Markenlexikon

Alstom

Frankreich

Die Ursprünge von Alstom gehen auf eine Maschinenfabrik zurück, die André Koechlin (1789 – 1875) 1826 in Mülhausen gegründet hatte. Die Firma produzierte Spinn- und Webmaschinen, Dampfmaschinen, Turbinen (ab 1834) und Dampflokomotiven (ab 1839). Nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg von 1870/71 musste Frankreich Teile Elsass-Lothringens an das Deutsche Reich abtreten, sodass die Elsässische Maschinenbaugesellschaft Andreas Köchlin & Cie. und die Firma Établissements de Constructions Mécaniques de Strasbourg in Illkirch-Graffenstaden bei Strasbourg nun zu Deutschland gehörten. Beide Unternehmen wurden 1872 zur Elsässischen Maschinenbau-Gesellschaft Grafenstaden zusammengeschlossen. Viele Elsässer zogen daraufhin in die französische Stadt Belfort, etwa 50 Kilometer südwestlich von Mülhausen, um. Als Nachfolgegesellschaft von Koechlins Unternehmen entstand 1872 in Belfort die Société Alsacienne de Constructions Méchaniques (SACM). Nach dem Friedensvertrag von Versailles 1919 gehörte Elsass-Lothringen wieder zu Frankreich, woraufhin sich SACM und die Elsässische Maschinenbau-Gesellschaft Graffenstaden zusammenschlossen.

1928 gründeten die SACM und der Elektrokonzern Compagnie Française Thomson-Houston in Belfort das Jointventure Société Générale de Constructions Electriques et Mechaniques Alsthom (ALSacienne + THOMson). Die US-amerikanische Thomson-Houston Electric Company, eins der beiden Gründungsunternehmen der General Electric Company (GE), hatte 1893 eine französische Niederlassung gegründet, die sich noch bis 1953 teilweise im Besitz von GE befand. Das neue Unternehmen übernahm die Produktion der elektrischen Grubenlokomtiven, die Thomson-Houston bereits seit 1899 hergestellt hatte; Dampflokomotiven (bis 1955) und später auch Dieselloks (ab 1951) wurden weiterhin von der SACM gefertigt. 1932 erwarb Alsthom das Unternehmen Constructions Electriques de France (CEF) aus Tarbes, einen weiteren Hersteller von Elektro-Loks. 1945 ging Alsthom vollständig in den Besitz von Thomson-Houston über.

1969 wurde Alsthom von dem führenden französischen Elektrokonzern Compagnie Générale d' Electricité (CGE) übernommen. CGE war 1898 von dem Elektroingenieur Pierre Azaria als französisches Gegenstück zum deutschen Elektrokonzern AEG und zur US-amerikanischen General Electric Company in Paris gegründet worden. Aus dem Zusammenschluss der Telekommunikationsabteilungen von CGE (CIT/Compagnie Industrielle des Télécommunications) und Alcatel (gehörte seit 1968 zu CGE) entstand 1970 die CIT-Alcatel S.A. 1976 erwarb CGE das Schiffbauunternehmen Chantiers de l'Atlantique, das anschließend als Alsthom Atlantique firmierte.

Von 1969 bis 1972 entwickelte Alsthom den Hochgeschwindigkeitszug TGV (Train á Grande Vitesse). Der Prototyp TGV 001 führte im April 1972 die ersten Testfahrten auf der Strecke Denhaye – Bordeaux durch. Am 22. September 1981 weihte die französische Bahngesellschaft SNCF (Société Nationale des Chemins de fer français) mit dem zwischen 1978 und 1984 von Alsthom und Francorail gebauten TGV-PSE (TGV Sud-Est, TGV SE) die Strecke Paris – Lyon ein; der reguläre Liniendienst begann fünf Tage später. Von 1988 bis 1992 baute Alsthom den TGV Atlantique, der auf den Strecken nach West- und Südwestfrankreich zum Einsatz kommt; am 18. Mai 1990 stellte der TGV Atlantique mit einer Geschwindigkeit von 515,3 km/h einen neuen Weltrekord für Schienenfahrzeuge auf. Weitere TGV-Serien sind der TGV-Réseau (gebaut von 1991 – 1993 von GEC-Alsthom), der TGV Duplex (gebaut von 1995 – 1997 von GEC-Alsthom) und der TGV POS. Die TGV-Züge und die davon abgeleiteten Varianten (Eurostar Class 373, Renfe-Baureihe 100, KTX Korea Train eXpress) werden von den Bahngesellschaften Alleo (SNCF, Deutsche Bahn AG), Elipsos (Renfe/Spanien, SNCF), Eurostar International (Großbritannien; SNCF, CDPQ/Kanada, Hermes Infrastructure, NMBS/SNCB Nationale Maatschappij der Belgische Spoorwegen/Société nationale des chemins de fer belges), Korail (Südkorea), ONCF (Marokko; Office National des Chemins de Fer), SNCF (Frankreich), TGV-Lyria (SNCF, SBB Schweizerischen Bundesbahnen) und Thalys (SNCF, NMBS/SNCB Belgien) in Belgien, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Marokko, den Niederlanden, der Schweiz, Spanien und Südkorea eingesetzt. Alstom war zusammen mit Bombardier ab 1996 auch am Bau der 20 Exemplare des Hochgeschwindigkeits-Neigezugs Amtrak Acela Express beteiligt (Antriebsausrüstung). Gebaut werden die TGV-Züge im Alstom-Werk Belfort.

1989 gründeten die britische General Electric Company (G.E.C.), die mit dem gleichnamigen US-Konzern nichts zu tun hatte, und Alsthom das Jointventure GEC-Alsthom N.V., das den Bau der TGV-Züge und -strecken sowie die Kraftwerkssparte übernahm.

Alstom TGV
Alstom TGV

1994/1997 erwarb GEC-Alstom den traditionsreichen deutschen Schienenfahrzeughersteller Linke-Hofmann-Busch (LHB) aus Salzgitter, der zuvor zum Stahlkonzern Salzgitter AG gehört hatte. LHB wurde 1998 in Alstom LHB GmbH umbenannt (seit 2009 Alstom Transport Deutschland GmbH). Im Alstom-Werk Salzgitter werden heute Doppelstocktriebwagen, Niederflurstraßenbahnwagen, Regionalstadtbahnwagen, Regionaltriebwagen, S-Bahn- und U-Bahnwagen gefertigt. Weitere bedeutende Akquisitionen waren 1995/1999 der französische Schienenfahrzeughersteller De Dietrich Ferroviaire aus Reichshoffen (Elsass) und 1998 die AEG Energietechnik GmbH.

1991 benannte sich die CGE in Alcatel-Alsthom Compagnie Générale d'Electricité um. 1998 verkauften Alcatel-Alsthom und G.E.C. (seit 2000 Marconi) ihre Anteile an dem Jointventure GEC-Alsthom. Das abgespaltete Unternehmen nannte sich Alstom S.A. – nun in der neuen Schreibweise ohne »h«. 1999 fassten Alstom und der schweizer Elektrokonzern ABB (ASEA Brown Boveri) ihre Kraftwerkssparten in dem Gemeinschaftsunternehmen ABB Alstom Power zusammen (2000 ging das Jointventure in vollständigen Besitz von Alstom über).

2003 verkaufte Alstom das Industrieturbinengeschäft an Siemens, 2004 den Bereich Energieübertragung und -verteilung an den französischen Nuklear-Konzern Areva, 2005 die Antriebstechnik und industrielle Anlagentechnik an den Finanzinvestor Barclays Private Equity und 2006 die seit langem defizitäre Werft-Sparte Alstom Marine (vorm. Chantiers de l'Atlantique), die u.a. auch das damals größte Kreuzfahrtschiff der Welt »Queen Mary II« gebaut hatte, mehrheitlich an den norwegischen Schiffbaukonzern Aker Yards (75 Prozent – der Rest befindet sich weiterhin im Besitz von Alstom). 2000/2002 erwarb Alstom die Schienenfahrzeugaktivitäten von Fiat; Fiat Ferroviaria hatte in den 1960er und 1970er Jahren die elektro-hydraulische Neigetechnik entwickelt, die es Eisenbahnzügen erlaubt, schneller durch Kurven zu fahren (Pendolino).

2006 erwarb der französische Mischkonzern Bouygues (Hoch- und Tiefbau, Straßenbau, Immobilien, Medien, Telekommunikation) rund 21 Prozent der Alstom-Aktien, die zuvor dem französischen Staat gehört hatten. Bis 2007 stockte Bouygues seinen Anteil auf 30 Prozent auf.

2008 stellte Alstom den AGV (Automotrice à grande vitesse), den Nachfolger des TGV, der Öffentlichkeit vor. Seit 2012 setzt die private italienische Eisenbahngesellschaft Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV) den AGV auf den Strecken Mailand – Turin, Mailand – Neapel, Rom – Venedig und Rom – Bari ein.

2015 verkaufte Alstom seine Energiesparte Alstom Power (Biomasseanlagen, Dampferzeuger, Dampfturbinen, Gasturbinen, Generatoren, Müllverbrennungsanlagen, Pumpspeicherkraftwerke, Wasserkraftwerke, Service an Kraftwerksanlagen) an den US-Mischkonzern General Electric (GE). Damit ist der Konzern nur noch als Schienenfahrzeughersteller tätig (Hochgeschwindigkeitszüge, Nahverkehrs-Triebzüge, S-Bahn-Triebzüge, Straßenbahnen, U-Bahnen).

Der Hauptsitz der Alstom S.A. befindet sich Saint-Ouen-sur-Seine, einem nördlichen Vorort von Paris. Produktionsstandorte gibt es in Australien (Ballarat), Brasilien (São Paulo, Taubaté), China (Qingdao, Shandong, Xi'An), Deutschland (Salzgitter), Frankreich (Aix-en-Provence, Belfort, Duppigheim, La Rochelle/Aytré, Le Creusot, Ornans, Petite-Forêt, Petit-Quevilly, Reichshoffen, Saint-Ouen, Séméac, Villeurbanne, Vitrolles), Indien (Kangeyampalayam, Madhepura, Sri City), Italien (Bologna, Florenz, Modugno, Nola, Pescate, Savigliano, Sesto San Giovanni), Kanada (Brampton/Ontario, Ottawa/Ontario, Sorel-Tracy/Quebec), Kasachstan (Almaty), Polen (Chorzów/Katowice, Świętochłowice), Spanien (Santa Perpètua de Mogoda), Südafrika (Dunnottar/Gauteng) und den USA (Hornell/New York).

Ein geplanter Zusammenschluss von Alstom mit der Bahnsparte von Siemens (Siemens Mobility) wurde Anfang 2019 von der EU-Kommission untersagt.

Text: Toralf Czartowski | Foto(s): Pixabay

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Letzte Änderung der Seite: 16.06.2019 | 01:49