Markenlexikon

Bell Helicopter

USA

Lawrence Dale Bell (1894 – 1956) arbeitete zunächst bei dem damals sehr populären Stuntpiloten Lincoln Beachey als Mechaniker. Nachdem sein Bruder Grover Bell, der ebenfalls zur Truppe von Beachey gehörte, 1913 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, zog sich Larry Bell für eine Weile von der Fliegerei zurück. Auch Beachey selbst verunglückte 1915 bei einem seiner Stunts tödlich. Bald kehrte er jedoch wieder zurück und ging als Vorarbeiter zur Glenn L. Martin Company, wo er bis 1928 blieb. Anschließend wurde er General Manager und später Vizepräsident der Consolidated Aircraft Corporation in Buffalo. Als Consolidated Aircraft seinen Hauptsitz wegen des besseren Flugwetters nach San Diego/California verlegte, blieb Bell in Buffalo und gründete sein eigenes Unternehmen. Die Bell Aircraft Corporation wurde zunächst als Zulieferer für die Flugzeugindustrie tätig. Bald begann Bell jedoch auch eigene Konstruktionen zu entwickeln, so 1937 den Jagdbomber Bell P-39 »Airacobra« und 1942 die Bell P-59 »Airacomet«, das erste US-Jagdflugzeug mit Stralhantrieb. Berühmtheit erlangte die Firma auch mit den Raketenflugzeugen der X-Serie. Am 14. Oktober 1947 überschritt Testpilot Charles (Chuck) Yeager mit der Bell X-1A erstmals die Schallgeschwindigkeit, als er in eine Höhe von 12.000 Metern eine Geschwindigkeit von 1078 km/h (Mach 1,05) erreichte.

Anfang der 1940er Jahre begann sich die Firma mit der Konstruktion von Hubschraubern zu beschäftigen. 1946 bekam das Modell Bell 47 die weltweit erste Zulassungen für einen Zivilhubschrauber erteilt. Seit dieser Zeit konzentrierte sich Bell auf Helicopter. 1957 entstand extra für diesen Bereich die Tochtergesellschaft Bell Helicopter Corporation, die 1960 von dem US-Mischkonzern Textron übernommen wurde.

Textron war 1923 von Royal Little (1896 – 1989), dem Neffen des Chemikers und Unternehmensberaters Arthur Dehon Little (1863 – 1935), als Special Yarns Corporation (ab 1935 Atlantic Rayon Corporation; ab 1945 Textron Inc.) in Bosten gegründet worden. Das Unternehmen produzierte zunächst Stoffe für die Herstellung von Fallschirmen. Als man nach dem Ende des 2. Weltkriegs einen Markennamen für eine Kollektion von Blusen, Bettwäsche und anderen Textilien brauchte, erfand man die Bezeichnung Textron. »Tex« stand für »Textiles« und »tron« für die Synthetikfaser Lustron (Acetatseide). In den 1950er Jahren begann Textron vollkommen branchenfremde Unternehmen aufzukaufen (1953 Burkart Autoteile, 1955 Camcar Befestigungstechnik, 1960 Bell Aircraft/Bell Helicopter, 1960 Ez-Go Golf-Cars, 1985 Avco-Lycoming Flugzeugmotoren, 1986 Greenlee Werkzeuge, 1992 Cessna Aircraft, 2013 Beechcraft), die Textilproduktion wurde 1963 aufgegeben.

Bell Helicopter Textron wurde vor allem im militärischen Bereich der führende US-Hubschrauberhersteller, obwohl die meisten Modelle als Zivilhubschrauber entwickelt und erst danach für militärische Zwecke modifiziert werden. Ein Klassiker ist der Militärhubschrauber Bell 204/205 (Erstflug 1956), der anfangs von der Armee H-40 und HU-1 genannt, später jedoch in UH-1 »Iroquois« umgetauft wurde. Von der Bezeichnung HU-1 rührt auch der Spitzname »Huey« her. Da er vor allem im Vietnamkrieg als Truppentransport-, Versorgungs- und Evakuierungshubschrauber eingesetzt wurde, ist er in nahezu jedem Film über diesen Krieg zu sehen. Und nicht wenige Soldaten, die im Dschungel von Vietnam verwundet worden waren, verdanken ihm ihr Leben. Der UH-1 war einer der am meisten gebauten Hubschrauber der Welt. Er wurde auch in vielen anderen Ländern in Lizenz hergestellt, u.a. in Deutschland (von Dornier), Italien (von Agusta) und Japan (von Mitsubishi und Fuji Heavy Industries).

Weitere wichtige Bell-Hubschrauber waren/sind folgende Typen: Bell 209/AH-1G »HueyCobra«/AH-1J »SeaCobra« (Erstflug 1965), Bell 206 »JetRanger«/OH-58 »Kiowa« (Erstflug 1966), Bell 222 (Erstflug 1976), Bell 214B »BigLifter« (Erstflug 1974), Bell 214ST (Erstflug 1979), Bell 412 (Erstflug 1981), Bell 400 »TwinRanger« (Erstflug 1984), Bell 230 (Erstflug 1991) und Bell 427 (Erstflug 1997). Außerdem entwickelte Bell gemeinsam mit Boeing das Kipprotor-Flugzeug Bell/Boeing V-22 »Osprey« (Erstflug 1989), ein Verwandlungsflugzeug, das dank schwenkbarer Antriebe wie ein Hubschrauber schweben, aber auch wie ein Flugzeug fliegen kann. Ein weiteres Kipprotorflugzeug, die Bell/Agusta BA609 (Erstflug 2003), wurden zusammen mit Agusta (Italien) entwickelt.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49