Markenlexikon

EMI

Großbritannien

Die Electric and Musical Industries Limited (EMI) entstand 1931 durch den Zusammenschluss der The Gramophone Co. Ltd. aus Hayes/Middlessex (Labels: His Master's Voice, Electrola), die auf den Grammophon-Erfinder Emile Berliner zurückgeht, und der Columbia Graphophone Co. Ltd. aus London (Labels: Odeon, Parlophone, Pathé), einer englischen Tochtergesellschaft der US-amerikanischen Columbia Phonograph Company. Hauptanteilseigner des neuen Konzerns waren RCA-Victor und Louis Sterling, der beide Columbia-Gesellschaften einige Jahre zuvor erworben hatte. Anfang der 1920er Jahre war die Columbia Phonograph Company, die zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Tochtergesellschaften und Niederlassungen überall auf der Welt besaß (seit 1897 in Paris, seit 1900 in London), aufgrund undurchsichtiger Börsengeschäfte in finanzielle Schwierigkeiten geraten, die 1923 zum Bankrott führten. Zur gleichen Zeit erwarb Louis Sterling, der europäische Generalmanager der Columbia, die englische Columbia und 1925 auch die amerikanische. Nach der Fusion verkaufte EMI die amerikanische Columbia aus kartellrechtlichen Gründen an den Radiogeräte- und Kühlschrankhersteller Grigsby-Grunow. RCA-Victor verkaufte die EMI-Anteile 1935, behielt aber die nordamerikanischen Rechte am HMV-Logo. 1931 eröffnete EMI auch das Abbey-Road-Studio in London.

1936 gegründete EMI in Frankreich die Société des Industries Musicales et Électriques Pathé-Marconi (später Pathé-Marconi EMI S.A.), die einerseits auf die Firma Pathé Fréres zurüchgeht, die 1918 von der gleichnamigen Filmgesellschaft abgetrennt worden war, andererseits auf die Marconi's Wireless Telegraph Company, deren Radiogeräte-Produktion The Gramophone Co. Ltd. 1929 übernommen hatte. Aus Pathé-Marconi (später Pathé-Marconi EMI) machte EMI seine französische Niederlassung. In anderen Ländern firmierten die Niederlassungen später u.a. als EMI-Electrola (Deutschland), EMI-Columbia (Österreich), EMI-Odeon (Italien, Spanien) oder EMI-Bovema (Niederlande).

1952 kehrte EMI mit den Labels EMI Records und Angel Records (Klassik) auf den US-Markt zurück. Drei Jahre später kauften die Briten Capitol Records aus Los Angeles, eine der vier großen US-Plattenfirmen (Capitol, CBS/Columbia, Decca Records, RCA-Victor). 1957 wurden Capitol und Angel Records zusammengeschlossen. 1961 beteiligte sich EMI an Toshiba Musical Industries (ab 1973 Toshiba-EMI), einer Tochter des japanischen Elektrokonzerns Toshiba. Das Unternehmen importierte die EMI-Platten nach Japan. Daneben nahm Toshiba auch nationale Künstler unter Vertrag.

Der große Wurf gelang EMI 1962, als George Martin, der A&R-Manager von Parlophone, die damals noch recht unbekannten Beatles unter Vertrag nahm, die zuvor bei Decca mit der Begründung »Gitarrengruppen sind nicht mehr in Mode« abgeblitzt waren. Die Liverpooler Pop-Gruppe erwies sich bald als wahre Geldmaschine, die eine Rekordmarke nach der anderen setzte. Bei Decca raufte man sich die Haare und engagierte die wilden Rolling Stones als Gegenpart zu den »sauberen« Beatles – und EMI wurde für lange Zeit zum größten Schallplattenkonzern der Welt, obwohl nur etwa die Hälfte des Umsatzes aus dem Musikbereich stammte. EMI nahm später auch Interpreten und Bands wie Kate Bush, Kim Carnes, Cockney Rebel, Duran Duran, Easybeats, Harpo, The Hollies, Iron Maiden, Kraftwerk, Little River Band, Marillion, Pet Shop Boys, Pink Floyd, Queen, Cliff Richard, The Shadows, Steve Harley, Tom Jones, Roxette, Sheena Easton und Whitesnake unter Vertrag.

Ansonsten produzierte das Unternehmen Radio- und Fernsehgeräte (Marconi-EMI Television, Ferguson), TV-Technik, Bildröhren, Elektronen-Röhren, Radaranlagen, Studiotechnik, Medizintechnik (CAT-Scanner/Computer-Tomographen) und elektronische Waffensysteme (EMI Varian). Von 1931 bis 1935 entwickelte ein EMI-Forschungsgruppe ein vollelektronisches Fernsehsystem, das ab 1936 bei der BBC zur Anwendung kam. 1955 brachte EMI die ersten elektronischen Bildabtaster (Scanner) mit integriertem Computer auf den Markt. Der Elektro-Ingenieur Godfrey Newbold Hounsfield (1919 – 2004), der seit 1951 bei EMI angestellt war, und zunächst an der Entwicklung von Radargeräten, Lenkwaffen und dem ersten vollständig aus Transistoren bestehenden britischen Computer EMIDEC 1100 beteiligt gewesen war, entwickelte Ende der 1960er Jahre den ersten Computer-Tomographen; 1979 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin.

Durch die Übernahme der bankrotten Associated British Corporation (ABC Cinemas, Associated British Film Distributors, Elstree Studios, Thames Television) stieg EMI 1968 auch ins Film- und Fernsehgeschäft ein. ABC Television produzierte von 1961 bis 1969 die berühmte britische TV-Serie »The Avengers« (»Mit Schirm, Charme und Melone«). Dieser Geschäftsbereich, der ab 1976, nach der Übernahme von British Lion Films, als EMI Films Limited firmierte, war an der Finanzierung, der Produktion und dem Verleih von Filmen wie »Mord im Orient Express« (1974), »Nickelodeon« (1976), Driver (1978), »Convoy« (1978), »Die durch die Hölle gehen« (1978), »Tod auf dem Nil« (1978), »Chariots Of Fire« (1981), »Gandhi« (1981), »Local Hero« (1982) und »Highlander« (1986) beteiligt.

1968 wurde HMV in ein reines Klassiklabel umgewandelt (später nur noch EMI Classics). Nachdem Decca mit Deram (1966) und Philips/Phonogram mit Vertigo (1969) zwei Sub-Labels für die Vermarktung progressiver Rockmusik etabliert hatten, rief EMI 1969 Harvest Records ins Leben, ein Label auf dem Avantgarde-Bands wie Barclay James Harvest, Deep Purple, ELO, Move, Pink Floyd, Eloy oder Soft Machine ihre Platten veröffentlichten.

1971 benannte sich das Unternehmen offiziell in EMI Limited. um. Das Kürzel EMI war allerdings schon vorher als Marke für die unterschiedlichsten Produkte und als Firmenname für verschiedene Konzerngesellschaften verwendet worden. 1973 bekam die für den Musikbereich zuständige Tochtergesellschaft The Gramophone Co. Ltd. den Namen EMI Records Limited. Damit verschwand der Name Gramophone endgültig.

Nachdem EMI in den vergangenen Jahren bereits mehrere Musikverlage übernommen hatte (1969 Keith Prowse Music, Central Songs, 1972 Affiliated Music), gründete der Konzern 1973 den Verlag EMI Music Publishing. Durch weitere Übernahmen wie Screen Gems-Colgems Music (1976), Robert Mellin Music (1981), Sydney Bron Music (1985) Lawrence Wright (1987), SBK Music, die frühere CBS Music Publishing Division (1989), Jobete Music, der Motown Musikverlag (1997) und Hit & Run Music (1999) entstand der heute größte Musikverlag der Welt, mir über eine Million Songs.

1979 wurde EMI von Thorn Electrical Industries übernommen, einem 1928 von dem Österreicher Jules Thorn in London gegründeten Unternehmen, das Radio- und Fernsehgeräte sowie Haushaltsgeräte herstellte und mehrere Elektronik-Handelsketten betrieb. Im gleichen Jahr erwarb EMI die United Artists Record Group (Aladdin, Dolton, Imperial, Minit, Liberty, Sunset). Weitere wesentliche Akquisitionen waren 1983 der RAK-Records-Katalog (Hot Chocolate, Kenny, Kim Wilde, Mud, New World, Racey, Smokie, Suzi Quatro, Sweet), 1985 die spanische Plattenfirma Hispavox, 1989/1991 Chrysalis Records, 1991 SBK Records, 1992 Virgin Records, 1994 Intercord und 2002 Mute Records.

1989 verkaufte EMI die weltweiten Rechte an dem Markennamen Columbia (für den Musikbereich) an die japanische Sony Corporation, die kurz zuvor die CBS Recording Group (CBS Records, Columbia, Epic) erworben hatte. Lediglich in Japan gehören die Columbia-Markenrechte noch immer einer früheren Columbia-Tochtergesellschaft (Columbia Music Entertainment). Das Plattenlabel Columbia war ab 1973 nach und nach durch die Marke EMI Records ersetzt worden.

Nachdem ab Mitte der 1980er Jahre viele Bereiche verkauft worden waren (1986 Filmproduktion, Studios, Kinos; 1987 Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräte; 1993 Glühlampenproduktion, TV; 1995 Elektronik), teilte sich Thorn-EMI 1996 schließlich wieder in die beiden selbstständigen Unternehmen Thorn (Einzelhandel) und EMI Group (Musik) auf. Die HMV-Group, die mit ihren Musikkaufhäusern und Buchhandelsketten seit Mitte der 1980er Jahre auch außerhalb Großbritanniens präsent war (1986 Irland, 1988 Kanada, 1989 Australien, 1990 Japan, USA, 1994 Hongkong, 1996 Deutschland, 1997 Singapur), wurde 1998 aus dem Konzern ausgegliedert. Aus einigen Ländern hat sich das Unternehmen inzwischen wieder zurückgezogen (2004 USA, 2005 Australien, 2007 Japan). Anfang 2013 musste die HMV Group Insolvenz anmelden. Kurz darauf wurde die Privaty-Equity-Firma Hilco UK neuer HMV-Eigentümer; die Läden in Hongkong und Singapur übernahm AID Partners Capital (Hongkong), ebenfalls ein Privaty-Equity-Unternehmen.

Von 2007 bis 2011 gehörte die EMI Group zur Private-Equity-Firma Terra Firma Capital Partners, die das Unternehmen von der Londoner Börse nahm. Die Übernahme finanzierte Terra Firma mit einem Milliardenkredit der Citigroup, der wiederum EMI aufgebürdet wurde. Die Schulden, die der Musikkonzern dadurch anhäufte, überstiegen zeitweise das Betriebsvermögen um mehrere Millionen Pfund. Schließlich erließ die Citigroup dem Unternehmen Anfang 2011 zwei Drittel der Verbindlichkeiten, wodurch die US-Bank Eigentümer der EMI Group wurde. 2011/2012 verkaufte die Citigroup die EMI Group in zwei Teilen: die Plattenfirma mit Labels wie EMI Records, Capitol Records, Virgin Records, Chrysalis Records und Parlophone ging an Universal Music und der Musikverlag EMI an Sony Music. 2013 wurden EMI Records, Virgin Records und Mercury Records UK zusammengeschlossen (Virgin-EMI Records). Zur gleichen Zeit musste Universal Music die Labels Parlophone, Chrysalis und Regal-Zonophone aus kartellrechtlichen Gründen an die Warner Music Group (Asylum, Atlantic, Elektra, Reprise, Warner Bros. Records, WEA) abgeben.

Das Markenzeichen His Master's Voice wird außer von HMV auch noch von RCA (in Nordamerika) und JVC (in Japan) für unterschiedliche Produkte (Unterhaltungselektronik, Tonträger) verwendet.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 22.04.2020 | 09:34