Tory Tordal: Taro Yagur – Kampf um Tanybur

Markenlexikon

EMI Records / EMI Films

Ursprungsland: Großbritannien

Der amerikanische Erfinder Thomas Edison entwickelte 1877 einen Apparat, der die menschliche Stimme und auch Musik aufzeichnen und wiedergeben konnte. Da der Phonograph (griech. Ton-Schreiber) eher eine Zufallserfindung war, kümmerte sich Edison die nächsten zehn Jahre nicht mehr um dessen Weiterentwicklung, sondern widmete sich der elektrischen Glühbirne. Das forderte andere Erfinder geradezu heraus, die noch rudimentäre Sprechmaschine zu verbessern und daraus ein Millionengeschäft zu machen.

Der endgültige Durchbruch kam von dem aus Hannover stammenden Drucker, Unternehmer und Erfinder Emil Berliner (1851 – 1929), der seit 1870 in den USA lebte. 1887 entwickelten Berliner ein Schallaufzeichnungsgerät, das im Prinzip genauso wie Edisons Gerät arbeitete: das Gram-O-Phone bzw. Gramophone (Grammophon). Dieser Name entstand in Anlehnung an das Phonogramm (engl. Lautzeichen, Telefontelegramm). Anstatt zylindrische Walzen als Tonträger verwendete Berliner Platten aus Schellack, Ruß, Grafit, Fasern und Gesteinsmehl, die die Tonsignale in Form einer von außen nach innen spiralförmig verlaufenden gewundenen Rille trugen.

Zur Auswertung seiner Patente gründete Berliner ab 1889 zusammen mit finanzkräftigen Investoren mehrere Unternehmen in Washington und Philadelphia. Inhaber der Patente war die United States Gramophone Company, die Schallplatten kamen von der Berliner Gramophone Company, mit der Produktion der Geräte wurde der Nähmaschinen-Mechaniker Eldridge Reeves Johnson (1867 – 1945) aus Camden/New Jersey beauftragt, der ein Federwerk für die Grammophone entwickelt hatte, und der Werbefachmann Frank Seaman vermarktete und verkaufte die Geräte mit seiner National Gramophone Company. Kurz vor der Jahrhundertwende entstanden zwei Tochtergesellschaften in Europa: The Gramophone Co. Ltd. in London (1897) und die Deutsche Grammophon Gesellschaft in Hannover (1898).

Gramophone
Gramophone

Bald kam es jedoch unter den Geschäftspartnern zu Streitigkeiten. Frank Seaman, der mit seinen Werbekampagnen maßgeblich zum weltweiten Erfolg der Grammophone beigetragen hatte, begann mit einer neuen Firma, der Universal Talking Machine Company, eigene Geräte zu bauen, die er Zon-O-Phone (Zonophone) nannte. Das führte zu einer ganzen Reihe von komplizierten Prozessen, an denen Berliner, Johnson, Seaman und die Columbia Phonograph Company, der Hersteller der Edison-Phonographen und der Bell-/Tainter-Graphophone, beteiligt waren. Berliner verlor die Prozesse, vor allem weil er die schwingende Graphophone-Nadel bei seinen Grammophonen verwendet und damit deren Patentrechte verletzt hatte. Ab 1900 durfte er seine Grammophone nicht mehr in den USA verkaufen. Emile Berliner ging daraufhin nach Montréal (Kanada), wo er bereits 1899 eine Niederlassung gegründet hatte. Außerdem kümmerte er sich um den weiteren Aufbau der europäischen Tochtergesellschaften.

Als sich Emile Berliner aus den USA zurückziehen musste, verlor Johnson seinen größten Auftraggeber. Notgedrungen gründete er die Consolidated Talking Machine Company und baute eigene Geräte. Seaman verklagte auch Johnson, diesmal verlor er den Prozess jedoch. Er konnte lediglich erreichen, dass Johnson die Marke Gram-O-Phone nicht mehr benutzen durfte. Daher verwendete er den Markennamen Victor – als Zeichen seines Sieges über Seaman. Das Unternehmen wurde daraufhin in Victor Talking Machine Company umbenannt; an dem neuen Unternehmen war Emile Berliner beteiligt. Seamans Firmen war dagegen kein langes Leben mehr beschieden: Victor übernahm die Universal Talking Machine Company, die International Zonophone Company ging an The Gramophone Co. Ltd. und die Deutsche Grammophon Gesellschaft.

Im Jahr 1900 erschien erstmals das berühmte Foxterrier-Logo als Markenzeichen auf den Grammophonen. Gemalt hatte es der französische Maler Francis Barraud (1856 – 1924) zwei Jahre zuvor. Die Idee dazu war ihm durch den Hund seines verstorbenen Bruders Mark (1848 – 1887), einen Foxterrier namens Nipper, gekommen, der sich immer wieder vor den Schalltrichter seines Edison-Bell-Walzenphonographen legte, um den knisternden Klängen zu lauschen. Nachdem mehrere Phonographen-Hersteller das Bild mit dem Titel »His Master's Voice« (engl. »Seines Herren Stimme«) nicht haben wollten, fand er schließlich in The Gramophone Co. Ltd. einen Käufer. Barraud erhielt einhundert Pfund – damals ein recht hoher Betrag (später auch noch eine jährliche Rente in Höhe von 250 Pfund). Allerdings musste der Phonograph in ein modernes Grammophon umgemalt werden und auch der Sarg, auf dem das Gerät ursprünglich stand, verschwand verständlicherweise. Ab 1909 erschien das Markenzeichen auch auf den Schallplatten mehrerer Unternehmen (The Gramophone Co. Ltd., Deutsche Grammophon Gesellschaft, Victor Talking Machine Company). 1921 entstand unter dem Namen His Master’s Voice das erste Musikkaufhaus in der Londoner Oxford Street.

1908 eröffnete The Gramophone Co. Ltd. in Hayes/Middlessex das erste Presswerk in Großbritannien; 1911 wurde der Firmensitz ganz nach Hayes verlegt. Zu dieser Zeit veröffentlichte das Label HMV hauptsächlich Klassikmusik. Die Stars jener Tage hießen Enrico Caruso, Edward Lloyd, Nellie Melba, Fjodor Schaljapin oder Leo Slezak – alles Opernsänger, die durch ihre Aufnahmen nicht nur der Schallplatte zum Erfolg verhalfen, sondern auch sich selbst. Fred Gaisberg, Aufnahmeleiter und A&R-Manager in Personalunion, reiste mit seinem Aufnahme-Equipment, das in fünf Kisten verstaut war, durch ganz Europa, und nahm alles Hörenswerte auf, was er finden konnte. Oft sprachen auch Schriftsteller Teile ihrer Werke auf Platte.

Gramophone
Gramophone

Während des Ersten Weltkriegs beschlagnahmte die deutsche Regierung die Deutsche Grammophon Gesellschaft als englisches Feindvermögen und verkaufte das Unternehmen 1917 an die Polyphon Musikwerke (Polydor), einen Hersteller von Spieldosen und Musikautomaten, der sich 1932 ganz in Deutsche Grammophon Gesellschaft umbenannte. 1925 gründete die The Gramophone Co. Ltd. in Nowawes bei Potsdam eine neue deutsche Tochtergesellschaft (Electrola). Den Namen Electrola lieh man sich bei der Victor Talking Machine Company, die ihn für die damals neuen elektrischen Plattenspieler verwendete. 1932 wurde der Electrola-Firmensitz nach Berlin verlegt und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Köln.

1920 verkaufte Emile Berliner seine Anteile an The Gramophone Co. Ltd. an die Victor Talking Machine Company, 1924 auch die Berliner Gramophone Company of Canada. Berliner hatte sich damals bereits lange aus dem aktiven Geschäftsleben zurückgezogen und sich wieder ganz seinem Erfinderdasein gewidmet. Gemeinsam mit seinem Sohn war er an der Entwicklung von Flugmotoren und den ersten flugfähigen Hubschraubern beteiligt. Außerdem gründete er die erste kommerzielle Rundfunkstation Montréals. Eldridge Johnson veräußerte die Victor Talking Machine Company 1927 an eine Investmentgesellschaft, die sie 1929 an die Radio Corporation of America (RCA) weiterreichte. RCA kam damit nicht nur in den Besitz der größten US-Plattenfirma (Victor) und der größten europäischen (Gramophone), sondern konnte nun auch das Markenzeichen HMV verwenden.

1931 schlossen sich The Gramophone Co. Ltd. (Hayes/Middlessex; Labels: Electrola, His Master's Voice, Zonophone) mit der Columbia Graphophone Co. Ltd. (London; Labels: Columbia, Lindström, Odeon, Parlophone, Pathé), einer englischen Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Columbia Phonograph Company, zur Electric and Musical Industries Limited (EMI) zusammen. Hauptanteilseigner des neuen Konzerns waren RCA-Victor und Louis Sterling, der beide Columbia-Gesellschaften (USA, Europa) einige Jahre zuvor erworben hatte. Nach der Fusion verkaufte EMI die amerikanische Columbia aus kartellrechtlichen Gründen (daraus entstand später CBS/Columbia). RCA-Victor verkaufte die EMI-Anteile 1935, behielt aber die nordamerikanischen Rechte am HMV-Logo. 1931 wurde auch das berühmte Abbey-Road-Studio in London eröffnet. Die beiden Gründungsgesellschaften Columbia und Gramophone blieben noch bis Anfang der 1970er Jahre bestehen; erst 1973 gingen sie in dem neuen Unternehmen EMI Records auf.

1936 gründete EMI in Frankreich die Société des Industries Musicales et Électriques Pathé-Marconi, die einerseits auf die Firma Pathé Fréres zurückgeht, die 1918 von der gleichnamigen Filmgesellschaft abgetrennt worden war und seit 1928 zu Columbia Graphophone gehörte, andererseits auf die Marconi's Wireless Telegraph Company, deren Radiogeräte-Produktion Gramophone 1929 übernommen hatte. 1952 kehrte EMI mit den Labels EMI Records und Angel Records (Klassik) auf den US-Markt zurück. Drei Jahre später kaufte EMI mit Capitol Records aus Los Angeles eine der vier großen US-Plattenfirmen (Capitol Records, CBS/Columbia, Decca Records, RCA-Victor). 1957 wurden Capitol und Angel Records zusammengeschlossen. 1961 beteiligte sich EMI an Toshiba Musical Industries, einer Tochter des japanischen Elektrokonzerns Toshiba. Das Unternehmen importierte die EMI-Platten nach Japan.

Der große Wurf gelang EMI 1962, als George Martin, der A&R-Manager von Parlophone, die damals noch recht unbekannten Beatles unter Vertrag nahm, die zuvor bei Decca mit der Begründung »Gitarrengruppen sind nicht mehr in Mode« abgeblitzt waren. Die Liverpooler Pop-Gruppe erwies sich bald als wahre Geldmaschine, die eine Rekordmarke nach der anderen setzte, und EMI wurde für lange Zeit zum größten Musikkonzern der Welt.

Zu den Musikern und Bands, deren Platten bei EMI veröffentlicht wurden, gehörten Alice, The Animals, BAP, Barclay James Harvest, The Beach Boys, The Beatles, Bob Seger, Cliff Richard, David Bowie, Deep Purple, Drafi Deutscher, Duran Duran, ELO, Erste Allgemeine Verunsicherung, Heino, Herbert Grönemeyer, Harpo, Herman's Hermits, The Hollies, Howard Carpendale, Iron Maiden, Joe Cocker, Kate Bush, Katy Perry, Kim Carnes, Kraftwerk, Matthias Reim, Michelle, Paul McCartney, Pet Shop Boys, Pink Floyd, Procol Harum, Pur, Pussycat, Queen, Rex Gildo, Robbie Williams, Roger Whittaker, Roxette, Sheena Easton, Spider Murphy Gang, The Shadows, Steve Harley & Cockney Rebel, The Yardbirds, Tom Jones und Wolfgang Petry. Daneben produzierte das Unternehmen Bildröhren, Großrechenanlagen, Elektronenröhren, Medizintechnik, Radio- und Fernsehgeräte, TV-Technik, Radaranlagen, Studiotechnik und elektronische Waffensysteme.

1968 stieg EMI mit der Übernahme der Associated British Corporation (ABC Cinemas, Associated British Film Distributors, Elstree Studios, Thames Television) in das Film- und Kinogeschäft ein. Dieser Geschäftsbereich firmierte nach der Übernahme von British Lion Films (1976) als EMI Films. EMI Films war an der Finanzierung, der Produktion und dem Verleih von Filmen wie Mord im Orient Express (1974), Nickelodeon (1976), Driver (1978), Convoy (1978), Die durch die Hölle gehen (1978), Tod auf dem Nil (1978), Chariots of Fire (1981), Gandhi (1981), Local Hero (1982) und Highlander (1986) beteiligt.

EMI
EMI

1971 benannte sich der Konzern offiziell in EMI Limited um und 1973 bekam die für den Musikbereich zuständige Tochtergesellschaft The Gramophone Co. Ltd. den Namen EMI Records. Die zuvor verwendeten Labels Columbia, His Master's Voice (ab 1968 EMI Classics), Odeon, Pathé-Marconi und Regal-Zonophone traten daraufhin immer mehr in den Hintergrund. Weiterhin aktiv blieben Capitol (USA), EMI-Electrola (in Deutschland), Parlophone (als Poplabel) und das 1969 gegründete Progressive-Rock-Label Harvest.

Nachdem EMI in den vergangenen Jahren bereits mehrere Musikverlage übernommen hatte (1969 Keith Prowse Music, Central Songs, 1972 Affiliated Music), gründete der Konzern 1973 den Verlag EMI Music Publishing. Durch weitere Übernahmen wie Screen Gems-Colgems Music (1976), Robert Mellin Music (1981), Sydney Bron Music (1985), Lawrence Wright (1987), SBK Music (1989; vorm. CBS Music Publishing), Jobete Music (1997; Motown Musikverlag) und Hit & Run Music (1999) entstand der zeitweise größte Musikverlag der Welt.

1989 verkaufte EMI die weltweiten Rechte an dem Markennamen Columbia an den japanischen Sony-Konzern, der kurz zuvor die CBS Recording Group (CBS, Columbia, Epic) erworben hatte. Lediglich in Japan gehören die Columbia-Markenrechte noch immer einer früheren Columbia-Tochtergesellschaft (Columbia Music Entertainment).

Nachdem ab Mitte der 1980er Jahre viele Geschäftsbereiche verkauft worden waren (1986 Filmproduktion, Studios, Kinos; 1987 Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte; 1993 Glühlampenproduktion, Fernsehgeräte; 1995 Elektronik), teilte sich Thorn-EMI 1996 schließlich wieder in die beiden selbstständigen Unternehmen Thorn (Einzelhandel) und EMI Group (Musik) auf. Die HMV Group (Musikkaufhäuser, Buchhandel) wurde 1998 aus dem Konzern ausgegliedert.

Die 2000er Jahre waren für die Musikindustrie aufgrund neuer Technologien und Vertriebswege (Internet, MP3, Tauschbörsen) eine außerordentlich schwierige Zeit, die letztlich zu einer starken Konsolidierung führte. Übrig blieben nur drei Musikkonzerne (Sony Music, Universal Music, Warner Music).

Die EMI Group gehörte von 2007 bis 2011 einem Private-Equity-Investor, der die Übernahme mit einem Milliardenkredit der Citigroup finanzierte, der wiederum EMI aufgebürdet wurde. Die Schulden, die der einstmals größte Musikkonzern der Welt dadurch anhäufte, überstiegen zeitweise das Betriebsvermögen um mehrere Millionen Pfund. Schließlich erließ die Citigroup dem Unternehmen 2011 zwei Drittel der Verbindlichkeiten, wodurch die US-Bank Eigentümer der EMI Group wurde.

2011/2012 verkaufte die Citigroup die EMI Group (Capitol, Chrysalis, Electrola, EMI, Intercord, Harvest, Mute, Parlophone, Regal-Zonophone, Virgin) an die Universal Music Group (A&M, Decca, Fontana, Geffen, Interscope, Island, MCA, Mercury, Motown, Polydor, Vertigo, Verve). Daraufhin wurden EMI Records und Virgin Records zeitweise zusammengeschlossen. Teile der EMI Group musste Universal Music nach der Übernahme aus wettbewerbsrechtlichen Gründen an Sony/ATV Music Publishing (EMI Music Publishing, Famous Music UK, Virgin Music) und Warner Music (Chrysalis Records, EMI Classics, Parlophone, Regal-Zonophone, Virgin Classics) verkaufen. Den Katalog von EMI Classics übernahm das Warner-Klassik-Label Erato.

Auf dem früheren EMI-Firmengelände in Hayes, das heute den Namen The Old Vinyl Factory trägt, sind inzwischen Gewerbeimmobilien, Wohnungen und Bildungseinrichtungen angesiedelt.

Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain

www.emirecords.com