Markenlexikon

Winchester

USA

Mit Ausnahme der Colts dürfte keine Waffe öfters in Western-Romanen oder -filmen vorgekommen sein, als die mächtigen Winchester-Gewehre. Hollywood hat sie 1950 sogar in einem Filmtitel verewigt (»Winchester 73«). Schon von weitem waren die Winchester-Büchsen an den polierten Messingkästen erkennbar, was manchmal ausreichte, um dem Besitzer den gewünschten Respekt zu verschaffen, ohne dass ein Schuss gefallen war. Der Namensgeber Oliver Fisher Winchester (1810 – 1880) hatte allerdings zunächst wenig mit Waffen zu tun; er war kein Waffenschmied oder Schlosser, sondern Zimmermann. Dieser Job schien ihm allerdings nicht besonders zu liegen, denn 1837 eröffnete er in Baltimore ein Bekleidungsgeschäft für Herren. 1848 gründete er in New Haven/Connecticut eine Hemdenfabrik, die bald zu den größten amerikanischen Bekleidungsunternehmen heranwuchs.

Die Gewinne aus dieser Firma investierte er ab 1856 in die Volcanic Repeating Arms Company, eine Waffenfabrik die die beiden Waffenschmiede Horace Smith und Daniel Baird Wesson ein Jahr zuvor in Norwich/Connecticut gegründet hatten. Beide verließen die Firma jedoch wieder, um Smith & Wesson in Springfield/Massachusetts zu gründen. Zur gleichen Zeit meldete Rollin White, ein früherer Angestellter aus Samuel Colt's Waffenfabrik, den ersten Revolver, der von hinten geladen werden konnte, zum Patent an. Volcanic erwarb die Nutzungsrechte und brachte den Hinterlader-Revolver auf den Markt. Die revolutionäre Waffe konnte sich jedoch zunächst nicht durchsetzen, da sie noch sehr fehleranfällig war, ebenso die von Benjamin Tyler Henry entwickelten Volcanic-Repetiergewehre. 1857 machte Volcanic Pleite.

Oliver Winchester gründete das Unternehmen 1860 unter dem Namen New Haven Arms Company neu; 1866 wurde es in Winchester Repeating Arms Company umbenannt. Nachdem Tyler Henry und sein Nachfolger Nelson King den Volcanic-Mechanismus verbessert hatten, avancierten die Winchester-Gewehre, vor allem die Modelle Henry Rifle (1862), Winchester 1866 und Winchester 1873, neben Colts Revolvern zu den Lieblingswaffen von Sheriffs, Marshalls, Jägern und Banditen. Sie konnten mit siebzehn Patronen geladen werden und besaßen aufgrund der verstärkten Mechanik im inneren der Gewehre sowie einer neuen Art von Munition eine bis dahin nicht gekannte Reichweite und Durchschlagskraft. Ab 1878 konnte zudem für die Winchester und die Colts die gleiche Munition verwendet werden. Von 1885 bis 1895 wurden die Winchester-Gewehre von dem berühmten Waffenkonstrukteur John Moses Browning konstruiert. Alle Gewehre, die die Winchester-Fabrik verließen, wurden zunächst genau eingeschossen. Die dabei verwendeten Schießscheiben legte man den Gewehren sozusagen als Garantiekarte bei. Die Gewehre mit einem besonders gutem Schussbild erhielten die Bezeichnung »One of one thousand«, die mit den nicht ganz so überzeugenden Treffern »One of one hundred«.

Oliver Winchester starb im Dezember 1880 im Alter von 70 Jahren, sein Sohn William, der die Firma weiterführen sollte, nur drei Monate später 43-jährig an Tuberkulose. Der frühe Tod ihres Mannes und ihrer Tochter (1866), die schon einige Wochen nach der Geburt verstorben war, führte dazu, dass sich Sarah Winchester von den Geistern der vielen Toten, die mit Winchester-Gewehren erschossen worden sind, verfolgt fühlte. Mit einem Teil des riesigen Vermögens, das sie geerbt hatte, ließ sie von 1884 bis zu ihrem Tod im Jahr 1922 in San José/California ein chaotisches, labyrinthartiges Haus errichten, um die bösen Geister zu vertreiben. Das Winchester Mystery House gehört heute zu den Touristenattraktionen Kaliforniens.

1931 wurde die Winchester Repeating Arms Company von der Western Cartridge Company (gegründet 1898 von Franklin Walter Olin) übernommen und 1944 in den neugeschaffenen Konzern Olin Industries (ab 1969 Olin Corporation) eingegliedert. Western Cartridge teilte sich 1981 in zwei Unternehmen auf: die United States Repeating Arms Company (Winchester-Gewehre), die von den Angestellten übernommen wurde, und die Winchester Ammunition Inc. (Munitionsherstellung), die sich weiterhin im Besitz von Olin befand. U.S. Repeating ging bereits 1989 in Konkurs. Daraufhin übernahm die belgischen Fabrique Nationale de Herstal das Unternehmen. FN-Herstal gehört auch der US-Waffenhersteller Browning. 2006 wurde die 140 Jahre alte Fabrik in New Haven/Connecticut geschlossen. Hergestellt werden die Winchester-Gewehre nun in einer FN-Herstal-Fabrik in Columbia/South Carolina.

Text: Toralf Czartowski

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Letzte Änderung der Seite: 19.05.2018 | 15:55