Markenlexikon
Der Stellmacher Giovanni Bertone (1884 – 1972) gründete 1912 in Turin eine Stellmacherei, die Kutschen reparierte und baute. Aufgrund seiner Freundschaft zu Vincenzo Lancia kam er in Kontakt mit der italienischen Automobilindustrie. Lancia ließ bei Bertone fast alle Karosserien für seine Sondereditionen entwerfen und fertigen. Auch von Abarth, Alfa-Romeo, Aston-Martin, Diatto, Fiat, Itala, Maserati und SPA bekam Bertone später Aufträge. 1933 trat Giovanni Bertones Sohn Giuseppe (Nuccio) Bertone (1914 – 1997) in die Firma ein, 1950 übernahm er die Leitung des Unternehmens. Von 1957 bis 1959 errichtete Bertone eine neue Fabrik in Grugliasco bei Turin. Dort entstanden in der Folgezeit zahlreiche Modelle anderer Hersteller in Kleinserie (Alfa-Romeo Giulietta Sprint, Aston-Martin DB2/4 Bertone Spider/Coupé, Fiat X1/9, Fiat 850 Spider, Lancia Stratos, NSU Sport Prinz, Opel Astra/Kadett-Cabrios, Volvo 780). Das Design dieser Fahrzeuge stammte ebenfalls von Bertone. Es gab aber auch Modelle, die nur im Auftrag produziert wurden (BMW C1 Motorroller, Fiat Punto Cabrio, Mini Cooper GP, Volvo 262C). Unter eigenem Namen vermarktete Bertone den Fiat X1/9 (Bertone X1/9), das Fiat Ritmo Cabrio (Bertone Cabriolet) und den Geländewagen Daihatsu Rocky/Feroza (Bertone Freeclimber).
Von 1960 bis 1965 war Giorgetto Giugiaro, der zuvor bei Fiat gearbeitet hatte, Chefdesigner von Bertone (er gründete später sein eigenes Designstudio Italdesign). Marcello Gandini, ab 1965 Bertone-Chefdesigner, entwarf mehrere Sportwagen für Lamborghini (Countach, Espada, Jalpa, Jarama, Miura, Urraco), den Ferrari Dino 308 GT 4, den Fiat X1/9, den Lancia Stratos, den Maserati Khamsin, den Citroën BX, den Renault 5 Turbo, das Fiat Ritmo Cabrio und das Showcar Alfa-Romeo Carabo, das mit seiner ausgeprägten Keilform einen neuen Trend im Automobildesign setzte. 1979 verließ Gandini Bertone und gründete sein eigenes Designstudio. Nachfolger wurde Marc Deschamps, unter dessen Leitung Modelle wie Citroën Xantia, Citroën XM, Citroën Zabrus (Concept Car), Daewoo Espero, Škoda Favorit und Volvo 780 entstanden.


Als die Autokonzerne in den 1990er Jahren die Bedeutung des Designs für den Erfolg oder Nichterfolg eines Automodells erkannten und bei einer Automarke ein modellübergreifendes Design gefragt war, kamen die unabhängigen Designfirmen, die nur einzelne Modelle gestalteten und deren individuelle Handschrift teilweise auch bei Konkurrenzunternehmen zu erkennen war, immer seltener zum Zug. Die Autohersteller bauten nun interne Designabteilungen auf. Bald verschwanden die Designfirmen unter dem Dach großer Konzerne (Ghia/Vignale bei Ford, Italdesign Giugiaro bei der VW-/Audi-Tochter Lamborghini, Pininfarina bei Mahindra). 2007 beendete Bertone die eigene Produktion. Das Werk in Grugliasco wurde 2009 an Fiat verkauft. 2014 musste das Unternehmen schließlich Konkurs anmelden.
Lediglich das Designstudio Bertone Design, das der Architekt Aldo Cingolani 2013 gegründet hatte, um die Marke Bertone auch in anderen Bereichen wie Architektur, Industriedesign und Mode zu etablieren, blieb bestehen. 2016 kaufte das französisch-belgische Technologieunternehmen AKKA Technologies die Marke Bertone. 2020 transferierten die damaligen AKKA-Eigentümer Mauro und Jean-Franck Ricci die Marke Bertone zu ihrer Privatfirma Ideactive. 2022 präsentierte Bertone den Supersportwagen GB110, dessen limitierte Produktion 2024 begann.
Text: Toralf Czartowski • Fotos: Unsplash.com, Pixabay.com, Public Domain