Markenlexikon
Der Anwalt George Franklin Getty (1855 – 1930) zog 1904 mit seiner Familie von Minneapolis/Minnesota in das nördlich von Texas gelegene Oklahoma-Territorium, wo zu dieser Zeit die ersten kleineren Ölquellen entdeckt worden waren. Bei Bartlesville erwarb er ein Stück Land und wurde dort bald fündig. Sein Sohn Jean Paul Getty (1892 – 1976), der in Los Angeles, Berkeley und Oxford Ökonomie und Politikwissenschaften studiert hatte, arbeitete anfangs in der Firma seines Vaters, der Minnehoma Oil Company, machte sich dann aber in Tulsa/Oklahoma selbstständig. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Jean Paul Getty dessen Firma, die damals als George Getty Oil Company firmierte.
1932 erwarb Getty die vier Jahre zuvor gegründete Pacific Western Oil Corporation aus Los Angeles, die 1933 in dem gerade neuentstandenen Staat Saudi-Arabien eine Konzession zur Ölförderung erhielt. 1949 schloss Pacific Western Oil mit dem saudi-arabischen König Abd al-Aziz ibn Saud einen Vertrag ab, der der Firma für sechzig Jahre fünfzig Prozent der Ölvorkommen in der Neutralen Zone zwischen Saudi-Arabien und Kuwait sicherte. Pacific Western Oil und die American Independent Oil Company (Ashland Oil, Phillips Petroleum, Signal Oil and Gas) entdeckten dort 1953 das Wafra-Ölfeld, das heute zu Kuwait gehört (die Neutrale Zone wurde 1970 zwischen Saudi-Arabien und Kuwait aufgeteilt).
1956 schloss Jean Paul Getty seine zahlreichen Beteiligungen in der Ölbranche (Associated Oil, Pacific Western Oil, Tidewater Oil) in der Getty Oil Company zusammen. Ab Mitte der 1950er Jahre galt Getty als reichster Privatmann der Welt. Seine umfangreiche Kunstsammlung brachte er 1953 und 1974 in zwei Museen ein (Getty Center in Brentwood/West Los Angeles, Getty Villa/Pacific Palisades).
1973 sorgte der exzentrische Unternehmer für Schlagzeilen, als er sich weigerte, ein Lösegeld in Höhe von siebzehn Millionen Dollar für seinen in Rom entführten Enkel Jean Paul Getty III. (1956 – 2011) zu zahlen. Erst als die Entführer das abgetrennte Ohr seines Enkels an eine römische Zeitung schickten und mit weiteren Amputationen drohten, zahlte er schließlich 2,8 Millionen Dollar. Zwei der Entführer, Mitglieder der kalabrischen Mafia, wurden später zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, der Großteil des Lösegeldes blieb jedoch verschwunden. Getty III. fiel 1981 nach einem Cocktail aus Drogen, Medikamenten und Alkohol in ein sechswöchiges Koma. Ein Jahr später erlitt er einen Schlaganfall. Für den Rest seines Lebens saß er gelähmt, fast blind und taub sowie artikulationsunfähig im Rollstuhl. Sein Vater Sir Jean Paul Getty II. (1932 – 2003) musste erst per Gerichtsbeschluss dazu bewegt werden, die Behandlungskosten für seinen schwer behinderten Sohn zu übernehmen. Andererseits spendete er Hunderte Millionen Dollar für wohltätige Zwecke, wofür er 1986 von der britischen Königin Elisabeth II. geadelt wurde.
Die Getty Oil Company wurde 1984 an den texanischen Ölkonzern Texaco verkauft. Das Tankstellennetz in den Bundesstaaten Connecticut, Delaware, District of Columbia, Maine, Massachusetts, New Hampshire, New Jersey, New York, Pennsylvania, Rhode Island, Vermont, Virginia und West-Virginia musste Texaco aus kartellrechtlichen Gründen 1985 an die Firma Power Test verkaufen, die sich daraufhin in Getty Petroleum umbenannte. 2001 wurde Getty Petroleum von der russischen Ölgesellschaft Lukoil übernommen. 2011 verkaufte Lukoil Getty Petroleum an die Cambridge Petroleum Holding. Mark Getty, ebenfalls ein Sohn von Getty II., gründete 1995 zusammen mit Jonathan Klein, dem Ex-Corporate Finance-Director der britischen Hambros Bank, in Seattle die Bildagentur Getty Images. Sie gehört neben Corbis (Eigentümer: Bill Gates) zu den führenden Fotovermarktern der Welt.
Text: Toralf Czartowski