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Aérospatiale

Frankreich

Die französische Luftfahrtindustrie ist eng mit der Stadt Toulouse und dem dortigen Flughafen in Toulouse-Blagnac verbunden. Bereits der Luftfahrtpionier und Erfinder Clément Agnès Ader (1841 – 1925) hatte in dieser südfranzösischen Stadt seine Wirkungsstätte. Die Flugversuche mit seinem selbstgebauten Nurflügel-Eindecker Éole, deren Luftschraube von einer 20 PS starken Dampfmaschinen angetrieben wurde, endeten in den 1890er Jahren jedoch mehrmals mit Abstürzen. Dafür bereicherte er die französische Sprache um das Wort »Avions« (Flugzeug), das er von dem lateinischen Wort »avis« (Vogel) abgeleitet hatte.

Pierre-Georges Latécoère (1883 – 1943), ein weiterer Luftfahrtpionier, gründete 1917/1918 in Toulouse die Flugboote-Firma SFA (Service des fabrications de l'aéronautique) und die Luftpost-Fluggesellschaft Compagnie Générale Aéropostal. Zu den Aéropostale-Piloten gehörte auch eine Zeitlang der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry (»Der kleine Prinz«, »Wind, Sand und Sterne«). Émile Dewoitine (1892 – 1979), einer der SFA-Angestellten, rief 1920 ein eigenes Flugzeugunternehmen ins Leben, die Société anonyme des avions Dewoitine (SAD; ab 1928 Société Aéronautique Française – Avions Dewoitine). Dewoitines Firma, die hauptsächlich Militärflugzeuge herstellte, wurde 1936/37 unter der Regierung des Sozialisten Léon Blum verstaatlicht – wie alle anderen französischen Flugzeug- und Rüstungsfirmen in dieser Zeit auch – und in die Societé Nationale de Constructions Aéronautiques du Midi (SNCAM) eingegliedert.

Neben der SNCAM entstanden noch sechs weitere Staatskonzerne: SNCASE (Société nationale des constructions aéronautiques du Sud-Est; Zusammenschluss der Firmen Lioré et Olivier in Argenteuil und Marignane, Potez in Berre-l'Étang, CAMS in Vitrolles, Romano in Cannes und SPCA in Marseille), SNCASO (Société nationale des constructions aéronautiques du sud-ouest; Zusammenschluss der Firmen Blériot in Suresnes, Bloch in Villacoublay und Courbevoie, SASO Société Aéronautique du Sud-Ouest in Bordeaux-Mérignac, UCA Usine de Construction Aéronautique in Bordeaux-Bègles, SAB Société Aérienne Bordelaise in Bordeaux-Bacalan und Lioré et Olivier in Rochefort), SNCAN (Société Nationale de Constructions Aéronautiques du Nord), SNCAO (Société nationale des constructions aéronautiques de l'ouest; Zusammenschluss der Firmen Breguet in Bouguenais und Loire-Nieuport in St Nazaire und Issy-les-Moulineaux), SNCAC (Société Nationale de Constructions Aéronautiques du Centre – Aérocentre; Zusammenschluss der Firmen Farman Aviation Works und Hanriot) und SNCM (Société Nationale de Construction de Moteurs (Flugzeugmotorenhersteller Lorraine).

Schon bald kam es zu weiteren Fusionen: 1941 schlossen sich SNCASO/SNCAO und SNCASE/SNCAM zusammen. Die SNCAC wurde 1949 unter SNCAN, SNCASO und SNECMA aufgeteilt. 1954 entstand aus dem Zusammenschluss von SNCAN und SFECMAS (Société Française d'Étude et de Construction de Matériels Aéronautiques Spéciaux) das Unternehmen Nord Aviation, das u.a. gemeinsam mit VFW und Hamburger Flugzeugbau (HFB) das militärische Transportflugzeug Transall C-160 (Erstflug 1963) entwickelte.

Im März 1957 gingen SNCASE und SNCASO in der neuen Gesellschaft Sud Aviation mit Sitz in Toulouse auf. Die bekanntesten Flugzeuge von Sud Aviation waren das zweistrahlige Kurz- und Mittelstrecken-Verkehrsflugzeug Caravelle (Erstflug 1955; Bauzeit: 1958 bis 1972; 282 Exemplare), das schon von SNCASE/Sud Est entwickelt worden war (daher auch die anfängliche Typenbezeichnung S.E.), und das Überschallverkehrsflugzeug Concorde (Erstflug 1969), das gemeinsam mit der British Aircraft Corporation (BAC) gebaut wurde.

Ab Mitte der 1950er Jahre befassten sich die Bristol Aircraft Company aus Großbritannien und Sud Aviation mit dem Entwurf eines Überschallverkehrsflugzeugs. Da die Entwicklungskosten für ein einzelnes Unternehmen zu hoch waren, arbeiteteten beide Firmen bei diesem Projekt ab 1962 zusammen. Beteiligt waren auch die Triebwerkshersteller Rolls-Royce und Société Nationale d'Etude et de Construction de Moteurs d'Aviation (SNECMA), die die Strahltriebwerke mit Nachbrenner (Olympus 593 Mk 610) für die Concorde entwickelten und bauten. Dem prestigeträchtigen Ergebnis gab man den Namen Concorde (frz. Eintracht).

Der französische Prototyp startete am 2. März 1969 von Toulouse aus zum Jungfernflug – zwei Monate nach dem das sowjetische Konkurrenzmodell Tupolev Tu-144 erstmals geflogen war (31. Dezember 1968). Am 9. April 1969 folgte der britische Prototyp. Am 1. Oktober 1969 übertschritt die Concorde erstmals Mach 1. Gebaut wurden die Flugzeuge in Toulouse bei Aérospatiale und in Filton bei der British Aircraft Corporation (entstand 1960 aus dem Zusammenschluss von Bristol Aircraft, English Electric Aviation und Vickers-Armstrong Aircraft). Finanziert wurde das Concorde-Projekt vom britischen und französischen Staat – beide Hersteller waren damals Staatsunternehmen.

Im Januar 1976 nahmen British Airways und Air France den Liniendienst mit der Concorde auf, u.a. nach Bahrein und Rio de Janeiro. Die Flugzeit über den Atlantik betrug etwa 3 bis 3,5 Stunden, die Flughöhe lag zwischen 15.000 und 17.700 Meter, die Reisegeschwindkeit bei Mach 2,1 und die maximale Reichweite bei 6000 Kilometer. Die Tickets waren rund 20 Prozent teurer als Tickets für die erste Klasse in normalen Flugzeugen. Bei enger Bestuhlung konnte die Concorde 144 Personen befördern. Die Ölkrise, ausufernde Kosten durch den enorm hohen Kerosinverbrauch und das gesteigerte Umweltbewusstsein schreckten jedoch potentielle Käufer ab. Viele Flughäfen verweigerten der Concorde wegen der Lautstärke der Triebwerke (119,5 dB) die Landegenehmigung; mit Überschallgeschwindigkeit durfte sie nur über dem Meer fliegen, da das Durchbrechen der Schallmauer über dem Festland verboten war. 1979 musste die Produktion wegen mangelnder Rentabilität wieder eingestellt werden. Insgesamt wurden nur 20 Maschinen (2 Prototypen, 2 Vorserienmodelle, 16 Serienflugzeuge) für Air France und British Airways gebaut. Ab 1982 führten beide Fluggesellschaften nur noch Linien- und Charterflüge von Paris und London nach New York durch.

Infolge des Absturzes einer Air-France-Concorde im Juli 2000 bei Paris, wurden die Concorde-Flüge 2003 schließlich eingestellt. Der allerletzte Flug fand am 26. November 2003 statt (Überführung einer British-Airways-Concorde von London-Heathrow zum Luftfahrt-Museum in Filton). Die noch existierenden Flugzeuge (u.a. auch die Prototypen) stehen heute in zahlreichen Museen (Brooklands, Duxford, Edinburgh, Le Bourget, New York, Seattle, Sinsheim, Washington), auf Flughäfen (Charles de Gaulle Paris, Grantley Adams Barbados, Le Bourget Paris, London-Heathrow, Manchester Airport, Paris-Orly) und auf Firmengeländen (BAE Systems Filton, EADS/Airbus Toulouse).

Daneben entstanden bei Sud-Aviation und den Vorgängerfirmen Sud-Ouest und Sud-Est auch verschiedene Hubschraubermodelle (u.a. 1949 Sud-Ouest S.O.110 Ariel, 1952 Sud-Est S.E.3120, 1955 SE 313B Alouette II, 1959 SA 316B Alouette III, 1962 SA 321 Super Frelon, 1965 SA 330 Puma, 1968 SA 341 Gazelle, 1969 SA 315B Lama, 1972 SA 365 Dauphin, 1974 AS 350 Ecureuil, 1978 AS 332 Super Puma/AS 532 Cougar, 1979 AS 355E Ecureuil 2), die teilweise noch heute als Airbus Helicopters gebaut werden. 1970 schlossen sich Sud Aviation, Nord Aviation und SÉREB (Societé d'Etudes et de Réalisation d'Engins Balistiques) zur Société Nationale Industrielle Aérospatiale (SNIAS; kurz Aérospatiale) zusammen.

1969 begann die Entwicklung des Mittel- und Langstrecken-Verkehrsflugzeugs Airbus A300. Als Ausgangsbasis dienten mehrere Design-Studien, die seit 1965 von der britisch-französischen HBN Group (Hawker-Siddeley, Bréguet, Nord Aviation) in Hatfield entwickelt worden waren. Im Dezember 1970 entstand in Paris die Dachorganisation Airbus Industrie GIE (Groupement d'intérêts économiques) – beteiligt waren zunächst Aérospatiale und die Deutsche Airbus GmbH (MBB Messerschmitt-Bölkow-Blohm, Dornier, VFW-Fokker) sowie Hawker-Siddeley Aviation aus Großbritannien als assozierter Partner und ab Dezember 1971 das spanische Staatsunternehmen Construcciones Aeronáuticas (CASA). Der A300 absolvierte seinen Jungfernflug am 28. Oktober 1972. Der Linieneinsatz erfolgte seit Mai 1974. Die erste Fluggesellschaft, die den Airbus einsetzte, war Air France.

In den 1970er Jahren waren Aérospatiale (heute Airbus Group), Matra (heute Airbus Group), SEP (heute Snecma), Air Liquide, MBB/ERNO (heute Airbus Group), GEC/Marconi (heute Ericsson), Oerlikon Contraves (heute Rheinmetall Air Defence) und MAN Technologie (heute MT Aerospace) an der Entwicklung der europäischen Trägerrakete Ariane (Erststart 1979) beteiligt. Die 1980 gegründete Dachgesellschaft Arianespace S.A. (Courcouronnes), die die Ariane-Raketen finanziert, produziert, vermarket und betreibt, gehört heute mehrheitlich der französischen Raumfahrtbehörde CNES (Centre national d'études spatiales) und der Airbus-Group.

1984 schlossen die Regierungen von Frankreich und Deutschland mit Aérospatiale und MBB einen Vertrag über die Entwicklung des modernen Panzerabwehr- und Unterstützungshubschraubers Tigre/Tiger. Die Realisierung zog sich jedoch aus Kostengründen noch jahrelang hin, der Jungernflug des Aérospatiale Tigre PT1 fand erst 1991 statt.

1992 gründeten Aérospatiale und die DASA zur Abwicklung des Tiger-Programms das Jointventure Eurocopter, in dem auch alle anderen Hubschrauberaktivitäten von Aérospatiale und DASA/MBB eingebracht wurden.

1998 schlossen sich Aérospatiale und der Luft- und Raumfahrtkonzern Matra Hautes Technologies zur Aérospatiale-Matra S.A. zusammen. Der 1945 gegründete Matra-Konzern (S.A. Mécanique Aviation Traction) war im Laufe der Jahrzehnte in den unterschiedlichsten Branchen tätig (Flugzeugmotoren, militärische Raketen, taktische Lenkwaffen, Satelliten, Radarabwehrsystemen, Startbahnbomben, Marschflugkörper, Drohnen, Komponenten für die europäische Trägerrakete Ariane und das Raumlabor Spacelab, Kunststoffe für Fahrzeugkarosserien, Automobilbau, Motorennsport, Verlage, Rundfunksender).

Im Mai 2000 riefen Aérospatiale-Matra (war 1998 aus dem Zusammenschluss von Aérospatiale und dem Rüstungskonzern Matra Hautes Technologies entstanden), BAE Systems (Matra-Marconi Space) und DaimlerChrysler Aerospace (Dornier Satellitensystem GmbH) das Jointventure Astrium ins Leben. Zwei Monate später schlossen sich die Aérospatiale-Matra S.A. und die DaimlerChrysler Aerospace AG (die frühere Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH und DASA/Deutsche Aerospace AG), die kurz zuvor auch die CASA S.A. übernommen hatte, zum europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern European Aeronautic, Defence and Space Corporation EADS N.V. zusammen (seit 2014 Airbus Group).

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 26.02.2019 | 00:37