Projekt von Ernst Heinkel und dem Physiker Hans Joachim Pabst von Ohain, der das Strahltriebwerk HeS 3 entwickelte. Das Reichsluftfahrtministerium zeigte jedoch kein Interesse an einer Serienproduktion, da bereits 1938 ein Auftrag für ein Strahlflugzeug an Messerschmitt vergeben worden war (Messerschmitt Me 262). Ein weiteres Strahlflugzeug war die He 280 (1940 – 1943). Sie hatte als erstes Flugzeug der Welt einen Schleudersitz, der 1943 während eines Testflugs in Rechlin erstmals erfolgreich eingesetzt werden musste. Der Pilot überlebte den Absturz unverletzt. Nach nur neun Maschinen wurde die Entwicklung der He 280 jedoch beendet, einerseits wegen zahlreicher noch ungelöster technischer Probleme, andererseits weil es mit der Me 262 ein moderneres Konkurrenzmodell gab.

1943 wurde die Ernst Heinkel Flugzeugwerke GmbH auf Druck der Rüstungsbehörde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ernst Heinkel, der zwar ab 1933 Mitglied der NSDAP und ab 1937 Wehrwirtschaftsführer war, aber ansonsten aufgrund seines eigenwilligen Erfinder-Charakters immer wieder mit den Nazis aneinandergeriet, wurde auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden abgeschoben, blieb aber weiterhin Mehrheitseigentümer des Unternehmens.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurde Ernst Heinkel zunächst verhaftet und von den Alliierten als »Mitläufer des NS-Regimes« eingestuft, was man später auf »Entlasteter« herabstufte. Die Werke im Osten Deutschlands wurden demontiert und anschließend gesprengt. 1950 erhielt Ernst Heinkel das Werk in Stuttgart-Zuffenhausen zurück. Die neue Ernst Heinkel AG musste jedoch für die Schulden und Bankverplichtungen der alten Heinkel-Gesellschaft aufkommen. Zudem lehnte es die Bundesrepublik ab, für die Verpflichtungen des liquidierten Deutschen Reiches in Höhe von rund 300 Millionen Mark gegenüber Ernst Heinkel aufzukommen.

Noch 1950 begann in Stuttgart-Zuffhausen die Produktion von wassergekühlten Zwei- und Dreizylinder-Zweitaktmotoren (u.a. für Veritas, Saab, Maico-Kleinwagen, Tempo-Lieferwagen). 1953 folgten Mopeds/Motorroller (Heinkel-Perle, Tourist) und 1956 das Rollermobil Heinkel Kabine (1956 – 1958) in verschiedenen Ausführungen mit drei und vier Rädern. Für den Bau der Motorroller wurde 1954 auf dem Gelände der Badisch-Pfälzischen Flugzeugreparaturwerft am alten Karlsruher Flugplatz die Ernst Heinkel Motorenbau GmbH (Karlsruhe) gegründet, die Heinkel-Kabine lief in den ehemaligen Flugwerken Saarpfalz in Speyer bei der Ernst Heinkel Fahrzeugbau GmbH (Speyer) vom Band.

1956 kehrte die Ernst Heinkel Fahrzeugbau GmbH (Speyer) durch die Beteiligung an der Flugzeug-Union Süd GmbH (Messerschmitt, Heinkel) wieder zu ihren Ursprüngen zurück; die FUS fertigte das zweistrahlige Schulflugzeug Sud Aviation CM.170 Magister (Fouga Potez) in Lizenz. Außerdem wurden in Speyer Reparatur- und Wartungsarbeiten für verschiedene Flugzeugtypen durchgeführt. Der Versuch noch vor Aufhebung des alliierten Flugzeugbauverbots (1955) über die Liechtensteiner Tarnfirma Ekoba (Entwicklung, Konstruktion und Bau-GmbH) ein Kampfflugzeug für Ägypten zu entwickeln, scheiterte nach Ablieferung eines Prototyps daran, dass der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser sich Mitte der 1950er Jahre politisch dem Ostblock annäherte und deswegen sowjetische MiG-Kampfflugzeuge erhielt. Entwickelt und gebaut wurde der Prototyp in Feldkirch (Österreich), Stuttgart-Zuffhausen und Vaduz (Kunstruktionsbüro).

Nach dem Tod von Ernst Heinkel wurde die Ernst Heinkel Fahrzeugbau GmbH (Speyer) in Ernst Heinkel Flugzeugbau GmbH umfirmiert. Ende 1958 übernahm der Elektromotoren-Fabrikant Eberhard Bauer aus Eßlingen 51 Prozent der Ernst Heinkel AG; 34 Prozent verblieben im Besitz der Heinkel-Familie, der Rest befand sich in der Hand von Kleinaktionären.

1957/58 entwickelte die Ernst Heinkel Flugzeugbau GmbH einen Entwurf für ein zweimotoriges Passagierflugzeug für 24 Personen, das wahlweise mit Propellerturbinen oder Strahltriebwerken ausgestattet werden konnte (He 211). Da das Projekt jedoch trotz guter Absatzprognosen keine staatliche Förderung erhielt, wurde es wieder aufgegeben. 1959 gründeten die Messerschmitt AG (Augsburg), die Bölkow Entwicklungen KG (Stuttgart) und die Ernst Heinkel Flugzeugbau GmbH (Speyer) die EWR Entwicklungsring Süd GmbH (München), die den experimentellen Senkrechtstarter VJ-101 (1963 – 1965) entwickelte. Ab 1960 war Heinkel auch am Bau der deutschen Lizenzvariante der Lockheed F-104G Starfighter beteiligt.

1964 verkauften die Heinkel-Erben ihre Anteile an der Ernst Heinkel Flugzeugbau GmbH (Speyer) an die Vereinigte Flugtechnische Werke GmbH (VFW), die 1961 durch den Zusammenschluss der Focke-Wulf GmbH (Lemwerder) und der Weser Flugzeugbau GmbH (Bremen) entstanden war. Die Flugzeug-Union Süd GmbH ging damit ganz in den Besitz der Messerschmitt AG über.

Die Ernst Heinkel Motorenbau GmbH Karlsruhe (ab 1965 Ernst Heinkel Maschinenbau GmbH) produzierte noch bis 1965 Motorroller, spezialisierte sich dann aber auf Verkaufsautomaten, Präzisionsteile für den Werkzeugbau, Anlagen zur Abwasserreinigung (Siebschleudern) und Zentrifugen. Die Ernst Heinkel AG (Stuttgart-Zuffenhausen) wurde 1968 von Daimler-Benz übernommen 1970 in Maschinen- und Werkzeugbau Zuffenhausen (MAWAG) umbenannt.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 28.03.2020 | 11:58