Markenlexikon

Branche: Musikindustrie

Brunswick Records

USA

Der aus der Schweiz stammende John Moses Brunswick (1819 – 1886) gründete 1845 in Cincinnati/Ohio eine Wagenbaufabrik, die bald darauf mit dem Bau von Billiard-Tischen begann, die bis dahin noch aus England importiert worden waren. Das Unternehmen, das nach zwei Fusionen ab 1884 als Brunswick-Balke-Collender Company firmierte, erweiterte die Produktpalette in der Folgezeit u.a. um Bowlingkegeln, Bowlingkugeln, Bowlingbahnen, Holzvertäfelungen für Saloons sowie Gehäuse für Phonographen und Grammophone. Aus diesem letzten Bereich entstand 1916 eine eigene Phonographen-Produktion, die bald darauf auch mit der Herstellung und dem Vertrieb von Schallplatten begann. In den 1920er Jahren gehörte Brunswick neben der Victor Talking Machine Company (später RCA-Victor) und der Columbia Phonograph Company (später CBS Columbia) zu den führenden nordamerikanischen Plattenfirmen. 1925 übernahm Brunswick das Blues- und Jazz-Label Vocalion Records.

1930 verkaufte Brunswick-Balke-Collender die Brunswick Radio Corporation an die Filmgesellschaft Warner Bros., die die Herstellungs- und Vertriebsrechte für die Brunswick-Schallplatten bereits 1931 wegen der Wirtschaftskrise und zurückgehender Verkaufszahlen an die American Record Corporation (ARC) weiterreichte. Der Vertrag zwischen Warner Bros. und ARC wurde 1939 aufgelöst, nachdem die ARC-BRC-Gruppe (American Record Corporation – Brunswick Record Company) von der Rundfunkgesellschaft CBS übernommen worden war. 1941 verkaufte Warner Bros. die Brunswick Radio Corporation schließlich an die Plattenfirma Decca Records New York, die zuvor bereits die insolvente britische Brunswick-Tochter übernommen hatte.

Decca New York war 1934 von Jack Kapp (1901 – 1949), einem ehemaligen Brunswick-Direktor als Tochtergesellschaft der Londoner Decca Record Co. Ltd gegründet worden. Da Decca jedoch während des 2. Weltkriegs vor allem Navigationsgeräte entwickelte und produzierte und dafür finanzielle Mittel benötigte, wurde die US-Tochter 1939 verkauft; 1942 ging Decca Records Inc. an die New Yorker Börse. Decca London vermarktete ihre Platten in den USA ab 1947 unter dem Label London Records. Decca Records New York verwendete außerhalb Nordamerikas die Sub-Labels Brunswick und Coral Records (ab 1949). Zu den Künstlern, deren Platten auf den Labels Decca (US), Brunswick und Coral veröffentlicht wurden, gehörten u.a. Bing Crosby, Buddy Holly, Duke Ellington, Jackie Wilson, LaVern Baker, Little Richard, Louis Armstrong und The Who.

1951/52 beteiligte sich Decca Records mehrheitlich an der Filmgesellschaft Universal International und 1962 kamen beide Unternehmen unter die Kontrolle der Music Corporation of America (MCA), einer 1924 in Chicago gegründeten Künstleragentur und TV-Produktionsgesellschaft. In den 1950er Jahren wuchsen Coral und Brunswick immer enger zusammen. 1952 übernahm das Coral-Management die Leitung von Brunswick und 1957 wurde Brunswick ein Sublabel von Coral.

1964 beteiligte sich Jackie Wilson's Manager Nat Tarnopol, der 1957 zu Brunswick gekommen war, mit 50 Prozent an dem Label. Nachdem es zwischen ihm und dem MCA-Management zu Streitigkeiten um falsch abgerechnete Plattenverkäufe zu seinen Ungunsten gekommen war, erwarb er mit dem Geld, das ihm MCA vorenthalten hatte (über eine Million Dollar), auch die restlichen Anteile. Die neue Brunswick Record Corporation mit Sitz in Chicago und das 1967 gegründete Schwester-Label Dakar Records konnten in den 1960er und 1970er Jahren mit Jackie Wilson (»Whispers«, »Higher And Higher«), Tyrone Davis (»Turn Back The Hands Of Time«, »Can I Change My Mind«) oder den Chi-Lites (»Have You Seen Her«, »Oh Girl«) noch zahlreiche Charts-Erfolge verbuchen.

Aufgrund eines Gerichtsverfahrens der US-Justiz gegen die Bestechlickeit in der Musikindustrie (Payola) geriet Brunswick in den späten 1970er Jahren in aussichtlose finanzielle Verhältnisse. Der Prozess richtete sich zwar gegen die gesamte Musikindustrie, aber Brusnwick setzte erhebliche Kosten ein, um die Anklage vor Gericht zu bekämpfen. Letztlich wurden Ende 1977 alle Führungskräfte von Brunswick freigesprochen, aber die Kassen waren wegen der hohen Anwaltskosten leer und die Künstler (u.a. Barbara Acklin, Chi-Lites, Eugene Record, Tyrone Davis) unterschrieben Verträge bei großen Major-Labels. Zudem waren während der Untersuchungen sämtliche Bücher und Aufzeichnungen von Brunswick verloren gegangen, wie die Regierung behauptete. Tarnapol machte Lew Wassermann, den Chef von MCA, für die gesamte Angelegenheit verantwortlich, von dem er glaubte, das sein weitreichender Einfluss ausreichte, um sich mit Hilfe der Regierung an ihm wegen der erzwungenen Trennung von 1970 zu rächen.

Brunswick hielt sich noch bis 1982 über Wasser, dann gab es keine neuen Veröffentlichungen mehr. Nat Tarnopol starb 1987 im Alter von 56 Jahren an Herzversagen. Brunswick Records wurde 1995 von Tarnopols Kindern Paul und Mara reaktiviert.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 10.11.2020 | 21:08