Markenlexikon

Branchen: Agrar | Chemie (†) | Pharma

Bayer

inkl. Alka-Seltzer, Aspirin, Monsanto, Rennie, Schering

Deutschland

BENZOPURIN: Der Kaufmann Friedrich Bayer (1825 – 1880) und der Färbermeister Johann Friedrich Weskott (1821 – 1876) gründeten 1863 in Barmen bei Wuppertal eine Farbenfabrik, die zunächst Anilinfarbstoffe herstellte. 1885 entdeckte der Bayer-Chemiker Carl Duisberg den roten Farbstoff Benzopurin, der sich bald zum wichtigsten Produkt der Farbenfabrik entwickelte. 1888 stieg Bayer in die Produktion von pharmazeutischen Produkten ein. 1893 brachte das Unternehmen das erste synthetische Insektizid (Antinonnin) der Welt auf den Markt.

ASPIRIN: Im August 1897 wurde in den Bayer-Labors erstmals stabile, medizinisch nutzbare Acteylsalicylsäure synthetisiert (unreine ASS hatte der Franzose Charles Frédéric Gerhardt bereits 1853 synthetisiert). Bis heute herrscht Unklarheit darüber, ob der junge Chemiker Felix Hoffmann (1868 – 1946) oder Arthur Eichengrün (1867 – 1949), ebenfalls ein Bayer-Chemiker, ASS entwickelt haben. Eichengrün, der während der Nazi-Herrschaft 14 Monate im KZ Theresienstadt gesessen hatte, schrieb 1949 einen Brief an den IG-Farben-Konzern, zu dem Bayer damals gehörte, in dem er behauptete, er habe die Verantwortung für die Planung und Koordination von ASS innegehabt. Hoffmanns Arbeit sei lediglich eine ausführende Tätigkeit gewesen. ASS war ursprünglich als schmerzstillendes Mittel zur Behandlung von Rheuma-Patienten vorgesehen gewesen. Da der neue Stoff auch bei anderen Schmerzen eine erstaunliche Wirkung zeigte, brachte Bayer ASS 1899 unter dem Handelsnamen Aspirin in die Apotheken. Aspirin setzt sich zusammen aus »Acetyl« und »Spirsäure«, die identisch mit dem Wirkstoff Salicylsäure ist. 1900 gab es Aspirin als eines der ersten Medikamente auch in Tablettenform, seit 1904 mit dem eingestanzten Bayer-Kreuz. Schon bald nach seiner Einführung galt Aspirin als das bekannteste Medikament der Welt (Slogan: »Aspirin überwindet alle Schmerzen«), obwohl die Wirkung von ASS im Körper erst 1971 von dem britischen Mediziner John Vane wissenschaftlich erklärt werden konnte.

HEROIN: 1898 brachte Bayer das ebenfalls von Felix Hoffmann entwickelte Morphin-Derivat Diacetylmorphin auf den Markt, ein neues Medikament, das eigentlich gegen Hustenreiz bei Tuberkulose und Asthma gedacht war. Wegen seiner überragenden schmerzstillenden Wirkung setzte man es jedoch hauptsächlich zur Bekämpfung der Opium- und Morphin-Sucht ein, die besonders unter Soldaten, die bei Verletzungen mit Morphin (auch Morphium genannt) behandelt worden waren, weit verbreitet war. Bayer gab ihm den Namen Heroin (das Heroische). 1900 schrieb James Daly im Boston Medical and Surgical Daily:»Heroin weist viele Vorteile gegenüber dem Morphin auf. Es ist nicht hypnotisch; es besteht nicht die Gefahr, dass man davon süchtig wird.« Und 1906 führte Squibb‘s Materia Medica Heroin als »Arznei von großem Wert« an. Zwischen 1899 und 1915 produzierte Bayer jährlich eine Tonne Heroin und exportierte das Medikament in 22 Länder der Welt. Daneben gab es noch weitere Firmen, die die Substanz, die nicht patentgeschützt werden konnte, weil sie in der Fachwelt schon seit 1873 bekannt gewesen war, herstellten. Heroin wurde nicht nur zur Bekämpfung der Morphin-Sucht eingesetzt, sondern u.a. auch bei Asthma, Bluthochdruck, Bronchitis, Depressionen, Durchfall, Geisteskrankheiten, Herzerkrankungen, Lungenerkrankungen, Magenkrebs, Nymphomanie und allen Arten von Schmerzen. Dass es bei den damaligen Patienten nicht zu starken Rauschzuständen und zur Abhängigkeit kam, lag daran, dass das Mittel oral aufgenommen wurde und nur langsam ins Gehirn gelangte. Außerdem nahmen die Patienten eine weit geringere Menge ein, als es Süchtige heute tun. Obwohl das Suchtpotential von Heroin bereits seit 1904 in Fachkreisen bekannt war, führte erst der Missbrauch in den USA, wo gerauchtes oder intravenös gespritztes Heroin verwendet wurde, dazu, dass das Medikament durch steigende Abhängigenzahlen zunehmend in Verruf geriet. 1931 stellte Bayer die Produktion von Heroin schließlich ein.

TSV BAYER 04 LEVERKUSEN: 1904 führte Bayer das Bayer-Kreuz als Wahrenzeichen ein; im gleichen Jahr wurde auch der Sportverein TuS 04 Leverkusen (später TSV Bayer 04 Leverkusen) gegründet. 1912 verlegte Bayer seinen Firmensitz in die Nähe einer Arbeitersiedlung, die 1930 nach der Farbenfirma Carl Leverkus, die seit 1891 zu Bayer gehörte, in Leverkusen umbenannt wurde. Während des 1. Weltkriegs, als sich die verfeindeten Staaten gegenseitig Unternehmen, Vermögen, Patente und Warenzeichen beschlagnahmten, wurde Bayer in den USA, Kanada, Puerto-Rico, Großbritannien und Frankreich enteignet; alle Patente und Warenzeichen gingen 1918 in den Besitz anderer Firmen über, in den USA an das Pharma-Unternehmen Sterling Drug (später Sterling-Winthrop).

IG FARBEN: 1925 schlossen sich die führenden deutschen Chemieunternehmen Friedrich Bayer & Co. (Leverkusen), BASF Badische Anilin- und Soda Fabrik (Ludwigshafen), Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning (Frankfurt-Höchst), AGFA Actiengesellschaft für Anilin-Fabrikation (Berlin, Wolfen), Chemische Fabrik Griesheim-Elektron (Frankfurt/Main, Bitterfeld) und Chemische Fabriken vorm. Weiler ter Meer (Uerdingen) zu einer Interessengemeinschaft (I.G.) zusammen. Als Auffanggesellschaft diente die Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF), die ihren Namen in IG Farbenindustrie AG änderte und ihren Firmensitz nach Frankfurt am Main verlegte. 1926 kam noch die Dynamit Actien-Gesellschaft vorm. Alfred Nobel & Co. hinzu. Der damals größte Chemiekonzern der Welt finanzierte maßgeblich die Nationalsozialisten, beschäftigte bis zu 80.000 Zwangsarbeiter (1944), betrieb seit 1941 das Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz, und die I.G.-Farben-/Degussa-Tochtergesellschaft Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung) produzierte das in den Gaskammern der Konzentrationslager eingesetzte Giftgas Zyklon B (Blausäure), das von dem Degesch-Chemiker Walther Heerdt 1922 als Schädlingsbekämpfungsmittel entwickelt worden war.

BUNA, GLYSANTIN, ALKYDAL, DELIAL, PERLON: Andererseits entstanden in den zahlreichen IG-Farben-Werken (u.a. Bernburg, Bitterfeld, Böhlen, Frankfurt/Main, Krefeld-Hüls, Leverkusen, Ludwigshafen, Marburg, Marl, Merseburg/Leuna, Oppau, Schkopau, Uerdingen, Wolfen, Zeitz) so bahnbrechende Produkte wie 1927 der erste synthetische Kautschuk Buna (BUtadien + NAtrium), 1928 das erste Frostschutzmittel für Automobile (BASF Glysantin), 1929 das erste synthetische Polyesterharz (Bayer Alkydal), 1933 ein Lichtschutzfilter, der sich erstmals dosiert anwenden ließ (Bayer Delial), 1935 das erste Kunststoffband mit einer magnetisierbaren Eisenoxidbeschichtung (BASF Magnetophonband), 1936 die Kunststoffamilie der Polyurethane sowie der Agfacolor-Farbfilm, der erstmals eine wirklich befriedigende Qualität von Diapositiven bot, und 1938 die synthetische Faser Perlon, die eine ähnliche Beschaffenheit hatte, wie die amerikanische Kunstfaser Nylon von Du Pont.

BAYER AG: 1945 wurde das Vermögen des IG-Farben-Konzerns durch die Alliierten beschlagnahmt. 1948 kam es zu einem Prozess gegen die wichtigsten Manager und Direktoren der IG Farben (die letzten wurden bereits 1951 begnadigt). Zwischen 1949 und 1952 entstanden mehrere Nachfolgefirmen, u.a. 1951 die Farbenfabriken Bayer AG (ab 1977 Bayer AG).

DRALON, BAYGON, TALCID: 1954 brachte Bayer die Acrylfaser Dralon auf den Markt, 1964 das Insektizid Baygon, 1973 die Hautcreme Canesten zur Behandlung von Pilzerkrankungen und 1977 das Medikament Talcid (zur Behandlung von Magenbeschwerden und Sodbrennen).

MILES LABORATORIES, ALKA-SELZER: 1978 kehrte Bayer nach Amerika zurück und übernahm den Konkurrenten Miles Laboratories, durfte dort aber auch weiterhin nicht unter seinem Namen auftreten. Erst 1994 konnte Bayer seine Markenrechte in den USA, Kanada und Puerto-Rico durch den Kauf von Sterling-Winthrop zurückerwerben (seit 1995 firmiert Miles als Bayer Corporation). Das 1884 von dem Arzt Dr. Franklin Lawrence Miles (1845 – 1929) in Elkhart/Indiana gegründeten Unternehmen hatte 1931 Alka-Seltzer auf den Markt gebracht hatte – im Prinzip das gleiche Medikament wie Aspirin. Es enthält ebenfalls den Wirkstoff ASS. Der Name Alka-Seltzer entstand aus den Wörtern »alkaline« (engl. alkalisch) und »seltzer« (am. Selterswasser) – weil die Tabletten im Wasser sprudeln.

AVENTIS: Ab der Jahrtausendwende richtete sich der Bayer-Konzern vollkommen neu aus. Zunächst wurde die Agfa-Gavaert AG, die seit 1951 zu Bayer gehörte, als selbstständiges Unternehmen an der Börse platziert (1999). 2000 verkaufte Bayer das Geschäftsfeld Acrylfasern (Dralon) an die italienische Fraver-Gruppe. Aus dem Zusammenschluss der Pflanzenschutzsparten von Bayer (Bayer Crop Protection) und Aventis (Aventis CropScience; 1994 von Hoechst und Schering als Hoechst-Schering AgrEvo gegründet) entstand 2002 die Bayer CropScience AG. 2003 erwarb das US-Unternehmen S.C. Johnson & Son Teile des Geschäfts mit Haushaltsinsektiziden (u.a. die Marke Baygon). 2004 erwarb Bayer das OTC-Geschäft (nicht verschreibungspflichtige Medikamente) der Schweizer Roche Holding (Aleve, Bepanthen, Berocca, Flanax, Redoxon, Rennie, Supradyn). 2005 wurden Teile der Chemie- und Kunststoffsparte (Kautschuke, Kautschukchemikalien, Kunststoffe, Industrie- und Feinchemikalien, Prozess- und Funktionschemikalien) in das neugegründete Unternehmen Lanxess AG ausgegliedert.

SCHERING: 2006 entbrannte zwischen Bayer und Merck ein Übernahmekampf um die Schering AG, den Bayer letztlich für sich entscheiden konnte. Im Dezember 2006 wurde die Schering AG in Bayer Schering Pharma AG umbenannt. 2009 kam es zum Zusammenschluss der Bayer HealthCare AG und der Bayer Schering Pharma AG; der pharmazeutische Bereich der Bayer HealthCare AG firmieren nun als Bayer Schering Pharma AG. Mit der Umbenennung der Bayer Schering Pharma AG in Bayer HealthCare Pharmaceuticals wurde der Name Schering 2011 aufgegeben.

2014 erwarb Bayer die Consumer-Care-Sparte des US-Konkurrenten Merck & Co. (A+D, Afrin, Bain de Soleil, Chlor-Trimeton, Claritin, Coppertone, Coricidin HBP, Dr. Scholl's, Gyne-Lotrimin, Lotrimin, Miralax, Oxytrol, Tinactin, Zegerid OTC).

COVESTRO: 2015 gliederte Bayer die Bayer MaterialScience AG Leverkusen (Kunststoffe, Polymere, Spezialchemikalien) in das wirtschaftlich und rechtlich eigenständige Unternehmen Covestro AG aus. Die Bayer AG konzentriert sich nun ausschließlich auf das Life-Science-Geschäft: verschreibungspflichtige Medikamente, verschreibungsfreie Mittel, Tiergesundheit (Produkte zur Behandlung von Haus- und Nutztieren) und Pflanzenschutz (Saatgut, Pflanzenschutz, Schädlingsbekämpfung).

MONSANTO: 2018 erwarb Bayer für rund 63 Milliarden Dollar (53,6 Mrd. Euro) den US-Agrar- und Biotechnologie-Konzern Monsanto. Die Fusion war die bislang teuerste Übernahme eines deutschen Unternehmens. Bayer stieg damit zum weltgrößten Anbieter von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut auf. Den belasteten Namen Monsanto gab Bayer auf, die Produkte (u.a. Lasso, Machete, Roundup) behielten jedoch ihre Markennamen. Im Zuge der Übernahme musste Bayer einige Geschäftsbereichen an BASF verkaufen (Gemüse- und Feldsaatgutgeschäft, Digital Farming, Unkrautvernichtungsmittel Glufosinat).

Zu den wichtigsten Produkten von Bayer zählen u.a. Adalat (Behandlung von Bluthochdruck und koronaren Herzerkrankungen), Adempas (Behandlung verschiedener Formen des Lungenhochdrucks), Advantage (Floh-, Zecken-, Entwurmungsmittel), Aleve (Analgetikum), Alka-Selzer (Schmerzmittel), Aspirin (Schmerzmittel), Avalox/Avelox (Atemwegsinfektionen), Avalox/Avelox (Antibiotikum), Bain de Soleil (Sonnenschutzmittel), Basta (Herbizid), Baygon (Insektizid), Bepanthen (Wundsalbe), Betaferon/Betaseron (Multiple-Sklerose-Medikament), Canesten (Antimykotikum), Claritin (Allergiemittel), Confidor (Insektizid), Dr. Scholl's (Fußpflegeprodukte), Elevit Pronatal (Multivitaminpräparat), Eylea (Augenmedikament), Gaucho (Insektizid), Glucobay (Antidiabetikum), Kogenate (Blutgerinnungsmittel), Levitra (Erektile Dysfunktion), Liberty (Herbizid), Magnevist (Kontrastmittel), Mirena (Hormonspirale), Nativo (Fungizid), Nexavar (Krebsmedikament), Nunhems (Gemüsesaatgut), One-A-Day (Vitaminpräparat), Prosaro (Fungizid), Redoxon (Vitaminpräparat), Rennie (Magenmittel), Roundup (Breitbandherbizid), Seresto (Floh- und Zeckenhalsband), Stivarga (Krebsmedikament), Suprady (Nahrungsergänzungsmittel), Talcid (Magenmedikament), Valette (Mikropille), Xarelto (Gerinnungshemmer), Xofigo (Krebsmedikament) und Yasmin/Yaz/Yasminelle (Kontrazeptiva). Der 1997 auf den Markt gebrachte Cholesterin-Senker Lipobay (in den USA Baycol) musste 2001 wegen mehrerer Todesfälle in den USA und in Deutschland vom Markt genommen werden. Den Verhütungsmitteln Yasmin und Yasminelle wird ein erhöhtes Thrombose-Risiko angelastet.

Produktionsstandorte betreibt Bayer u.a. in Argentinien (Pilar, Zárate), Belgien (Antwerpen), Brasilien (Belford Roxo, Porto Alegre, São Paulo), China (Shanghai), Deutschland (Bergkamen, Berlin, Bitterfeld, Brunsbüttel, Dormagen, Grenzach, Krefeld-Uerdingen, Kiel, Leverkusen, Weimar, Wuppertal-Elberfeld), Frankreich (Fos-sur-Mer, Gaillard/Savoie, Marle-sur-Serre, Villefranche/Saone), Großbritannien (Norwich, Widnes), Italien (Filago, Garbagnate, Mussolente, Nera Montoroin), Kolumbien (Barranquilla, Cali), Mexiko (Lerma, Mexico City, Orizaba, Monterrey, Santa Clara), Spanien (La Felguera, Madrid, Tarragona, Zona Franca), Südafrika (Gauteng, Kwa-Zulu Natal), Thailand (Map Ta Phut), der Türkei (Gebze, Istanbul), den USA (Baytown/Texas, New Martinsville/West-Virginia) und Venezuela (Caracas, Maracay).

Übernommene Unternehmen, Tochtergesellschaften, Beteiligungen (Auswahl)

Schering

Der Apotheker Ernst Christian Friedrich Schering (1824 – 1889) eröffnete 1851 in Berlin zunächst eine eigene Apotheke (Grüne Apotheke). 1864 errichtete er ebenfalls in Berlin eine Fabrik zur Produktion von Arzneimitteln und Chemikalien für medizinische und industrielle Zwecke (Chemische Fabrik E. Schering; ab 1871 Chemische Fabrik auf Actien vorm. E. Schering, ab 1937 Schering AG). Hugo Schering, der Neffe von Ernst Schering, rief 1876 in New York eine Handelsniederlassung ins Leben (Schering & Glatz). Schering stellte neben den verschiedensten Medikamenten, Chemikalien, Schädlingsbekämpfungsmitteln und Desinfektionsmitteln bald auch Fotopapiere (ab 1901) und Pflanzenschutzmittel (ab 1924) her. Infolge des 1. Weltkriegs wurde die New Yorker Tochtergesellschaft 1918 enteignet und die Patente und Warenzeichen in den USA beschlagnahmt; 1928 entstand eine neue amerikanische Tochtergesellschaft (Schering Corporation). 1942, nach dem Kriegseintritt der USA, wurde dieses Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Venezuela erneut enteignet und 1952 durch die amerikanische Regierung an private Investoren verkauft (1971 entstand aus dem Zusammenschluss von Schering und Plough die Schering-Plough Corporation). 1961 brachte Schering das erste europäische Präparat zur hormonalen Empfängnisverhütung auf den Markt (Anvolar) – in diesem Bereich war Schering lange Zeit weltweit führend.

1965/1967 erwarb Schering u.a. in Frankreich, Italien und Großbritannien das Recht zur Nutzung des Namens Schering. 1988 einigte sich Schering mit Schering-Plough über die weltweite Nutzung des Namens Schering; Schering durfte nun in den USA unter dem Namen Schering Berlin auftreten und Schering-Plough konnte seinen Namen in allen Ländern der Welt verwenden, außer in Deutschland, Österreich und der Schweiz (dort tritt Schering-Plough unter dem Namen Essex Pharma auf). 1993 erwarb Schering von der Chiron Corporation (USA) die weltweiten Vermarktungsrechte für das Multiple-Sklerose-Medikament Betaseron (Betaferon), das heute zu den großen Bayer-Umsatzbringern zählt.

1994 gründeten Hoechst (60 Prozent) und Schering (40 Prozent) das Gemeinschaftsunternehmen Hoechst-Schering AgrEvo GmbH (ab 2000 Aventis CropScience S.A.), in das beide Partner ihr Geschäft mit Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln einbrachten (2002 Übernahme durch Bayer; heute Bayer CropScience AG).

1996 erwarb Schering die Jenapharm GmbH (seit 1995 Hersteller der Mikropille Valette mit dem neuen Gestagen Dienogest) und die Leiras Oy (Turku/Finnland), die 1989 die Hormonspirale Mirena auf den Markt gebracht hatte. Mit der der niedrig dosierten Mikropille Yasmin (Markteinführung: 2000), die neben dem Östrogen das von Schering entwickelte Gestagen Drospirenon enthält und östrogenbedingte Wassereinlagerungen und prämenstruellen Beschwerden abschwächt (Gewichtszunahme, Brustspannen, Stimmungsschwankungen), gelang Schering ein dauerhafter Erfolg; Yasmin ist inzwischen eine der weltweit am meist verkauften Pillen.

Im Frühjahr 2006 entbrannte zwischen der Merck KGaA und der Bayer AG ein Übernahmekampf um die Schering AG, die Bayer letztlich für sich entscheiden konnte. Im Dezember 2006 wurde die Schering AG in Bayer Schering Pharma AG umbenannt. 2009 kam es zum Zusammenschluss der Bayer HealthCare AG und der Bayer Schering Pharma AG; der pharmazeutische Bereich der Bayer HealthCare AG firmieren nun als Bayer Schering Pharma AG. Mit der Umbenennung der Bayer Schering Pharma AG in Bayer HealthCare Pharmaceuticals wurde 2011 der Name Schering aufgegeben.

Monsanto

John Francis Queeny (1859 – 1933), ein Angestellter der Meyer Brothers Drug Company, gründete im November 1901 in St. Louis/Missouri eine eigene Firma, die er nach dem Mädchennamen seiner Frau (Olga Mendez Monsanto) benannte. Zunächst produzierte das Unternehmen u.a. Saccharin (für die Produktion von Coca-Cola), Koffein, Vanille und ab 1917 ASS (Azetylsalizylsäure = Aspirin). 1919 beteiligte sich Monsanto an dem Chemieunternehmen Graesser Chemical Works aus Ruabon/Wales (Großbritannien), einem Hersteller von Phenol (vollständige Übernahme 1931). Weitere internationale Niederlassungen entstanden 1930 in Australien, 1932 in Kanada und 1947 in Indien. In den 1920er Jahren exportierte Monsanto erstmals Saccharin, verpackt in wasserdichten Ein-Pfund-Dosen, nach China. Im Oktober 1929, wenige Tage vor dem »Schwarzen Freitag«, wurde das Unternehmen an der New Yorker Börse platziert. Zur gleichen Zeit stieg Monsanto mit der Übernahme der Rubber Services Laboratories und der Merrimac Chemical Company in die Bereiche Kautschuk- und Textilchemikalien ein. 1935 kam durch den Kauf der Swann Corporation ein neuer Geschäftsbereich hinzu: Phosphor- und Phosphatverbindungen für die Seifen- und Waschmittelindustrie; ab 1936 baute Monsanto in Tennessee eigenes Phosphat ab. 1938 stieg der Konzern mit der Übernahme des Zelluloidherstellers Fiberloid Corporation aus Springfield/Massachusetts in das Kunststoff- und Harzgeschäft ein.

Im April 1947 kam es in einem erst kurz zuvor errichteten Monsanto-Werk in Texas City/Texas zu einer folgenschweren Katastrophe: ein im Hafen vor Anker liegendes Schiff, das mit 8.500 Tonnen Ammoniumnitrat-Dünger beladen war, geriet in Brand und explodierte, wodurch das Werk, die Hafenanlagen und die Stadt zum Teil zerstört wurden (rund 600 Gebäude); 581 Menschen kamen durch das Unglück ums Leben, 5000 wurden verletzt und 2000 Personen waren anschließend obdachlos. Das Texas-City-Desaster gilt als der schlimmste Betriebsunfall in der Geschichte der USA.

In den 1950er Jahren wurde die Produktpalette um petrochemische Ausgangsstoffe (1955 Übernahme von Lion Oil), Kunststoffe, Kunstharze und Oberflächenbeschichtungen, Kunstfasern (Acrilan, Nylon), Silikon für die Elektronikindustrie und Pflanzenschutzmittel (Herbizide) erweitert (1956 Randox, 1957 Vegadex, 1961 Avadex, 1965 Ramrod, 1969 Lasso, 1971 Machete, 1974 Roundup). In den 1960er Jahren war Monsanto neben Dow Chemical, Uniroyal, Hercules, Diamond Shamrock, Thompson Chemical und TH Agriculture Hauptproduzent des Entlaubungsmittels Agent Orange, das von den US-Streitkräften im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde. 1976 produzierte Monsanto die weltweit erste Kunststoff-Flasche für alkoholfreie Getränke (Cycle-Safe-Flasche), die jedoch schon ein Jahr später wieder wegen begründeter Krebsgefahr vom Markt genommen werden musste.

Anfang der 1980er Jahre konzentrierte sich Monsanto verstärkt auf die Bereiche Biotechnologie und Biomedizin. 1982 gelang Monsanto-Wissenschaftlern erstmalig die gentechnische Veränderung einer Pflanzenzelle. Ein Jahr später stellte das Unternehmen den ersten Patentantrag für ein gentechnisch verändertes Lebewesen (eine von Monsanto entwickelte Petunie). Ab 1987 führte Monsanto erstmals Feldversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen durch.

In der Folgezeit erwarb Monsanto zahlreiche Biotech- und Saatgutunternehmen (u.a. 1983 Jacob Hartz Seed, 1995/97 Calgene, 1996 Asgrow Agronomics, 1997 Holden's Foundation Seeds, 1997/98 DeKalb Genetics, 1998 das internationale Saatgutgeschäft von Cargill sowie Plant Breeding International Cambridge von Unilever, 2005 Seminis), andere Geschäftsbereiche wurden verkauft oder in selbstständige Unternehmen ausgegliedert (1982 Ammoniumnitrat-Düngemittelgeschäft, 1985 Monsanto Oil, 1995 Styrol-Kunststoffe, 1997 das gesamte Chemiegeschäft, 2000 NutraSweet).

Durch die Übernahme der Firma G.D. Searle & Co. 1985 wurde Monsanto auch im Bereich Arzneimittel (Ambien, Arthrotec, Celebrex, Cytotec, Daypro, Dramamine, Enovid, Metamucil) und Süßstoffe (Aspartame/NutraSweet) tätig; Searle hatte 1960 die erste Antibabypille auf den Markt gebracht (Enovid 10) und 1965 den Süßstoff Aspartame (NutraSweet) entwickelt. 1989 erhielt Cytotec als weltweit erstes Krebsbekämpungsmittel von der US-Arzneimittelbehörde FDA (Federal Drug Administration) eine Zulassung. 1992 kamen die Medikamente Ambien (gegen Schlaflosigkeit) sowie Daypro und Arthrotec (Arthritismittel) auf den Markt.

1993 wurde Posilac (Bovine Somatotropin), ein leistungssteigerndes Hormon für Milchkühe, für die kommerzielle Nutzung zugelassen. 1995 folgten mehrere gentechnisch veränderte Produkte: insektengeschützte Bollgard-Baumwolle und NewLeaf-Kartoffeln, glyphosat-tolerante RoundupReady-Produkte (Baumwolle, Raps, Sojabohnen) sowie YieldGard-Mais. Unter der Marke RoundupReady vermaktet Monsanto genmanipulierte Nutzpflanzen, die gegen das Herbizid Roundup resistent gemacht wurden. Da das Totalherbizid alle Pflanzen außer der genveränderten Nutzpflanze vernichtet, entfällt das mehrfache Spritzen der Pflanzen mit spezifischen Herbiziden.

2000 kam es zum Zusammenschluss mit dem Pharmahersteller Pharmacia & Upjohn zur Pharmacia Corporation. Pharmacia behielt das Pharmageschäft von Monsanto und brachte die Agrarsparte 2002 als eigenständiges Unternehmen an die Börse.

Zu den wichtigsten Produkten von Monsanto gehörten Pflanzenschutzmittel (Lasso, Latitude, Roundup), gentechnisch verändertes Nutzpflanzen-Saatgut, vor allem Mais, Sojabohnen, Reis, Baumwolle, Raps, Sonnenblumen und Kartoffeln (Bollgard, DeKalb, NatureMark, NewLeaf, RoundupReady, YieldGard) sowie Posilac (leistungssteigerndes Hormon für Milchkühe).

Roundup (Wirkstoff: Glyphosat) ist das inzwischen weltweit am meisten verkaufte Totalherbizid (Totalherbizide vernichten alle Pflanzen außer der genveränderten RoundupReady-Nutzpflanze). Inzwischen gibt es jedoch immer mehr Roundup-resistente Unkräuter, außerdem genveränderte Nutzpflanzen, die sich nicht mehr bekämpfen lassen und damit zur Plage werden. Seit 2002 gibt es Vermutungen, dass die Verwendung des Unkrautvernichtungsmittels zu einer erhöhten Zahl von Fehlbildungen während der Schwangerschaft führen kann. Außerdem wird vermutet, dass Roundup für das rasante globale Amphibiensterben mitverantwortlich sein könnte. Posilac, das bei Kühen die Wahrscheinlichkeit von Euterentzündungen erhöht, steht im Verdacht, dass Rückstände in der Kuhmilch beim Menschen gesundheitliche Schäden verursachen können. Über eine eventuelle Karzinogenität von Glyphosat gibt es zahlreiche Studien (u.a. von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen wie EPA, WHO/IARC, EU/EFSA, Naturschutzbund Deutschland, Greenpeace, Friends of the Earth), die allerdings zu widersprüchlichen Ergebnissen führten.

2013 erwarb Monsanto die Climate Corporation, ein von ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründetes Start-up, das Wetterprognosen für rund 30 Millionen Felder in den USA erstellt, um Farmern Ernteausfallversicherungen anbieten zu können. Climates Wetterdaten und Monsantos Datenbanken über Sorten und Erträge wurden inzwischen miteinander kombiniert.

Seit den 1990er Jahren wurde die Kritik an den Geschäftspraktiken des Konzerns immer lauter. Kritisiert wurden vor allem die Monopolisierung des weltweiten Saatgut- und Nahrungsmittelgeschäftes (Monsanto war nach DuPont der weltweit zweitgrößte Saatgutanbieter und der größte Anbieter von genverändertem Saatgut), die Zerstörung von landwirtschaftlichen Strukturen, die von Monsanto entwickelte Terminator-Technologie (das Erbgut von Pflanzen wird gentechnisch so verändert, dass nur ein einmaliges Keimen der Pflanzen möglich ist, wodurch verhindert wird, dass ein Teil der Ernte für die Aussaat im nächsten Jahr wieder verwendet werden kann), Knebelverträge mit den Nutzern der Monsanto-Produkte (weitreichende Kontrollen der Landwirte und ihrer Anbauflächen, Landwirte dürfen bei Ernte- oder Ertragsausfällen nicht gegen Monsanto klagen, Schweigepflicht gegenüber Dritten in Konfliktfällen zwischen Landwirten und Monsanto), Vertuschung von Gesundheitsgefahren, unvermeidbare Kontamination ganzer Regionen mit Monsanto-Saatgut sowie die Einflussnahme von Unternehmenslobbyisten auf Zulassungsbehörden, Politiker, Wissenschaftler und Medienvertreter.

An Monsanto scheiden sich bis heute die Geister: die einen verfolgen den Konzern mit inbrünstigem Hass und sehen in ihm einen teuflischen Moloch, der die Weltherrschaft über die Nahrungsmittel erlangen will, die anderen weisen darauf hin, dass Monsanto auch nichts anderes macht, als Bauern seit vielen Jahrhunderten, nämlich Pflanzen mit allerlei Tricks zu verändern und ihren Wünschen anzupassen. Nur mit etwas moderneren Methoden. Monsanto selbst sieht sich als Retter der Erde; die grüne Gentechnik sei die beste Möglichkeit, so die Konzern-Verantwortlichen, die Versorgung der Weltbevölkerung zu sichern und gleichzeitig die Umwelt zu schützen.

2018 wurde Monsanto von dem deutschen Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer für rund 63 Milliarden Dollar (53,6 Mrd. Euro) übernommen. Die Fusion war die bislang teuerste Übernahme eines deutschen Unternehmens. Bayer stieg damit zum weltgrößten Anbieter von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut auf. Den belasteten Namen Monsanto gab Bayer auf, die Produkte behielten jedoch ihre Markennamen. Im Zuge der Übernahme musste Bayer einige Geschäftsbereichen an BASF verkaufen (Gemüse- und Feldsaatgutgeschäft, Digital Farming, Unkrautvernichtungsmittel Glufosinat).

Rennie

Dieses Magenmittel geht auf den Engländer John Rennie zurück, der ab 1929 in Frankreich verdauungsfördernde Tabletten namens Digestif Rennies verkaufte. 1935 erwarb Harry Marland für 5000 Pfund die Herstellungs- und Markenrechte. Er soll John Rennie prophezeit haben, »Sie werden sehen, eines Tages wird ihr Name in jeder Hausapotheke vertreten sein«. Kurz darauf brachte er die Tabletten in Großbritannien in den Handel. Rennie wurde später von der französischen Pharmafirma Aspro-Nicholas übernommen, eine Tochtergesellschaft des australischen Unternehmens Nicholas (Aspro/ASS), 1991 von dem Schweizer Pharmakonzern Roche (Bepanthen, Supradyn, Valium) und 2005 verkaufte Roche sein OTC-Geschäft (Aleve, Bepanthen, Berocca, Flanax, Redoxon, Rennie, Supradyn) an den deutschen Pharmakonzern Bayer (Aspirin, Alka-Selzer, Canesten, Talcid, Valette, Yasmin). Rennie besteht nach wie vor aus Calcium- und Magnesiumcarbonat. Kombiniert neutralisieren diese Substanzen die Magensäure. Rennie gehört neben Maalox/Maaloxan (Sanofi-Aventis), Riopan (Nycomed) und Talcid (Bayer) zu den weltweit am meisten verwendeten Antazida (Arzneimittel zur Neutralisierung der Magensäure).

Text: Toralf Czartowski

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