Markenlexikon

Eurocopter

EU

Der führende europäische Hubschrauber-Hersteller geht einerseits auf die französischen Flugzeugfirmen Sud-Est (SNCASE/Société Nationale de Constructions Aéronautiques du Sud Est), Sud-Ouest (SNCASO/Société Nationale de Constructions Aéronautiques de Sud-Ouest) und Nord Aviation (SNCAN/Société Nationale de Constructions Aéronautiques du Nord) zurück, die neben Flugzeugen (Sud-Est Caravelle) auch Hubschrauber bauten, u.a. den Versuchshubschrauber Sud-Ouest S.O.110 Ariel (Erstflug 1949) und den Leichthubschrauber Sud-Est S.E.3120 Alouette (Erstflug 1952), der für den Einsatz in der Landwirtschaft gedacht war. Sud-Est und Sud-Ouest schlossen sich 1957 zur Sud Aviation zusammen und dann 1970 noch einmal mit Nord Aviation und SEREB (Societé d'Etudes et de Réalisation d'Engins Balistiques) zum Luft- und Raumfahrtkonzern Société Nationale Industrielle Aérospatiale (SNIAS). Aérospatiale führte die Entwicklung der aus den 1950er und 1960er Jahren stammenden Sud-Aviation-Hubschrauber weiter (1955 SE 313B Alouette II, 1959 SA 316B Alouette III, 1962 SA 321 Super Frelon, 1969 SA 315B Lama) und entwickelte neue Modell wie die Mehrzweckhubschrauber SA 330 Puma (Erstflug 1965), SA 341 Gazelle (Erstflug 1968), SA 365 Dauphin (Erstflug 1972), AS 350 Ecureuil (Erstflug 1974), AS 332 Super Puma/AS 532 Cougar (Erstflug 1978) und AS 355E Ecureuil 2 (Erstflug 1979).

Der zweite Eurocopter-Gründervater war der frühere Messerschmitt-Entwicklungsleiter Ludwig Bölkow (1912 – 2003), der 1948 in Stuttgart-Degerloch sein eigenes Ingenieurbüro ins Leben rief. Im Rahmen der 1956 gegründeten Flugzeug-Union-Süd (Messerschmitt, Heinkel, Junkers) sowie des 1959 gegründeten Entwicklungsrings Süd (Messerschmitt, Heinkel, Bölkow) war Bölkow am Bau des experimentellen Senkrechtstarters VJ-101 (1963 – 1965) und der deutschen Lizenzvariante der Lockheed F-104G Starfighter beteiligt. In Eigenregie entwickelte die ab 1958 in Ottobrunn bei München ansässige Bölkow GmbH den leichten Mehrzweckhubschrauber BO-105, der 1967 seinen Jungfernflug absolvierte, sowie das kunstsporttaugliche Kleinflugzeug Bölkow Bo-209 Monsun (Erstflug 1968). Die Bölkow GmbH gehörte 1967 neben Messerschmitt, Dornier, SIAT (Siebel Flugzeugwerke), HFB (Hamburger Flugzeugbau) und VFW (Vereinigte Flugtechnische Werke) zu den Mitbegründern der Deutschen Airbus GmbH. Aus der Zusammenarbeit innerhalb des Entwicklungsrings Süd (Heinkel war 1964 ausgeschieden) entstanden 1968 die Messerschmitt-Bölkow GmbH und 1969, nachdem man die Hamburger Flugzeugbau GmbH, eine 1933 gegründete Tochtergesellschaft der Blohm & Voss-Werft, sowie SIAT erworben hatte, die Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB). Der BO-105 bekam daraufhin die Bezeichnung MBB BO-105. 1981 übernahm MBB auch VFW, ein 1964 entstandener Zusammenschluss der Flugzeugfirmen Focke-Wulf (Bremen), Weser Flugzeugbau (Bremen) und Ernst Heinkel Flugzeugbau (Speyer).

1984 schlossen die Regierungen von Frankreich und Deutschland mit Aérospatiale und MBB einen Vertrag über die Entwicklung des modernen Panzerabwehr- und Unterstützungshubschraubers Tigre/Tiger. Die Realisierung zog sich jedoch aus Kostengründen noch jahrelang hin. 1988 absolvierte der MBB BO-108, der Nachfolger des BO-105, seinen Jungfernflug. 1989 wurde MBB von der Daimler-Benz AG übernommen. Aus dem Zusammenschluss von MBB mit den ebenfalls zu Daimler-Benz gehörenden Firmen Dornier, MTU und Telefunken Systemtechnik (TST) entstand 1989 die Deutsche Aerospace AG (DASA), die ab 1995 als Daimler-Benz Aerospace AG und ab 1998 DaimlerChrysler Aerospace AG firmierte.

1991 fand der Erstflug des französischen Aérospatiale Tigre PT1 statt, 1993 der des deutschen Prototyps DASA Tiger PT2. 1992 gründeten beide Partner zur Abwicklung des Programms das Jointventure Eurocopter, in dem auch alle anderen Hubschrauberaktivitäten von Aérospatiale und DASA/MBB eingebracht wurden. 1994 absolvierte der zweimotorige Mehrzweck-Hubschrauber EC 135 seinen Jungfernflug. Im Gegensatz zum Ursprungsmodell MBB BO-108 hat der EC 135 einen gekapselten Heckrotor (Fenestron). Der EC 135, dessen Produktion 1996 anlief, wird vor allem als Polizei- und Luftrettungshubschrauber sowie im Corporate-/VIP-Transport eingesetzt. Die militärische Version des EC 135 heißt EC 635. Im Juni 1995 startete der EC 120 Colibri, der kleinste Hubschrauber von Eurocopter, zum Erstflug. Aus dem Ende der 1970er Jahre von MBB und Kawasaki entwickelten Mehrzweckhubschrauber MBB-Kawasaki BK-117 leitete Eurocopter den EC 145 ab (Erstflug 1999); auch er kommt vor allem bei der Luftrettung zum Einsatz. Auf Basis des AS 350 entstand der EC 130 (Erstflug 1999) und die neueste Variante des Super Puma ist der EC 225 Super Puma Mk II+ (Erstflug 2000). 2006 gewannen Eurocopter North America und Sikorsky die Ausschreibung der U.S. Army für einen neuen leichten Mehrzweckhubschrauber; als Basis dient der EC-145. Gebaut wird der UH-145 in den USA.

Aus dem Zusammenschluss der Aérospatiale-Matra S.A. (Frankreich), der DaimlerChrysler Aerospace AG und der CASA S.A. (Spanien) entstand 2000 der europäische Luft- und Raumfahrtkonzerns European Aeronautic, Defence and Space Company N.V. (EADS). Anfang 2014 benannte sich der EADS-Konzern nach seiner bekanntesten Marke in Airbus Group N.V. (Leiden/Niederlande) um. Die Gruppe besteht nun aus den Bereichen Airbus S.A.S. Toulouse (zivile Verkehrsflugzeuge), Airbus Defence and Space München (Ex-Airbus Military, Astrium, Cassidian; A400M, A330 MRTT, Eurofighter, Ariane Trägerraketen, Satelliten, Antriebssysteme und Raumfahrtausrüstung, Unbemannte Flugsysteme, Verteidigungssysteme, Geoinformationssysteme, Avionik, Radare, Orbitalsysteme) und Airbus Helicopters S.A. Marignane (Ex-Eurocopter; zivile und militärische Hubschrauber). Die Hauptwerke von Airbus Helicopters befinden sich in Donauwörth, La Courneuve (Frankreich), Kassel, Madrid (Spanien), Marignane (Frankreich) und Ottobrunn. 2004 wurde ein neues Werk in Columbus/Mississippi (USA) eröffnet.

Text: Toralf Czartowski

Eurocopter Logo
Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49