Markenlexikon
Der dänische Maschinenbau- und Elektroingenieur Jörgen Skafte Rasmussen (1878 – 1964) gründete 1903 in Chemnitz eine Firma, die Dampfkesselarmaturen, Metallwaren und Zubehör für Dampfmaschinen herstellte. 1906 kaufte er in Zschopau-Dischautal eine leerstehende Textilfabrik, in die ein Jahr später auch der Firmensitz verlegt wurde. Während des Ersten Weltkriegs führte der von Rasmussen engagierte dänische Ingenieur Svend Aage Mathiesen Experimente mit Dampfkraftwagen durch, die jedoch nie realisiert wurden. Was blieb, war die Abkürzung DKW (Dampf-Kraft-Wagen).
1918 erwarb Rasmussen die Rechte für den Bau eines kleinen Einzylinder-Zweitaktmotors, den der Ingenieur Hugo Ruppe als Spielzeugmotor entwickelt hatte. Ab 1919 baute man diese Motoren in vergrößerter Form in verstärkte Fahrradrahmen ein. Aus den Motorfahrrädern wurden 1922 richtige Motorräder und 1927 war das Unternehmen, das zu dieser Zeit als Zschopauer Motorenfabrik firmierte, bereits weltgrößter Motorradhersteller. DKW-Chefkonstrukteur Hermann Weber entwarf Ende der 1930er Jahre die RT 125, das meistgebaute deutsche Motorrad und das meistkopierte Motorrad der Welt. Daneben produzierte Rasmussens Firmengruppe Fahrzeugteile, Granatzünder, Haushaltsgeräte, Heiz- und Kühltechnik, Kleinlieferwagen (Framo), Ventile, Vulkanisierapparate, Zentrifugen, Zündkapseln und Zubehör für Dampfkraftanlagen.
Seit 1918 hatte DKW auch immer wieder einzelne Automobile gebaut, die jedoch erst 1928 über den Status eines Prototypen hinauskamen. Rudolf Slaby, dessen Berliner Firma Slaby-Beringer Rasmussen 1925 übernommen hatte, entwickelte 1927/1928 das erste DKW-Automobil Typ P. Der DKW F 1 (1931 – 1932) ging als erstes Serienfahrzeug mit Frontantrieb in die Geschichte des Automobilbaus ein. Dank seines niedrigen Preises (1.700 Reichsmark) wurde dieser zweisitzige Kleinwagen zu einem Vorgänger des Volkswagens. Gebaut wurden die von Zweitaktmotoren angetriebenen DKW-Fahrzeuge in den Audi-Werken Zwickau (Wagen mit Frontantrieb), wo der F1 auch konstruiert worden war, und in Berlin-Spandau (Wagen mit Heckantrieb); beide Werke hatte Rasmussen 1928 gekauft.
Infolge der Weltwirtschaftskrise schlossen sich die sächsischen Autohersteller Audi (Zwickau), DKW (Zschopau), Horch (Zwickau) und die Automobilabteilung der Wanderer Werke (Chemnitz) 1932 zur Auto-Union zusammen, was sich auch im Logo der neuen Firma, den vier verschlungenen Ringen, widerspiegelte. Der neue Konzern befand sich größtenteils im Besitz des Freistaates Sachsen und der Stadt Chemnitz. DKW-Gründer Rasmussen schied 1934 aus dem Konzern aus und bekam nach langen juristischen Streitigkeiten 1938 eine Abfindung von 1,3 Millionen Reichsmark. 1947 kehrte er nach Dänemark zurück.


1946 wurde der Auto-Union-Konzern, dessen Werke größtenteils in der sowjetischen Besatzungszone lagen, verstaatlicht und 1948 aufgelöst, was 1949 eine Neugründung in Ingolstadt (Bayern) durch ehemalige leitende Angestellte ermöglichte. In einem früheren Rheinmetall-Borsig-Werk in Düsseldorf-Derendorf und in Ingolstadt, wo sich seit 1945 das Auto-Union-Zentrallager für die Ersatzteilversorgung befand und 1958 ein neues Werk errichtet wurde, liefen die nächsten fünfzehn Jahre preiswerte Zweitaktautos (anfangs auf Basis des Vorkriegsmodells DKW F 9), Transporter, Motorräder, Mopeds und Armee-Geländewagen (Munga) vom Band. Vermarktet wurden sie als Auto-Union und DKW. Die Werke im Osten bauten ebenfalls noch einige Jahre DKW-Vorkriegsmodelle (IFA F 8, F 9, RT 125), später wurden dort Fahrzeuge wie Barkas (Chemnitz), Trabant (Zwickau) und MZ (Zschopau) gefertigt.
Das erste seit 1939 neuentwickelte Auto-Union-Modell war der Kleinwagen Junior (1959 – 1963) mit Dreizylinder-Zweitaktmotor und Frontantrieb, der später zum F 11/12 (1963 – 1965) weiterentwickelt wurde. Der F 102 (1964 – 1966) war das letzte Auto-Union-Fahrzeug mit Zweitaktmotor. Der Sportwagen DKW 3=6 Monza (1956 – 1958) und das Sportcoupé Auto-Union 1000 Sp (1958 – 1965) wurden in Kleinserie bei anderen Karosseriebaufirmen gefertigt (Baur Stuttgart, Dannenhauer & Stauss Stuttgart, Massholder Heidelberg, Robert Schenk Stuttgart-Feuerbach).
In den 1950er Jahren erwarb der Investor Friedrich Flick (Buderus, Daimler-Benz, Dynamit-Nobel, Maxhütte, Maybach) eine größere Beteiligung an der Auto-Union, die er 1958 an Daimler-Benz weiterreichte. Gleichzeitig entstand aus dem Zusammenschluss der Motorradmarken DKW, Express und Victoria die Zweirad-Union Nürnberg.
Zwischen 1964 und 1966 verkaufte Daimler-Benz die Auto-Union und das Werk in Ingolstadt an den Volkswagen-Konzern, der gerade ein weiteres Montagewerk für den Käfer benötigte. Das Werk in Düsseldorf blieb bei Daimler-Benz, das Zulieferwerk in Berlin-Spandau wurde an Bosch verkauft und die Zweirad-Union Nürnberg an den lokalen Konkurrenten Fichtel & Sachs/Hercules, der die Marke DKW noch bis Ende der 1970er Jahre auf einigen ausländischen Märkten für Hercules-Motorräder verwendete. Der gerade fertiggestellte F 103 (mit einem von Daimler-Benz entwickelten Vierzylinder-Viertaktmotor) wurde nach der Übernahme durch VW als Audi F 103 vermarktet. Das ursprüngliche DKW-Werk in Zschopau riss man nach der MZ-Insolvenz (2012) teilweise ab. Die übriggebliebenen Gebäude stehen unter Denkmalschutz und werden weiterhin gewerblich genutzt.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain