Markenlexikon

Branche: Musikindustrie

Casablanca Records

USA

Neil E. Bogart (1943 – 1982, eigtl. Neil Scott Bogatz) versuchte sich in den frühen 1960er Jahren kurzzeitig als Sänger, dann erkannte er jedoch seine wahre Berufung und ging als Manager in die Musikindustrie, zunächst zu MGM Records, dann zu Cameo-Parkway Records, damals eine Tochter von MGM Records, und 1967 zu Buddah Records, wo er gemeinsam mit den Produzenten Jerry Kasenetz und Jeff Katz das Musikgenre Bubblegum Pop etablierte, das sich hauptsächlich an Teenager wandte. Zu den Buddah-Bands, die meist nur Singles veröffentlichten, gehörten u.a. Ohio Express, 1910 Fruitgum Company oder The Lemon Pipers. Unter der Führung von Bogart brachte Buddah über 100 Singles in die Charts.

1973 verließ Bogart Buddah Records und gründete zusammen mit Cecil Holmes, Larry Harris und Buck Reingold, die ebenfalls schon bei Cameo-Parkway und Buddah dabei waren, in Los Angeles seine eigene Plattenfirma. Da er ein Faible für den Film »Casablanca« hatte, und sich bereits seinen Nachnamen von Casablanca-Darsteller Humphrey Bogart ausgeliehen hatte, nannte er die neue Firma Casablanca Records Inc. Ein Teil des Gründungskapital kam von Warner Bros. Records, der Musikabteilung der gleichnamigen Filmgesellschaft, der auch die Rechte an »Casablanca« gehörten. Warner Bros. Records war bis 1974, als sich Bogart aus dem Vertrag herauskaufte, auch für den Vertrieb zuständig.

Die ersten Bands, die Bogart für sein Label verpflichtete, waren die Funkband Parliament und die damals noch unbekannte Rockband Kiss. Die ersten Kiss-Platten waren wenig erfolgreich und brachten Casablanca an den Rand des Bankrotts. Erst das Live-Album »Alive!« markierte Ende 1975 den Durchbruch und sicherte der Firma das Überleben. Über eine Empfehlung das Kiss-Mitglieds Gene Simmons kam auch die Rockband Angel, die es in den 1970er Jahren in den USA zu einiger Bekanntheit brachte, zu Casablanca.

Zur gleichen Zeit produzierten die US-Sängerin Donna Summer, die damals eine Zeitlang in Deutschland lebt, mit den Produzenten/Komponisten Giorgio Moroder und Pete Belotte in den Münchner Musicland-Studios den Stöhnsong »Love To Love You Baby« (ähnlich wie Jane Birkin und Serge Gainsbourg 1969 mit »Je t'aime... moi non plus«), den sie anschließend an Bogart schickten. Der spielte ihn auf einer seiner privaten Partys und rief danach bei Moroder an, ob man den Titel noch verlängern könnte. Man konnte, und am Ende wurde das Stück in der Albumversion über 16 Minuten lang. Casablanca übernahm daraufhin den US-Vertrieb der Platte. Nachdem Moroder den US-Vertrieb seiner eigenen Firma Oasis 1976 an Casablanca übertragen hatte, vermarktete Casablanca auch die weiteren Donna-Summer-Platten bis 1980. Daneben vertrieb Casablanca auch andere europäische Disco-Bands wie Santa Esmeralda (»Don't Let Me Be Misunderstood«) oder Space (»Magic Fly«) in den USA.

Das Casablanca-Hauptquartier (auch Casbah genannt, nach der arabische Bezeichnung für Festung) am 8255 Sunset Boulevard (die ehemaligen Gold Star Studios), das Bogart im Stil des Films »Casablanca« gestalten ließ, waren damals berühmt berüchtigt für die wilden Partys und den lockeren Umgang mit Drogen aller Art – ähnlich wie in der New Yorker Diskothek Studio 45. Für deren Betreiber Ian Schrager und Steve Rubell produzierte Casablanca 1979 ein eigenes Compilations-Doppelalbum mit zahlreichen Discohits (»A Night At Studio 54«). Die Casablanca-Angestellten fuhren alle mit geleasten Mercedes durch die Gegend und jeder hatte in seinem Büro ein Versteck, wo die Drogen lagerten.

1976 schloss sich Casablanca Records mit der kleinen Filmproduktionsfirma FilmWorks Inc. zusammen, die Peter Guber, ein früherer Manager von Columbia Pictures, kurz zuvor gegründet hatte. Guber wurde anschließend Chef der Casablanca-Filmabteilung. Casablanca Records & Filmworks Inc. (CRF), wie sich das Unternehmen nun nannte, produzierte u.a. die Filme »The Deep« (1976/1977), »Midnight Express« (1978) – mit der Musik von Giorgio Moroder – und »Foxes/Jeannies Clique« (1979), ebenfalls mit Musik von Casablanca-Musikern (Donna Summer, Cher, Angel, Giorgio Moroder).

1978 verkaufte Bogart 50 Prozent der CRF-Anteile an die PolyGram-Gruppe (Barclay, Deutsche Grammophon, Fontana, Mercury, Philips, Phonogram, Polydor/PolyStar, RSO, Vertigo), ein Jointventure der Elektrokonzerne Philips und Siemens. Die Filmabteilung firmierte ab 1980 als PolyGram Films (später PolyGram Pictures und PolyGram Filmed Entertainment). Peter Guber führte PolyGram Films bis 1983.

Die Zeit von 1978 bis 1980 wurden die erfolgreichsten Casablanca-Jahre; das Label beherrschte die Disco-Szene mit den Village People (»Y.M.C.A.«, »In The Navy«, »Macho Man«, »Go West«, »Can't Stop the Music«), Donna Summer (»MacArthur Park«, »Hot Stuff«, »Bad Girls«, »On The Radio«), Kiss (»I Was Made For Lovin' You«), Cher (»Take Me Home«), Meco (»Superman and Other Galactic Heroes«, »Moondancer«, »Grazing In The Grass« »Devil's Delight«) und Lipps Inc. (»Funkytown«).

Mit dem Ende der Disco-Ära ging es jedoch schnell bergab, dazu kamen Vertragsstreitigkeiten mit Donna Summer. Mitgründer Larry Harris verließ das Unternehmen 1979, Cecil Holmes folgte 1980. Im gleichen Jahr veräußerte Bogart auch die andere Hälfte seiner Casablanca-Anteile an PolyGram; zwei Jahre später starb er im Alter von nur 39 Jahren an Lymphdrüsenkrebs. Kurz vor seinem Tod hatte er noch eine weitere Plattenfirma, Boardwalk Records, gegründet, die mit der Ex-Runaways-Sängerin Joan Jett (»I Love Rock 'n' Roll«) 1981 erste Erfolge verbuchen konnte. 1981 verlegt PolyGram den Casablanca-Firmensitz nach New York.

Die letzten Veröffentlichungen von Casablanca Records waren u.a. die Kiss-Alben »Unmasked« (1980), »Music From The Elder« (1981), »Creatures Of The Night« (1982) und »Lick It Up« (1983), »White Heat« (1982) von Dusty Springfield, der sehr erfolgreiche Soundtrack zum Film »Flashdance« (1983) und das Animotion-Album »Strange Behavior« (1986, mit dem Hit »I Engineer«). 1986 fasste PolyGram die Labels Casablanca Records und Mercury Records zusammen, wobei nur der Name Mercury überlebte.

Seit dem Zusammenschluss der PolyGram-Gruppe (A&M, Deutsche Grammophon, Decca London, Island, Mercury, Motown, Philips Classics, Phonogram, Polar, Polydor, Polystar, Vertigo, Verve) und der Universal Music Group (Decca Records USA, Geffen Records, GRP Records, MCA Records) im Jahr 1998 gehören die Rechte an dem Label Casablanca der Universal Music Group.

2000 wurde das Label Casablanca von Universal Music und dem früheren Sony-Music-Chef Tommy Mottola reaktiviert. Zu den späteren Casablanca-Musikern gehören u.a. Mika und Lindsay Lohan. Inzwischen ist Casablanca Records ein Sublabel der Universal-Music-Division Republic Records.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.04.2020 | 12:14