Markenlexikon

BAE Systems

Großbritannien

Nachdem die weltweite Ölkrise in den frühen 1970er Jahren den großen Airlines bei der Flugzeugbeschaffung Zurückhaltung auferlegte und selbst die prestigeträchtige Concorde kaum Käufer anlockte, kamen die europäischen Hersteller zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. 1976 nahm sich die britische Regierung des Problems im eigenen Lande an und verstaatlichte Hawker-Siddeley und die British Aircraft Corporation (BAC 1-11 One-Eleven, Concorde, Tornado). 1977 schlossen sich Hawker-Siddeley Aviation (Flugzeugbau), Hawker-Siddeley Dynamics (Lenkwaffen, Raumfahrtsparte), die British Aircraft Corporation und Scottish Aviation (Handley Page, Jetstream) zum Luft- und Raumfahrtkonzern British Aerospace (BAe) zusammen. Die restlichen Geschäftfelder der Hawker-Siddeley Group (Eisenbahn- und Signaltechnik, Industrieausrüstung, Fernmeldetechnik, Instandhaltung von Fahrwerken, Hydraulikkomponenten, Bremsen und Rädern) und die Auslandstochtergsellschaften wurden in den nächsten Jahren an andere Unternehmen verkauft.

Durch den Zusammenschluss befanden sich nun sämtliche größeren Flugzeugwerke Großbritanniens unter einem Dach: Brockworth/Gloucestershire/England (Gloucestershire Aircraft, Gloster Aircraft, Hawker-Siddeley; Javelin, Meteor), Brooklands/Surrey/England (Vickers Aviation, Vickers-Armstrong Aircraft, British Aircraft; BAC One Eleven, Concorde, Seafire, Spitfire, Vanguard, VC10, Viking, Viscount, Warwick, Wellington), Brough/England (Blackburn, Hawker-Siddeley; Buccaneer, Harrier, Hawk), Broughton/Hawarden/Wales (Vickers-Armstrong, De Havilland, Hawker-Siddeley; Airbus, Comet, HS.125, Lancaster, Mosquito, Vampire, Wellington), Dunsfold/Surrey/England Hawker-Siddeley; Gnat, Harrier, Hawk, Hunter), Filton bei Bristol/England (Bristol Aeroplane, Bristol Aircraft, British Aircraft; Airbus, Beaufort, Beaufighter, Blenheim, Brabazon, Brigand, Britannia, Concorde), Hamble-le-Rice (Folland Aircraft, Hawker-Siddeley; Gnat, Harrier, Hawk, Midge), Hatfield/Hertfordshire/England (De Havilland, Hawker-Siddeley; Comet, Trident, Vampire), Hucclecote/Gloucestershire/England (Gloucestershire Aircraft, Gloster Aircraft, Hawker-Siddeley; Javelin, Meteor), Kingston upon Thames (Sopwith Aviation, Hawker Aircraft, Hawker-Siddeley; Harrier, Hurricane, Hunter, Sopwith Camel), Manchester Woodford/England (Avro, Hawker-Siddeley; Anson, ATP, BAe 146, Lancaster, Nimrod, Shackleton, Vulcan), Prestwick/South Ayrshire/Scotland (Scottish Aviation; ATP, Bulldog, Jetstream, Pioneer, Twin Pioneer) und Warton/Lancashire/England (English Electric Aviation, British Aircraft; Canberra, Eurofighter Typhoon, Hawk, Lightning, Sepecat Jaguar, Tornado).

1979 beteiligte sich British Aerospace mit 20 Prozent an Airbus Industrie; Hawker-Siddeley war zuvor nur assozierter Partner gewesen.

Im Juni 1986 gründeten British Aerospace, Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB, DASA) und Aeritalia/Alenia das Eurofighter-Konsortium mit dem Ziel, bis zum Ende der 1990er Jahre ein vollkommen neues Mehrzweck-Kampfflugzeug zu entwickeln und zu bauen, das den Panavia Tornado ablösen sollte. Bereits vor der Eurofighter-Gründung hatte es mehrere Projekte zur Entwicklung eines zukünftigen europäischen Kampfflugzeugs gegeben, an denen BAe beteiligt war, u.a. ECF (European Combat Fighter; 1979 – 1982; British Aerospace, MBB, Dassault), ACA (Agile Combat Aircraft; 1982 – 1983; British Aerospace), EAP (Experimental Aircraft Programme; 1983 – 1991; British Aerospace, MBB, Aeritalia; Erstflug des BAe EAP: 1986) und F/EFA (Future European Fighter Aircraft; 1983 – 1985; British Aerospace, MBB, Aeritalia, CASA, Dassault). Im März 1994 startete der erste Prototyp DASA DA1 in Manching zum Jungfernflug, kurz darauf folgte die britische BAe DA2 – beide noch mit den alten Tornado-Triebwerken (Turbo-Union RB 199). Im Juni 1995 flog die italienische Alenia DA3 erstmals mit dem neuen Turbofan-Triebwerk EJ-200-01A.

1987 erwarb British Aerospace die Royal Ordnance plc., einen zuvor staatlichen britischen Waffen- und Munitionshersteller (Royal Ordnance Factories/ROF). ROF hatte von 1983 bis 1986 in einer Fabrik in Leeds den Kampfpanzer Challenger hergestellt; diese Sparte war aber 1986 an Vickers verkauft worden.

1993 verkaufte British Aerospace den Bereich Geschäftsflugzeuge (BAe Corporate Jets, Arkansas Aerospace) und den traditionsreichen Namen Hawker an den US-Rüstungskonzern Raytheon, dem damals auch die Beech Aircraft Corporation gehörte. Der Bereich BAe Corporate Jets geht auf das zweistrahlige Geschäftreiseflugzeug De Havilland DH.125 Jet Dragon/HS.125 (ab 1977 BAe 125) zurück, das erstmals 1962 geflogen war. Aus dem Zusammenschluss von Raytheon Corporate Jets (Hawker) und der Beech Aircraft Corporation entstand 1994 die Raytheon Aircraft Corporation, die den zivilen Flugzeugbau 2007 an die Onex Corporation (Kanada) und die US-Investmentbank Goldman-Sachs weiterreichte. Das neue Unternehmen firmierte anschließend als Hawker-Beechcraft Corporation. Von Mai 2012 bis Februar 2013 befand sich Hawker-Beechcraft unter Gläubigerschutz. Ende 2013 wurde die reorganisierte Beechcraft Corporation vom Textron-Konzern (Bell Helicopter, Cessna, Lycoming) übernommen. Mit dem Produktionsende der Hawker 800, einer Weiterentwicklung der DH.125, wurde 2013 auch das traditionsreiche Name Hawker aufgegeben.

Ebenfalls 1993 entstand die Tochtergesellschaft Avro International Aerospace, die die Produktion und Vermarktung des Regionalverkehrsflugzeuges BAe 146 übernahm, das daraufhin in Avro RJ70 (BAe 146-100), Avro RJ85 (BAe 146-200) und Avro RJ100 (BAe 146-300) umbenannt wurde. Die BAe 146 war bereits seit 1973 von Hawker-Siddeley unter der Bezeichnung HS-146 entwickelt worden. Der Erststart fand jedoch aufgrund der Ölkrise von 1973/74 erst im September 1981 statt. Die BAe 146 war bis zur Gründung von Avro International in Hatfield/Herts gebaut worden, danach wurde die Produktion nach Woodford/Cheshire bei Manchester verlegt. 1996 brachte British Aerospace die Avro-Flugzeugfamilie in das Jointventure Aero International (Regional) ein, an dem auch Aérospatiale aus Frankreich und Alenia aus Italien beteiligt waren. Bereits 1998 wurde AI(R) jedoch wieder aufgelöst. 2002 stellte BAE Systems die Produktion der Regionalverkehrsflugzeuge ein. Insgesamt sind von der Avro RJ 394 Exemplare gebaut worden. Die drei Protoytpen der geplanten Avro RJX waren die letzten in Großbritannien gefertigten Verkehrsflugzeuge.

1997 beteiligte sich BAe am Joint-Strike-Fighter-Programm von Lockheed-Martin und Northrop-Grumman, das eine ganze Generation von Kampfflugzeugen ablösen soll (A-10, F-16, F-18, Harrier II, SEPECAT Jaguar). Die Lockheed-Martin X35A startete 2000 zu ihrem Jungfernflug.

1999 übernahm British Aerospace die G.E.C.-Tochter Marconi Electronic Systems (MES; vormals GEC-Marconi), zu der der gesamte militärische Bereich von G.E.C. gehörte (einschließlich der Werften von Yarrow Shipbuilders und Vickers Shipbuilding and Engineering), und benannte sich daraufhin in BAE Systems plc. um. Gleichzeitig gab sich der verbliebene G.E.C.-Konzern, der sich nun nur noch mit Telekomausrüstungen beschäftigte, den Namen Marconi plc.

2004 erwarb BAE Systems die Wehrtechnikaktivitäten der Rolls-Royce-Group (Alvis-Vickers; Challenger-Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Minenräumgeräte), die 2002 aus dem Zusammenschluss von Alvis (Spezialfahrzeuge für die britische Armee) und Vickers Defence Systems (u.a. Kampfpanzer Challenger II) entstanden war; Alvis-Vickers wurde anschließend mit RO Defence (Royal Ordnance) zusammengeschlossen und in BAE Systems Land Systems umbenannt.

2006 verkaufte BAE Systems seinen 20-prozentigen Airbus-Anteil an den europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (heute Airbus Group), der nun alleiniger Bersitzer des Unternehmens Airbus S.A.S. ist. BAE Systems produziert aber weiterhin Teile für den Airbus (Tragwerk).

BAE Systems stellt u.a. lasergesteuerte Bomben, Flugzeugträger, Luftverteidigungssysteme, militärische Aufklärungs- und Kommunikationstechnologie, Militärfahrzeuge (Bradley), Minenräumgeräte, Militärflugzeuge (Eurofighter, Harrier, Hawk, Nimrod), Navigationssyteme, Panzer (Challenger II), Radarsysteme, Flugabwehrraketen, Torpedos, U-Boote, Zerstörer und Flugzeugteile (für Airbus) her. Seit 1998 besitzt BAE Systems auch eine 22-prozentige Beteiligung an dem schwedischen Flugzeughersteller Saab; außerdem ist der Konzern an der Airbus-Group-Tochtergesellschaft Eurofighter beteiligt (33 Prozent).

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 26.02.2019 | 00:37