Markenlexikon

Branche: Musikindustrie

EMI

inkl. Angel Records, Columbia, Electrola, EMI Records, EMI Films, Gramophone, Harvest, His Master's Voice (HMV), Odeon, Parlophone, Pathé-Marconi, Regal-Zonophone, Thorn-EMI

Großbritannien

Der deutsche Astronom Johannes Kepler prophezeite 1619: »Man wird dereinst Sprechmaschinen erzeugen können, doch werden diese einen schnarrenden Klang haben.« Im Juli 1877 machte der amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison diese Vision wahr. Er entwickelte einen Apparat, der die menschliche Stimme und auch Musik aufzeichnen und wiedergeben konnte. Edison, der gerade an der Verbesserung des von Alexander Graham Bell entwickelten Telefons arbeitete, hatte an der Metallmembran eines Telefon-Mikrofons einen Stahlstift angebracht, dessen Spitze einen paraffingetränkten Papierstreifen, der um eine neun Zentimeter lange Walze gewickelt war, berührte. Mittels Kurbel und Schraubengewinde konnte die Walze gedreht und längs der 30 Zentimeter langen Achse verschoben werden. Sobald die Schallwellen der menschlichen Stimme die Membran in Schwingungen versetzten, ritzte der Stahlstift die Paraffinschicht auf dem Papier unterschiedlich tief. Schob man die Walze wieder in die Ausgangsstellung zurück und drehte sie erneut, folgte ein zweiter Stift der eingeritzten Linie und versetzte die zweite Membran in Schwingung. Mit einem Schalltrichter konnten die Töne hörbar gemacht werden. Das erste Wort, das Edison aufnahm und wieder abspielte, war ein leises, krächzendes »Hallo«. Am 6. Dezember desselben Jahres erklang die erste Musik aus dem Trichter: das Kinderlied »Mary had a little lamb« – von Edison höchstpersönlich gesungen. Am 19. Februar 1878 erhielt er auf seine Erfindung, die er »Phonograph« (griech. Ton-Schreiber) nannte, ein Patent. Das Original-Gerät befindet sich heute im Edison-Museum in West Orange/New Jersey.

Edison Phonograph
Edison Phonograph

Edison, für den der Phonograph eher eine zufällige Nebenbeierfindung war, kümmerte sich die nächsten zehn Jahre nicht mehr um dessen Weiterentwicklung. Er beschäftigte sich erst einmal mit der Entwicklung und Vermarktung der elektrischen Glühbirne. Das forderte andere Erfinder geradezu heraus, sich mit der Weiterentwicklung der »Sprechmaschine« zu beschäftigen. Der Chemiker Chichester Bell (1848 – 1924), ein Cousin des Telefonerfinders Alexander Graham Bell, und der Physiker Charles Sumner Tainter (1854 – 1940), kamen im März 1881 auf die Idee, anstatt einer Walze eine runde, rotierende Platte zu verwenden. Da es ihnen jedoch nicht gelang, ein funktionsfähiges Abspielgerät zu entwickeln, wandten sie sich wieder Edisons Phonographen zu. 1885/1886 entwickelten Bell und Tainter eine schwingende Nadel, die bei der Wiedergabe weniger Kratzen verursachte; außerdem benutzten sie anstatt der Zinnfolien gewachste Kartonrollen, wie sie heute noch als Kern von Toilettenpapier-Rollen verwendet werden. Das neue Gerät nannten sie »Graphophone«.

Der endgültige Durchbruch kam jedoch von dem aus Hannover stammenden Erfinder Emil Berliner (1851 – 1929). Berliner war nach einer Druckerlehre 1870 nach Amerika gegangen, wo er eine Zeit lang im Laden eines Familienfreundes gearbeitet hatte. Später schlug er sich mit zahlreichen anderen Gelegenheitsjobs durch. Eigentlich hätte er nach seiner Rückkehr das elterliche Textilgeschäft übernehmen sollen. Doch daraus wurde nichts. Nachdem ihm durch Zufall ein Physiklehrbuch in die Hände gefallen war, begann er zu experimentieren. Vor allem das Telefon hatte es ihm angetan. Amerika war damals durch die Eisenbahn bereits vollständig erschlossen und mit einem Netz von Telegrafenleitungen überzogen. Die Telegrafie war jedoch umständlich und zeitraubend. Und so machten sich bald eine ganze Reihe von Tüftlern ans Werk, etwas besseres zu entwickeln. Das Telefon hatte der deutsche Lehrer Johann Philipp Reis bereits 1861 erfunden. Sein Gerät war jedoch noch so unvollkommen, dass niemand Notiz davon nahm. Der Durchbruch gelang erst 1875/1876 Alexander Graham Bell und Elisha Gray. Berliner entwickelte ein Mikrofon für das Telefon, auf das er Juni 1877 ein Patent erteilt bekam. Bell war so begeistert von Berliners Kohlemikrofon, dass er ihm finanzielle Mittel für die Patentauswertung und einen Job in seiner Bell Telephone Company anbot. Berliner arbeitet nun einige Jahre an der Weiterentwicklung des Telefons. 1881 gründete er mit seinen Brüdern Jacob und Joseph in seiner Heimatstadt eine der ersten deutschen Telefonfabriken, deren Leitung bald Joseph übernahm. Emile Berliner ging 1883 nach Amerika zurück und richtete sich in Washington ein Laboratorium ein.

Grammophon
Grammophon

1887 entwickelte Emile Berliner ein Schallaufzeichnungsgerät, das im Prinzip genauso wie Edisons Gerät arbeitete. Anstatt auf zylindrische Walzen gravierte die Nadel die mechanischen Schwingungen jedoch in eine mit Ruß überzogene Glasscheibe ein. Nach der chemischen Aushärtung des Rußes konnte ein Zink-Positiv und von diesem ein Negativ angefertigt werden, das als Stempel zur Pressung der Platten diente. Am 4. Mai 1887 bekam er auf diese Erfindung vom US-Patentamt ein Patent erteilt. Das war die Geburtsstunde der Schallplatte. Am 12. November 1887 stellte er seine Erfindung in der Zeitschrift Electrical World der Öffentlichkeit vor. Bald darauf benutzte er anstatt Glas eine Zinkplatte, die mit einer Schicht aus Bienenwachs überzogen war. Die von der Nadel in den Wachs gezogene Schallrille wurde dann mittels Chromsäure in die Zinkplatte geätzt. Diese Metallplatte diente zur Herstellung der Pressmatrizen. Am 16. Mai 1888 präsentierte Berliner das erstes funktionsfähiges Abspielgerät, das er Gram-O-Phone bzw. Gramophone (Grammophon) nannte. Das Wort entstand in Anlehnung an das Phonogram (engl. Lautzeichen, Telefontelegramm).

Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt noch kein brauchbares Material für die Platten gefunden. Zunächst probierte er Zelluloid, ein aus Dinitrozellulose und Kampfer hergestellten durchsichtigen, elastischen und verformbaren Kunststoff, der zur Herstellung von Dosen, Spielzeug, Kämmen, Schmuck, Sicherheitsglas und als Trägermaterial für Rollfilme eingesetzt wurde. Zelluloid erwies sich jedoch als ungeeignet. Im Juli 1889 entschied er sich schließlich für vulkanisiertes Hartgummi. Im April 1889 gründete er zur Verwertung seiner Patente die American Gramophone Company, die jedoch schon kurze Zeit später Pleite ging. Im Juli 1890 begann die Serienproduktion der Grammophone bei der Puppenfabrik Kämmer & Reinhardt in Waltershausen (Thüringen); die Platten selbst wurden von der Rheinischen Gummi- und Celluloidfabrik in Mannheim gefertigt. Aufgrund der extrem schlechten Klangqualität, ließ Berliner die Produktion jedoch bereits 1891 wieder einstellen.

Columbia Graphophone
Columbia Graphophone

Im April 1893 unternahm er zusammen mit den Brüdern Fred und Will Gaisberg, die zuvor bei der Columbia Phonograph Company tätig gewesen waren, einen neuen Versuch. In Washington gründeten sie die United States Gramophone Company. Aber auch diese Firma kam nicht richtig in Gang. Die Grammophone verkauften sich nicht sonderlich gut, einerseits weil die Platten nur eine Spieldauer von einer Minute hatten (die Phonographen-Walzen liefen bereits zwei Minuten), andererseits da sie noch mit einer Kurbel angetrieben werden mussten. Und mit einer Handkurbel eine gleichmäßige Umdrehungsgeschwindigkeit zu erzielen, war ein ziemlich schwieriges Unterfangen. Die Phonographen liefen dagegen bereits automatisch, entweder mit Federwerken oder Elektromotoren. Zudem stellte sich bald heraus, dass sich die Hartgummiplatten verzogen und schnell abnutzten. Im Oktober 1895 fand Berliner ein neues Material, eine Mischung aus Schellack (eine harzige Abscheidung, die Schildläuse auf Zweigen verschiedener Bäume in Indien hinterlassen), Ruß, Graphit, Fasern und Gesteinsmehl. Die Bell Telephone Company hatte Schellack bereits für die Herstellung von Telefongehäusen eingesetzt. Das neue Material war unter hohem Druck und Hitze leicht formbar und wurde nach dem Abkühlen steinhart. Die ersten Tests verliefen vielversprechend, die Schellackplatten klangen wesentlich klarer und deutlicher als die Hartgummiplatten. Aber erst als der Nähmaschinenmechaniker Eldridge Reeves Johnson (1867 – 1945) im Frühjahr 1896 schließlich auch für die Grammophone ein funktionsfähiges Federwerk entwickelt hatte, ging es mit dem Grammophon aufwärts. Johnsons kleine Werkstatt in Camden/New Jersey, die 1894 eröffnet worden war, übernahm fortan nicht nur den Einbau der Uhrwerke, sondern die gesamte Grammophon-Produktion.

Im Oktober 1895 konnte Berliner endlich mehrere Investoren davon überzeugen, sich an der Gründung der neuen Berliner Gramophone Company zu beteiligen: die beiden Kaufleute Thomas Latta und William Armstrong, den Stahlfabrikanten Thomas Parvin, Max Bierbaum und den Textilunternehmer Joseph Goldsmith. Die Firma hatte ihren Sitz in Philadelphia. Verkauft wurden die Geräte von der National Gramophone Company, einem 1896 von dem Werbefachmann Frank Seaman gegründeten Unternehmen. Seaman hatte sich zuvor die Grammophon-Vertriebsrechte in den USA für die nächsten 15 Jahre gesichert. Damit gab es nun vier Firmen, die an Berliners Erfindung beteiligt waren: die United States Gramophone Company (Inhaber der Patente), die Berliner Gramophone Company (Produktion der Schallplatten), Johnsons Werkstatt (Produktion der Grammophone) und die National Gramophone Company (Vermarktung, Verkauf).

Nun konnte Berliner daran gehen, auch den europäischen Markt zu erobern. Hier wurden bisher hauptsächlich Edisons Phonographen und die Columbia Graphophone verkauft. 1897 schickte er William Barry Owen, den Direktor der National Gramophone Company, nach London, der mit dem Londoner Anwalt Trevor Lloyd Williams The Gramophone Co. Ltd. gründete. Als Firmensitz diente zunächst das Hotel Cecil in London. 1898 wurde das Unternehmen offziell registriert und das provisorische Hotel-Büro in die Maiden Lane verlegt. Fred Gaisberg wurde Aufnahmeleiter der neuen Firma. Joseph Sanders, ein Neffe Emile Berliners, und seine beiden Brüder Joseph und Jacob, die in Hannover noch immer die Berliner Telefonfabrik betrieben, riefen im Dezember 1898 in Hannover eine weitere Tochtergesellschaft, die Deutsche Grammophon Gesellschaft, ins Leben. Im Januar 1900 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgwandelt; 60 Prozent der Anteile befanden sich im Besitz der The Gramophone Co. Ltd.

ZONOPHONE: Bald kam es jedoch unter den Geschäftspartnern zu Streitigkeiten. Frank Seaman, der mit seinen cleveren Werbekampagnen maßgeblich zum weltweiten Erfolg der Grammophone beigetragen hatte, begann eigene Geräte zu bauen, die allerdings nur Grammophon-Nachbauten von schlechterer Qualität waren. Er gründete die Universal Talking Machine Company und produzierte seine Geräte, die er Zonophone (Zon-O-Phone) nannte, nun auf eigene Rechnung. Das führte zu einer ganzen Reihe von komplizierten Prozessen, an denen Seaman, Berliner, Johnson und auch die Columbia Phonograph Company, der Hersteller der Edison Phonographen und der Bell/Tainter-Graphophone beteiligt waren. Berliner verlor die Prozesse, vor allem weil er Bell/Tainters schwingende Graphophone-Nadel bei seinen Grammophonen verwendet und damit deren Patentrechte verletzt hatte. Ab Juni 1900 durfte er seine Grammophone nicht mehr in den USA verkaufen. Emile Berliner ging daraufhin nach Montréal (Kanada), wo er bereits 1899 eine Niederlassung gegründet hatte. Außerdem kümmerte er sich um den weiteren Aufbau der europäischen Tochtergesellschaften.

VICTOR: Als sich Emile Berliner aus den USA zurückziehen musste, verlor Johnson seinen größten Auftraggeber. Notgedrungen gründete er in Camden die Consolidated Talking Machine Company und baute eigene Grammophone. Seaman verklagte auch Johnson, diesmal verlor er den Prozess jedoch. Er konnte lediglich erreichen, dass Johnson die Marke Gram-O-Phone nicht mehr benutzten durfte. Ab Dezember 1900 verwendete er daher den Markennamen Victor – als Zeichen seines Sieges über Seaman. Im Oktober 1901 benannte er das Unternehmen schließlich in Victor Talking Machine Company um; an dem neuen Unternehmen war Johnson mit 60 Prozent und Berliner mit 40 Prozent beteiligt. Der International Zonophone Company, die Frederick Marion Prescott im März 1901 im Auftrag von Seaman in New York und Berlin gegründet hatte, war dagegen kein langes Leben beschieden. Bereits 1903 wurde die Firma von der britischen The Gramophone Co. Ltd. und der Deutschen Grammophon Gesellschaft aufgekauft, den amerikanischen Teil, also die Universal Talking Machine Company, übernahm Victor.

Odeon
Odeon

ODEON: Frederick Marion Prescott, der zuvor im Auftrag der Universal Talking Machine Company (Zon-O-Phone) die International Zonophone Company (New York, Berlin) aufgebaut hatte, gründete 1904 die International Talking Machine Co. mbH Odeon-Werke Berlin. Odeon (griech. Odeion = überdachtes Theater, Konzerthaus; lat. Odeon – benannt nach dem Théâtre de l'Odéon in Paris) machte in Europa vor allem mit der doppelseitig bespielten Schallplatte auf sich aufmerksam, die Zon-O-Phone bereits 1902 in Brasilien erstmals auf den Markt gebracht hatte. 1911 wurden die Odeon Werke von der Carl Lindström AG Berlin (Parlophon) übernommen und zum Hauptlabel des Konzerns ausgebaut.

LINDSTRÖM, PARLOPHON, OKEH: Der schwedische Mechaniker Carl Elof Lindström (1869 – 1932) kam 1892 nach Berlin und eröffnete dort 1896 eine kleine Werkstatt, wo er Walzen-Phonographen und bald auch Platten-Sprechmaschinen (Grammophone) herstellte. Die Geräte wurden unter den Namen Lyra und Lynophon verkauft. 1904 entstand aus dem Zusammenschluss von Lindströms Werkstatt und der Salon Kinematograph Company, die 1902 von Max Strauss und Heinrich Zunz gegründet worden war, die Carl Lindström AG. Die Salon Kinematograph Company hatte zuvor schon Lindströms Geräte unter dem Namen Parlophon verkauft. 1910 übernahm Lindström die Beka Record GmbH Berlin, 1911 die International Talking Machine Co. mbH Odeon-Werke Berlin, die Societa Italiana di Fonotipia Milano und die Fonotipia Co., Ltd. London (Jumbo, Jumbola) sowie 1913 die Grünbaum & Thomas AG (Dacapo, Favorite, Lyrophon). Der Lindström-Konzern war neben The Gramophone Company Ltd. (London) und der Victor Talking Machine Company (Camden) die damals größte Plattenfirma der Welt. Das Unternehmen besaß u.a. Niederlassungen in Ägypten, Arabien (Saudi-Arabien), Argentinien, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Russland und Singapur.

1923 entstand unter Leitung von Oscar Preuss eine Niederlassung in London (The Parlophone Co. Ltd.), die vor allem Jazz- und Blues-Platten des US-Schwesterlabels Okeh nach Großbritannien importierte. Das Label Okeh und die dazugehörige General Phonograph Corporation waren 1918/1919 von dem Lindström-Investor Otto K. E. Heinmann (O.K.E.H.) in den USA ins Leben gerufen worden. 1926 wurde die Carl Lindström AG von der britischen Columbia Graphophone Co. Ltd., einer früheren Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Columbia Phonograph Company, übernommen. Was blieb, waren die Namen Odeon und Parlophon – nun in der englischen Schreibweise Parlophone – sowie das 1907 erstmals verwendete stilisierte Lindström-»L«, das noch heute das Parlophone-Firmenzeichen ziert. Aus Deutschland verschwand das Label vollständig. In Großbritannien fristete Parlophone jahrzehntelang ein Dasein als Spoken-Word- und Comedy-Label; die Platten der Gramophone Company wurden dort hautsächlich unter den Labels His Master's Voice (HMV) und Columbia veröffentlicht. Erst als George Martin, seit 1955 A&R-Manager von Parlophone, die Beatles 1962 unter Vertrag nahm, ging es wieder aufwärts.

Parlophone
Parlophone

HIS MASTER'S VOICE (HMV): 1900 erschien erstmals das berühmte Foxterrier-Logo als Markenzeichen auf den Grammophonen. Gemalt hatte es der französische Maler Francis Barraud (1856 – 1924) zwei Jahre zuvor. Die Idee dazu war ihm durch den Hund seines verstorbenen Bruders, ein Foxterrier namens Nipper, gekommen, der sich ständig vor den Trichter seines Phonographen legte, um den knisternden Klängen zu lauschen. Nachdem mehrere Phonographen-Hersteller das Bild mit dem Titel »His Master's Voice« (engl. »Seines Herren Stimme«) nicht haben wollten, fand er schließlich im Oktober 1899 in der Londoner Gramophone Company einen Käufer. Barraud erhielt hundert Pfund, damals ein recht hoher Betrag. Allerdings musste der Phonograph in ein moderneres Grammophon umgemalt werden und auch der Sarg, auf dem das Gerät ursprünglich stand, verschwand verständlicherweise. Ab 1909 erschien das Markenzeichen auch auf den Schallplatten der Gramophone Company und ihrer assozierten Gesellschaften (Deutsche Grammophon Gesellschaft, Victor Talking Machine Company). Zuvor hatte man als Plattenlabel einen Engel verwendet, der auf einer Schallplatte saß und mit einer Feder eine Rille in die Platte ritzte. 1921 entstand unter dem Namen His Master’s Voice das erste Musikkaufhaus in der Londoner Oxford Street.

His Master's Voice
His Master's Voice

William Barry Owen, der Chef der Londoner The Gramophone Co. Ltd., glaubte um die Jahrhunderwende noch nicht ganz an den Siegeszug der Schallplatte und so nahm er 1900 die Produktion von Schreibmaschinen ins Fertigungsprogramm auf (nach einer Lambert-Lizenz), was zur Umbenennung der Firma in The Gramophone & Typewriter Ltd. führte. 1907 kehrte man dann wieder zum ursprünglichen Firmennamen The Gramophone Co. Ltd. zurück. Ein Jahr später eröffnete das Unternehmen in Hayes/Middlessex das erste Presswerk in Großbritannien; 1911 wurde der Firmensitz ganz nach Hayes verlegt. Zu Beginn des 1. Weltkriegs besaß die Gramophone Company bereits Presswerke, Studios und Verkaufsniederlassungen in Ägypten, Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Italien, Niederlande, Österreich-Ungarn, Polen, Schweden, Spanien und Russland.

Zu dieser Zeit wurde auf dem Label His Master's Voice vor allem Klassikmusik veröffentlicht. Die Stars jener Tagen hießen Enrico Caruso, Edward Lloyd, Nellie Melba, Fjodor Schaljapin oder Leo Slezak, alles Opernsänger, die durch ihre Aufnahmen nicht nur der Schallplatte zum Erfolg verhalfen, sondern auch sich selbst. Fred Gaisberg, Aufnahmeleiter und Artists & Repertoire-Manager in Personalunion, reiste mit seinem Aufnahme-Equipment, das in fünf Kisten verstaut war, durch ganz Europa, und nahm alles Hörenswerte auf, was er finden konnte. 1903 veröffentlichte HMV die erste komplette Oper (Verdi's »Ernani«) auf vierzig einseitig bespielten Schallplatten. Oft sprachen auch Schriftsteller – meist widerwillig wie Leo Tolstoi – Teile ihrer Werke auf Platte. Da es damals noch keinen Rundfunk und kein Fernsehen gab, bat Graf Zeppelin das deutsche Volk 1903 per Schallplatte um ein Spende zur Unterstützung seiner »Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt«, die auch promp erhört wurde. Bis 1908 kamen 6,25 Millionen Reichsmark zusammen.

ELECTROLA: Während des 1. Weltkriegs beschlagnahmte die deutsche Regierung die Deutsche Grammophon Gesellschaft als englisches »Feindvermögen« und verkaufte das Unternehmen 1917 an die Polyphon Musikwerke AG (Polydor), einen Hersteller von Spieldosen und Musikautomaten, die sich 1932 ganz in Deutsche Grammophon Gesellschaft umbenannte. Da sich die Namens- und Markenrechte außerhalb Deutschlands weiterhin im Besitz der Gramophone Company befanden, konnte die Deutsche Grammophon Gesellschaft den Namen Deutsche Grammophon und das HMV-Logo nach dem Ende des 1. Weltkriegs im Ausland nicht mehr verwenden, daher benutzte man ab 1924 die alte Polyphon-Marke Polydor. 1925 gründete die The Gramophone Co.Ltd. in Nowawes bei Potsdam eine neue deutsche Tochtergesellschaft, die Electrola GmbH. Den Namen Electrola lieh man sich bei der Victor Talking Machine Company (den Namen Electrola verwendete Victor für die damals neuen elektrischen Plattenspieler). 1932 wurde der Electrola-Firmensitz nach Berlin verlegt und nach dem Ende des 2. Weltkriegs nach Köln. 1952 legte EMI die Odeon Carl Lindström GmbH und die Electrola GmbH (eine seit 1925 bestehende Tochtergesellschaft der Gramophone Co. Ltd.) in Köln zusammen und man verwendete nur noch die Labels Odeon und Electrola.

Electrola
Electrola

RCA-VICTOR: 1920 verkaufte Emile Berliner seine Anteile an der britischen Gramophone Company an die Victor Talking Machine Company, 1924 auch die Berliner Gramophone Company of Canada. Emile Berliner hatte sich damals bereits lange aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen und sich wieder ganz seinem Erfinderdasein gewidmet. Gemeinsam mit seinem Sohn war er an der Entwicklung von Flugzeugmotoren und den ersten flugfähigen Hubschraubern (1919) beteiligt. Außerdem gründete er die erste kommerzielle Rundfunkstation Montréals.

Eldridge Johnson veräußerte die Victor Talking Machine Company 1927 an die Investmentgesellschaft J&W. Seligman & Company, die sie 1929 an die Radio Corporation of America (RCA) weiterreichte. RCA kam damit nicht nur in Besitz der größten US-Plattenfirma (Victor Talking Machine Company) und der größten europäischen (The Gramophone Co. Ltd.), sondern konnte nun auch das Markenzeichen HMV verwenden.

ELECTRIC AND MUSICAL INDUSTRIES (GRAMOPHONE, COLUMBIA): Im April 1931 schloss RCA-Victor The Gramophone Co. Ltd. (Hayes/Middlessex; Label: His Master's Voice, Electrola, Zonophone) mit der Columbia Graphophone Co. Ltd. (London; Labels: Columbia, Lindström, Odeon, Parlophone, Pathé), einer englischen Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Columbia Phonograph Company, zur Electric and Musical Industries Ltd. (EMI) zusammen. Hauptanteilseigner des neuen Konzerns waren RCA-Victor und Louis Sterling, der beide Columbia-Gesellschaften einige Jahre zuvor erworben hatte. Anfang der 1920er Jahre war die Columbia Phonograph Company, die zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Tochtergesellschaften und Niederlassungen überall auf der Welt besaß (seit 1897 in Paris, seit 1900 in London), aufgrund undurchsichtiger Börsengeschäfte in finanzielle Schwierigkeiten geraten, die 1923 zum Bankrott führten. Zur gleichen Zeit erwarb Louis Sterling, der europäische Generalmanager der Columbia, die englische Columbia und 1925 auch die amerikanische. Nach der Fusion verkaufte EMI die amerikanische Columbia aus kartellrechtlichen Gründen an den Radiogeräte- und Kühlschrankhersteller Grigsby-Grunow. RCA-Victor verkaufte die EMI-Anteile 1935, behielt aber die nordamerikanischen Rechte am HMV-Logo. 1931 eröffnete EMI auch das Abbey-Road-Studio in London.

Columbia Graphophone
Columbia Graphophone

REGAL ZONOPHONE: Nach dem Zusammenschluss von The Gramophone Co. Ltd. und Columbia Graphophone Co. Ltd. zum EMI-Konzern (1931) wurde das Label Zonophone mit dem Columbia-Label Regal (gegr. 1913) vereinigt. Auf Regal-Zonophone wurden zunächst US-Platten der Label Okeh, RCA-Victor und CBS/Columbia in Großbritannien veröffentlicht. In Australien war das Label in den 1950er Jahren sehr erfolgreich mit Country-Musik (Slim Dusty, Smoky Dawson, Reg Lindsay, Chad Morgan). In Großbritannien veröffentlichte Regal-Zonophone zu dieser Zeit Blasmusik-Aufnahmen der Heilsarme (Salvation Army). Von 1967 bis 1975 verwendete EMI Regal-Zonophone als Pop- und Rock-Label (T.Rex/Tyrannosaurus Rex, Procol Harum, The Move, Joe Cocker).

CAPITOL RECORDS: 1952 kehrte EMI mit den Labels EMI Records und Angel Records (Klassik) auf den US-Markt zurück. Drei Jahre später kauften die Briten Capitol Records aus Los Angeles, eine der vier großen US-Plattenfirmen (Capitol, CBS/Columbia, Decca Records, RCA-Victor). 1957 wurden Capitol und Angel Records zusammengeschlossen.

TOSHIBA-EMI: 1961 beteiligte sich EMI an Toshiba Musical Industries (ab 1973 Toshiba-EMI), einer Tochter des japanischen Elektrokonzerns Toshiba. Das Unternehmen importierte die EMI-Platten nach Japan. Daneben nahm Toshiba auch nationale Künstler unter Vertrag.

BEATLES: Der große Wurf gelang EMI 1962, als George Martin, der A&R-Manager von Parlophone, die damals noch recht unbekannten Beatles unter Vertrag nahm, die zuvor bei Decca mit der Begründung »Gitarrengruppen sind nicht mehr in Mode« abgeblitzt waren. Die Liverpooler Pop-Gruppe erwies sich bald als wahre Geldmaschine, die eine Rekordmarke nach der anderen setzte. Bei Decca raufte man sich die Haare und engagierte die wilden Rolling Stones als Gegenpart zu den »sauberen« Beatles – und EMI wurde für lange Zeit zum größten Schallplattenkonzern der Welt, obwohl nur etwa die Hälfte des Umsatzes aus dem Musikbereich stammte. EMI nahm später auch Interpreten und Bands wie Kate Bush, Kim Carnes, Cockney Rebel, Duran Duran, Easybeats, Harpo, The Hollies, Iron Maiden, Kraftwerk, Little River Band, Marillion, Pet Shop Boys, Pink Floyd, Queen, Cliff Richard, The Shadows, Steve Harley, Tom Jones, Roxette, Sheena Easton und Whitesnake unter Vertrag.

MARCONI-EMI, EMI VARIAN: Ansonsten produzierte das Unternehmen Radio- und Fernsehgeräte (Marconi-EMI Television, Ferguson), TV-Technik, Bildröhren, Elektronen-Röhren, Radaranlagen, Studiotechnik, Medizintechnik (CAT-Scanner/Computer-Tomographen) und elektronische Waffensysteme (EMI Varian). Von 1931 bis 1935 entwickelte ein EMI-Forschungsgruppe ein vollelektronisches Fernsehsystem, das ab 1936 bei der BBC zur Anwendung kam. 1955 brachte EMI die ersten elektronischen Bildabtaster (Scanner) mit integriertem Computer auf den Markt. Der Elektro-Ingenieur Godfrey Newbold Hounsfield (1919 – 2004), der seit 1951 bei EMI angestellt war, und zunächst an der Entwicklung von Radargeräten, Lenkwaffen und dem ersten vollständig aus Transistoren bestehenden britischen Computer EMIDEC 1100 beteiligt gewesen war, entwickelte Ende der 1960er Jahre den ersten Computer-Tomographen; 1979 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin.

EMI FILMS: Durch die Übernahme der bankrotten Associated British Corporation (ABC Cinemas, Associated British Film Distributors, Elstree Studios, Thames Television) stieg EMI 1968 auch ins Film- und Fernsehgeschäft ein. ABC Television produzierte von 1961 bis 1969 die berühmte britische TV-Serie »The Avengers« (»Mit Schirm, Charme und Melone«). Dieser Geschäftsbereich, der ab 1976, nach der Übernahme von British Lion Films, als EMI Films Limited firmierte, war an der Finanzierung, der Produktion und dem Verleih von Filmen wie »Mord im Orient Express« (1974), »Nickelodeon« (1976), Driver (1978), »Convoy« (1978), »Die durch die Hölle gehen« (1978), »Tod auf dem Nil« (1978), »Chariots Of Fire« (1981), »Gandhi« (1981), »Local Hero« (1982) und »Highlander« (1986) beteiligt.

HMV, EMI CLASSICS, HARVEST: 1968 wurde HMV in ein reines Klassiklabel umgewandelt (später nur noch EMI Classics). Nachdem Decca mit Deram (1966) und Philips/Phonogram mit Vertigo (1969) zwei Sub-Labels für die Vermarktung progressiver Rockmusik etabliert hatten, rief EMI 1969 Harvest Records ins Leben, ein Label auf dem Avantgarde-Bands wie Barclay James Harvest, Deep Purple, ELO, Move, Pink Floyd, Eloy oder Soft Machine ihre Platten veröffentlichten.

EMI, EMI RECORDS: 1971 benannte sich das Unternehmen offiziell in EMI Limited. um. Das Kürzel EMI war allerdings schon vorher als Marke für die unterschiedlichsten Produkte und als Firmenname für verschiedene Konzerngesellschaften verwendet worden. 1973 bekam die für den Musikbereich zuständige Tochtergesellschaft The Gramophone Co. Ltd. den Namen EMI Records Limited. Damit verschwand der Name Gramophone endgültig.

EMI MUSIC PUBLISHING: Nachdem EMI in den vergangenen Jahren bereits mehrere Musikverlage übernommen hatte (1969 Keith Prowse Music, Central Songs, 1972 Affiliated Music), gründete der Konzern 1973 den Verlag EMI Music Publishing. Durch weitere Übernahmen wie Screen Gems-Colgems Music (1976), Robert Mellin Music (1981), Sydney Bron Music (1985) Lawrence Wright (1987), SBK Music, die frühere CBS Music Publishing Division (1989), Jobete Music, der Motown Musikverlag (1997) und Hit & Run Music (1999) entstand der heute größte Musikverlag der Welt, mir über eine Million Songs.

THORN-EMI: 1979 wurde EMI von Thorn Electrical Industries übernommen, einem 1928 von dem Österreicher Jules Thorn in London gegründeten Unternehmen, das Radio- und Fernsehgeräte sowie Haushaltsgeräte herstellte und mehrere Elektronik-Handelsketten betrieb. Im gleichen Jahr erwarb EMI die United Artists Record Group (Aladdin, Dolton, Imperial, Minit, Liberty, Sunset). Weitere wesentliche Akquisitionen waren 1983 der RAK-Records-Katalog (Hot Chocolate, Kenny, Kim Wilde, Mud, New World, Racey, Smokie, Suzi Quatro, Sweet), 1989/1991 Chrysalis Records, 1991 SBK Records, 1992 Virgin Records, 1994 Intercord und 2002 Mute Records.

COLUMBIA VERKAUF AN SONY: 1989 verkaufte EMI die weltweiten Rechte an dem Markennamen Columbia (für den Musikbereich) an die japanische Sony Corporation, die kurz zuvor die CBS Recording Group (CBS Records, Columbia, Epic) erworben hatte. Lediglich in Japan gehören die Columbia-Markenrechte noch immer einer früheren Columbia-Tochtergesellschaft (Columbia Music Entertainment). Das Plattenlabel Columbia war ab 1973 nach und nach durch die Marke EMI Records ersetzt worden.

EMI GROUP, HMV GROUP: Nachdem ab Mitte der 1980er Jahre viele Bereiche verkauft worden waren (1986 Filmproduktion, Studios, Kinos; 1987 Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte; 1993 Glühlampenproduktion, TV; 1995 Elektronik), teilte sich Thorn-EMI 1996 schließlich wieder in die beiden selbstständigen Unternehmen Thorn (Einzelhandel) und EMI Group (Musik) auf. Die HMV-Group, die mit ihren Musikkaufhäusern und Buchhandelsketten seit Mitte der 1980er Jahre auch außerhalb Großbritanniens präsent war (1986 Irland, 1988 Kanada, 1989 Australien, 1990 Japan, USA, 1994 Hongkong, 1996 Deutschland, 1997 Singapur), wurde 1998 aus dem Konzern ausgegliedert. Aus einigen Ländern hat sich das Unternehmen inzwischen wieder zurückgezogen (2004 USA, 2005 Australien, 2007 Japan). Anfang 2013 musste die HMV Group Insolvenz anmelden. Kurz darauf wurde die Privaty-Equity-Firma Hilco UK neuer HMV-Eigentümer; die Läden in Hongkong und Singapur übernahm AID Partners Capital (Hongkong), ebenfalls ein Privaty-Equity-Unternehmen.

VERKAUF AN UNIVERSAL MUSIC UND SONY MUSIC: Von 2007 bis 2011 gehörte die EMI Group zur Private-Equity-Firma Terra Firma Capital Partners, die das Unternehmen von der Londoner Börse nahm. Die Übernahme finanzierte Terra Firma mit einem Milliardenkredit der Citigroup, der wiederum EMI aufgebürdet wurde. Die Schulden, die der Musikkonzern dadurch anhäufte, überstiegen zeitweise das Betriebsvermögen um mehrere Millionen Pfund. Schließlich erließ die Citigroup dem Unternehmen Anfang 2011 zwei Drittel der Verbindlichkeiten, wodurch die US-Bank Eigentümer der EMI Group wurde. 2011/2012 verkaufte die Citigroup die EMI Group in zwei Teilen: die Plattenfirma mit Labels wie EMI Records, Capitol Records, Virgin Records, Chrysalis Records und Parlophone ging an Universal Music und der Musikverlag EMI an Sony Music. 2013 wurden EMI Records, Virgin Records und Mercury Records UK zusammengeschlossen (Virgin-EMI Records). Zur gleichen Zeit musste Universal Music die Labels Parlophone, Chrysalis und Regal-Zonophone aus kartellrechtlichen Gründen an die Warner Music Group (Asylum, Atlantic, Elektra, Reprise, Warner Bros. Records, WEA) abgeben.

HMV: 2013 öffnete HMV sein neues Flagschiff-Kaufhaus in der 363 Oxford Street, genau an der gleichen Stelle, wo sich von 1921 bis 2000 das erste HMV-Geschäft befunden hatte. Das lange Zeit größte Musikkaufhaus der Welt in der 150 Oxford Street (eröffnet 1986 von Sir Bob Geldof) wurde 2014 geschlossen. Das Markenzeichen His Master's Voice wird außer von HMV auch noch von RCA (in Nordamerika) und JVC (in Japan) für unterschiedliche Produkte (Unterhaltungselektronik, Tonträger) verwendet.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 13.11.2019 | 22:57