Markenlexikon
Richard Joshua Reynolds (1850 – 1918) hatte bereits einige Zeit auf der Tabakfarm seines Vaters in Virginia gearbeitet, bevor er sich 1874 in dem Ort Winston im Tabakstaat North Carolina niederließ, um dort ein Jahr später eine eigene Firma zu gründen. Anfangs stellte die R. J. Reynolds Tobacco Company ausschließlich Kautabak her, ab 1895 auch Rauchtabak. Um die Jahrhundertwende war R. J. Reynolds der größte Kautabakhersteller der USA.
1913 – in dem Jahr, als man die Stadt Winston mit dem in der Nähe liegenden Dorf Salem zusammenschloss – brachte Reynolds, begleitet von einer gigantischen Werbekampagne (Slogan: The Camels are coming), seine erste Zigarette auf den Markt: Camel. Als Vorlage für die Zeichnung auf der Schachtel diente ein Dromedar, ein einhöckriges Kamel, aus dem Zirkus Barnum & Bailey, der damals gerade in Winston-Salem gastierte. Wie schon ein Jahr zuvor Chesterfield von Liggett & Myers, bestand auch Camel aus einer Mischung von türkischen und amerikanischen Tabaken, die in Virginia, Maryland, Kentucky, Tennessee, North Carolina, South Carolina, Georgia und Florida angebaut wurden. Durch die Beimischung der preiswerten einheimischen Tabake war die Herstellung billiger, sodass man Camel zum halben Preis anderer Zigaretten verkaufen konnte. Später nannte man diese Tabakmischung American Blend.
Im Gegensatz zu den sonnengetrockneten Orient-Tabaken wurden die amerikanischen Tabakblätter künstlich getrocknet. Dadurch veränderte sich die chemische Zusammensetzung des Tabaks, was dazu führte, dass der Rauch sauer und nicht alkalisch war. Das hatte zur Folge, dass das Nikotin nicht mehr so gut über die Mundschleimhaut aufgenommen werden konnte. Der Rauch musste nun über die Lunge inhaliert werden.
Die Orient-Tabake, die vor allem auf dem Balkan, in Griechenland, der Türkei und auf Zypern angebaut werden, sind aufgrund ihrer Anbaubedingungen (sandige und nährstoffarme Böden, viel Sonne, wenig Regen, ständiger Wechsel von heißen Tagen und kühlen Nächten) sehr zuckerhaltig, was zu einem würzigen Aroma bei geringem Nikotingehalt führt. Diesen Geschmack versuchte man später bei den stärkeren und kratzigeren American-Blend-Zigaretten mit künstlichen Aromastoffen wie Ahornsirup, Kakao, Lakritz, Vanillin oder Zucker nachzuahmen.
Camel, Chesterfield und Lucky Strike verhalfen den billig zu produzierenden und schnell konsumierbaren Zigaretten gegenüber den vorher üblichen Pfeifen und Zigarren zum Durchbruch. Camel entwickelte sich im nächsten halben Jahrhundert zur erfolgreichsten Zigarette der USA (Slogan: I’d walk a mile for a Camel.; in Deutschland: Ich geh’ meilenweit für eine Camel.). Erst in den 1960er Jahren endete die Camel-Marktführerschaft, nachdem sich leichtere Filterzigaretten wie Winston (ebenfalls von R. J. Reynolds), Pall Mall (American Tobacco), Kent (Lorillard Tobacco) oder Marlboro (Philip Morris) mit imageträchtigen Werbekampagnen an die Spitze vorgekämpft hatten. Ab 1966 gab es von Camel ebenfalls eine Filtervariante.


Da die Gesundheitsgefahren des Rauchens in den 1950er und 1960er Jahren immer offensichtlicher wurden (bereits ab 1965 mussten in den USA Warnhinweise auf Zigarettenverpackungen angebracht werden), versuchte R. J. Reynolds den erwarteten Umsatzrückgang mit dem Erwerb von branchenfremden Unternehmen auszugleichen (1962 Hawaiian Punch, 1969 Sea-Land, 1979 Del Monte, 1982 KFC und Smirnoff, 1985 Nabisco). Diese Beteiligungen wurden ab 1970 in der Holdinggesellschaft R. J. Reynolds Industries zusammengefasst (ab 1986 RJR-Nabisco). Außerdem vergab die Reynolds-Tochter Worldwide Brands Inc. (WBI) ab 1976 Lizenzen für die Herstellung von verschiedenen Camel-Produkten (Bekleidung, Brillen, Schuhe, Reisetaschen, Uhren). WBI organisierte von 1980 bis 1998 auch die Langstrecken-Expeditions-Rallye Camel Trophy.
Bis Mitte der 1980er Jahre befanden sich die Reynolds-Zigarettenfabriken, wo zeitweise bis zu dreißigtausend Angestellte arbeiteten, im östlichen Teil von Winston-Salem direkt neben dem Stadtzentrum. Ab 1986 wurde die Produktion in eine neue Fabrikanlage nordwestlich von Winston-Salem am Highway US-52 verlegt (Tobaccoville). Das 96 Meter hohe Art-déco-Hochhaus Reynolds Building war von 1929 bis 2008 Hauptsitz der R. J. Reynolds Tobacco Company und Inspiration für das 1930/1931 errichtete Empire State Building in New York. Das Reynolda House, wo die Reynolds-Familie bis Anfang der 1950er Jahre lebte, ist heute ein Museum.
Die Gründerfamilie ist noch immer allgegenwärtig in Winston-Salem: Bibliotheken, Flughäfen, Museen, Parks, Schulen, Stadien, Straßen und Wohnsiedlungen – teilweise mit Familiengeldern finanziert – tragen den Namen Reynolds. Auch die Reynolds Metals Company, einst der drittgrößte Aluminiumkonzern der USA, wurde von einem Mitglied der Reynolds-Familie gegründet. Patrick Reynolds, ein Enkel des Firmengründers, wurde ab Mitte der 1980er Jahre, als er das Rauchen nach siebzehn Jahren aufgegeben hatte, zu einem bekannten Nichtraucher-Aktivisten.
1988 geriet RJR-Nabisco in eine der spektakulärsten Übernahmeschlachten der 1980er Jahre. Reynolds-Chef Frederick Ross Johnson, das Reynolds-Management, die auf Firmenübernahmen spezialisierte New Yorker Investmentfirma KKR (Kohlberg Kravis Roberts) sowie mehrere andere Übernahmespezialisten und Aktienhändler boten monatelang um die Wette und trieben den Aktienpreis auf fast das Doppelte seines eigentlichen Wertes. Letztlich setzte sich KKR durch, übernahm 1988 die Mehrheit und zerlegte den Konzern in seine Einzelteile. Erst 1995 zog sich KKR aus dem Unternehmen zurück. 1999 trennte sich RJR-Nabisco wieder in zwei Teile: Nabisco (Kekse, Knabbergebäck) und R. J. Reynolds Tobacco (Tabak). Gleichzeitig verkaufte Reynolds die internationalen Herstellungs- und Vertriebsrechte für die Marken Camel, Camel Active (Bekleidung), Winston und Salem/Reyno an Japan Tobacco (Mild Seven).
2004 schlossen sich die R. J. Reynolds Tobacco Company (Camel, Doral, Salem, Reyno, Winston) und die BAT-Tochter Brown & Williamson Tobacco Corporation (Barclay, Belair, Capri, GPC, Kool, Raleigh, Tareyton, Viceroy), die 1994 bereits die American Tobacco Company (Pall Mall, Lucky Strike) übernommen hatte, zusammen. British American Tobacco (BAT) war an dem neuen Unternehmen Reynolds American mehrheitlich beteiligt (bis 2017 erwarb BAT auch die restlichen Anteile). 2014/2015 übernahm Reynolds American den US-Konkurrenten Lorillard Tobacco (Kent, Newport), musste aber aus Wettbewerbsgründen das Lorillard-Werk in Greensboro/North Carolina und einige Marken an den britischen Tabakkonzern Imperial Tobacco verkaufen (Kool, Maverick, Salem, Winston).
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain