Markenlexikon

Air Berlin

Deutschland

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs durfte West-Berlin nur von Flugzeugen der Siegermächte angeflogen werden (Air France, British European Airways, Pan Am). Daneben gab es die US-Fluggesellschaft Aeroamerica, die ab 1975 im Auftrag anderer Airlines Charterflüge von den Flughäfen Tegel und Tempelhof in die Mittelmeerregion durchführte. Bereits 1978 kam Aeroamerica jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, sodass der Reiseveranstalter Berliner Flug-Ring (BFR) einen neuen Partner suchte; Aeroamerica stellte den Betrieb in Berlin 1979 ein.

Im Juli 1978 gründete das US-Agrar-und Holz-Unternehmen Lelco, das Leonard Lundgren gehörte, in Portland/Oregon die Fluggesellschaft Air Berlin USA. Die eigentlichen Geschäfte führten Lundgrens Sohn Kim, ein früherer Pan-Am-Pilot (1967 – 1977), und John MacDonald, zuvor Manager des in Konkurs gegangenen US-Ferienfliegers Modern Air. Hauptsitz des Unternehmens war Miami/Florida. Mit einer gebrauchten Boeing 707 flog Air Berlin am 28. April 1979 erstmals von Berlin nach Palma de Mallorca. Pilot des ersten Fluges war Kim Lundgren selbst. Den Namen Airberlin hatte Lundgren schon 1977 für eine kleine Lufttaxi-Firma, die Manager, Politiker und Prominente mit einer Rockwell/Aero Turbo Commander nach West-Berlin beförderte, verwendet.

Der 1980 geplante Einstieg ins innerdeutsche Liniengeschäft (u.a. Berlin – Frankfurt/Main) wurde jedoch von den alliierten Luftfahrt-Attaches nicht genehmigt und führte darüber hinaus dazu, dass Pan Am dem Reiseveranstalter BFR nun einen noch günstigeren Chartervertrag anbot, sodass Air Berlin den BFR-Kontrakt an Pan Am verlor. In einem Prozess gegen BFR konnten sich Air Berlin später zahlreiche Flüge zurückklagen. Weitere Ziele der Anfangszeit waren die Kanarischen Inseln und Nordafrika, außerdem Langstrecken-Charterflüge mit Liniencharakter nach Florida (Miami, Orlando). Nachdem die Florida-Flüge im Oktober 1981 eingestellt worden waren, wurde die vierstrahlige Boeing 707 durch zwei kleinere Boeing 737 ersetzt, die auf innereuropäischen Flüge wirtschaftlicher eingesetzt werden konnten. Die 737 in verschiedenen Ausführungen war jahrelang der einzige Flugzeugtyp den Air Berlin benutzte.

1990, als die Alliierten ihre Sonderrechte in der deutschen Hauptstadt verloren hatten, konnte Air Berlin nicht mehr nach US-Recht operieren. Das Unternehmen wurde 1991 in eine deutsche Gesellschaft mit Sitz im Flughafen Berlin-Tegel umgewandelt; Gesellschafter waren nun neben Lundgren auch der ehemalige LTU-Manager Joachim Hunold, Hans-Joachim Knieps (Ex-Vizevorstandschef der Bank für Gemeinwirtschaft) und Rudolf Schulte (Besitzer mehrerer Reisebüros und Mitinhaber des Hausgeräteherstellers Severin).

In den nächsten Jahren entwickelte sich Air Berlin zur zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft nach der Lufthansa, eine Position die durch mehrere Übernahmen (2006 dba Luftfahrtgesellschaft, 2007 LTU International Airways) und Beteiligungen (2004 NIKI Luftfahrt/Österreich, 2007/2009 Belair Airlines/Schweiz) noch gestärkt wurde. Durch die LTU-Akquisition kam Air Berlin in den Besitz mehrerer Langstrecken (u.a. China, Karibik, Südafrika, Thailand, USA).

Im Mai 2006 wurde Air Berlin als Aktiengesellschaft nach britischem Recht an der Börse notiert (Air Berlin PLC). Die Aktien gehörten damals der Deutschen Bank (16,36 Prozent), der Ringerike Luftfahrtbeteiligungs GmbH (Lundgren-Familie; 8,58 Prozent) und Hans-Joachim Knieps (8,40 Prozent), der Rest befand sich im Streubesitz (38,41 Prozent).

Der ungehemmte Expansionsdrang, mit dem Lundgren nie einverstanden gewesen war, führte jedoch bald zu schweren finanziellen Problemen. Kims Sohn Shane Lundgren, der ebenfalls jahrelang als Pilot und Flugkapitän für Air Berlin tätig gewesen war, verhandelte ab 2007 über den Verkauf der Familienateile sowie weiterer Air-Berlin-Anteile an die Fluggesellschaft Etihad Airways (Vereinigte Arabische Emirate). Ende 2011 erwarb Etihad schließlich 29,2 Prozent der Air-Berlin-Aktien. Die deutsche Fluglinie solllte als Zubringer für die Etihad-Strecken dienen. Trotzdem gelang es nicht, die Air Berlin zurück in die Gewinnzone zu bringen.

Nachdem Etihad im August 2017 die finanzielle Untersützung eingestellt hatte, musste Air Berlin einen Insolvenzeröffnungsantrag stellen. Am 1. November 2017 wurde schließlich das Insolvenzverfahren über das Vermögen der Air-Berlin-Gesellschaften (Air Berlin PLC & Co. Luftverkehrs KG, Air Berlin PLC, airberlin technik GmbH) eröffnet. Der letzte Air-Berlin-Flug fand am 27. Oktober 2017 statt, danach führte Air Berlin bis Ende Dezember 2017 nur noch einige Wetlease-Flüge für Eurowings durch. Teile der Airline übernahmen anschließend EasyJet (Flugzeuge, Besatzungen), Thomas Cook (Air Berlin Aviation) und Ryanair/Laudamotion (Vermögen der Niki Luftfahrt GmbH, Start- und Landerechte).

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 07.04.2020 | 14:34