Markenlexikon

Branche: Fototechnik

Exakta

Deutschland

Der holländische Kaufmann Johan Steenbergen (1886 – 1967) wurde 1908 von seinem Vater, der ein Textilgeschäft besaß, nach Dresden geschickt, wo er eine Lehre als Schneider absolvieren sollte. Die Lehre trat er allerdings nie an, stattdessen arbeitete der eher technisch interessierte Junior bei der Ernemann AG, damals ein führender deutscher Hersteller von Kameras, Objektiven und Filmprojektoren, der später im Zeiss-Ikon-Konzern aufging. 1912 gründete er in Dresden die Industrie- und Handels-Gesellschaft mbH (Ihagee), eine Großhandelsfirma für fotographische Erzeugnisse, die 1913, als man die Produktion von Kameras aufgenommen hatte, in Ihagee Kamerawerk GmbH umbenannt wurde (ab 1918 OHG Ihagee Kamerawerk Steenbergen & Co.). Zunächst bezog das Unternehmen für seine Platten-, Spiegelreflex- und später auch Rollfilmkameras noch viele Einzelteile von Zulieferern wie Carl Zeiss, Meyer Görlitz und Schneider Kreuznach (u.a. Verschlüsse, Objektive). 1933 brachte Ihagee die von Karl Nüchterlein entwickelte einäugige Rollfilm-Spiegelreflexkamera Exakta Modell A auf den Markt (für Rollfilm 127 im Format 4 x 6,5 cm).

1936 folgte die ebenfalls von Nüchterlein entwickelte Kine-Exakta (auf einigen Exportmärkten wurde auch die Schreibweise Exacta verwendet), eine Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit aufklappbarem Lichtschachtsucher, Wechselobjektiven (38 bis 500 mm Brennweite), integrierter Filmabschneidevorrichtung (erlaubte den Wechsel teilbelichteter Filme) und Tuchschlitzverschluss (Belichtungszeiten von 12 bis 1/1000 Sekunde). Die Kine-Exakta gilt heute oft als erste Kleinbild-SLR-Kamera der Welt, was allerdings nicht ganz stimmt, denn die sowjetische Staatsfirma GOMZ (Gosudarstvennyi Optiko-Mekhanicheskii Zavod) aus St. Petersburg hatte bereits 1935 eine einäugige Kleinbild-SLR (GOMZ Sport) vorgestellt, die jedoch erst im November 1937 auf den Markt kam.

1941 setzten die Nationalsozialisten einen eigenen Verwalter ein, der die Geschäftsführung und die holländischen Angestellten entließ und das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandelte (Ihagee Kamerawerk AG). Steenbergen, der 1942 in die USA emigrierte, und die anderen Eigentümer wurden jedoch nicht enteignet. Die anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 führten zur vollständigen Zerstörung des Werks. Nach dem Ende des Krieges gaben die sowjetischen Besatzer die Firma weder den Eigentümern zurück, noch kam es zur Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb. Statt dessen wurde die Ihagee Kamerawerk AG i.V. (in Verwaltung) von der VVB Optik Jena (VVB = Vereinigung Volkseigener Betriebe) verwaltet. Noch 1945 nahm Ihagee die Produktion der Kine-Exakta in einem ehemaligen Zeiss-Ikon-Werk in Dresden wieder auf. Weitere Modelle waren die Exakta II (1948), die Spiegelreflex-Systemkamera Exakta Varex (1950) sowie deren Nachfolger Exakta VX (1951), Exakta VX IIa (1956), Exakta VX IIb (1963), Exakta/Elbaflex VX 1000 (1967), Exakta/Elbaflex VX 500 (1969) und Exakta/Elbaflex RTL 1000, eine modifizierte Praktica L (1969). Die Exakta kam auch zu filmischen Ehren: 1954 beobachtete James Stewart in dem Alfred-Hitchcock-Spielfilm »Das Fenster zum Hof« seine Nachbarn mit einer Exakta VX. Daneben gab es ab 1951 das Einsteigermodell Exa, eine kleinere und preiswertere Spiegelreflexkamera für ambitionierte Hobbyfotografen. Die Exa wurde aus Kapazitätsgründen zweitweise auch im Büromaschinenwerk Rheinmetall Sömmerda (1954 – 1955) und im Certo Kamerawerk Dresden (1984 – 1987) produziert.

Nachdem Steenbergen nach Europa zurückgekehrt war, versucht er sein Unternehmen zurück zu bekommen, was jedoch scheiterte. 1960 gründete er in Frankfurt/Main eine neue Firma, die Ihagee Kamerawerk AG (ab 1963 Ihagee Exakta Photo AG München, ab 1967 Ihagee AG Berlin), was zu jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen um den Firmennamen Ihagee und den Markennamen Exakta führte. 1969 wurden die Namensrechte schließlich an die Erben Steenbergens übertragen. Fortan durfte die DDR-Firma ihre Kameras außerhalb der Ostblockstaaten nicht mehr als Exakta verkaufen (im Westen verwendete man daher den Namen Elbaflex). Zu gleichen Zeit wurde Ihagee Dresden in das kurz zuvor entstandene Kombinat Pentacon Dresden (Praktica) eingegliedert. Die Ihagee-Entwicklungsabteilung war bereits 1964 dem neugegründeten VEB Pentacon Dresden unterstellt worden. 1973 beendete Pentacon die Fertigung der Exakta-Baureihe, die Exa blieb noch bis 1987 in Produktion.

Die Tage der Ihagee AG in Berlin waren ebenfalls gezählt. Lediglich rund tausend Exemplare der bereits 1963 vorgestellten Exakta Real wurden 1966/1967 produziert, dann beschäftigte sich die Firma nur noch mit dem Verkauf von Kameras, die von den japanischen Herstellern Cosina (Exakta Twin TL) und Petri (Exakta TL 1000, Exakta TL 500, Exakta FE 2000) im Auftrag von Exakta produziert worden waren. 1976 musste Ihagee Berlin Konkurs anmelden.

Die Nürnberger Firma Miranda Foto Video GmbH, die 1982 die Exakta-Markenrechte erworben hatte, brachte 1984 die Mittelformat-Spiegelreflexkamera Exakta 66 auf den Markt. Die Technik entsprach im wesentlichen der ostdeutschen Pentacon Six. Auf den importiert Pentacon-Six-Rahmen hatte man lediglich ein verbessertes Gehäuse draufgesetzt. Die Objektive stammten von Schneider Kreuznach. 1986 folgte die Exakta 66 (Modell 2) und 1997 die Exakta 66 (Modell 3). Hinter Miranda stand der Fotokaufmann Heinrich Mandermann, der mit seiner 1969 gegründeten Beroflex AG (Berlin) ostdeutsche Fototechnik (Pentacon, Praktica, Exakta, ORWO) zu Schleuderpreisen auf den westdeutschen Markt brachte. Mandermann gehörten neben Beroflex auch der Objektiv-Hersteller Schneider Kreuznach (seit 1982), Rollei (von 1987 bis 1995) und Pentacon Dresden (seit 1992). Unter den Markennamen Praktica und Exakta verkauft die Schneider-Kreuznach-Tochter Pentacon GmbH Foto- und Feinwerktechnik heute weltweit Analogkameras, Blitzgeräte, Digitalbilderrahmen, Digitalkameras, Ferngläser, Spektive und Zubehör.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49